Gespräch

»Biologischer Unsinn«

Herr Kekulé, machen Sie uns glücklich und antworten bitte mit ja: Sind Juden klüger als Nichtjuden?
Diese Kernfrage jüdischen Sendungsbewusstseins hat der Soziologe Alphons Silbermann bereits umfassend beantwortet: »Es gibt nur kluge Juden – die dummen lassen wir taufen.«

Aber Thilo Sarrazin, der wegen seiner Thesen zur Migration heftig umstrittene Bundesbanker, meint das ganz im Ernst. Einen großen Teil der hier lebenden Türken und Araber hält er dagegen nicht für die Allerschlauesten.
Sarrazin bezieht sich auf die schon lange bekannte Tatsache, dass in Deutschland lebende Muslime statistisch schlechtere Schulnoten haben, häufiger von Sozialleistungen leben und an Gewalttaten beteiligt sind als andere Menschen mit Migrationshintergrund. Er bekommt mit dieser trivialen Aussage nur deshalb so viel Resonanz, weil das Thema von Politikern und liberalen Medien lange tabuisiert wurde. Ich meine aber, dass man die Fakten hier offen und ohne Abwertung des muslimischen Glaubens diskutieren sollte. Es gibt in Deutschland, und allgemein in Mitteleuropa, ein Integrationsproblem, das dringend gelöst werden muss – gerade, um zu verhindern, dass radikale Thesen wie die des Herrn Sarrazin auf fruchtbaren Boden fallen.

Sarrazin sagt, Deutschland würde verdummen, weil der Anteil der Türken und Araber an der Bevölkerung ständig steigt.
Wie viele Demagogen vermischt Sarrazin ein wahres Problem mit unwahren Diffamierungen. Es stimmt, dass in Deutschland Menschen aus bildungsfernen Schichten mehr Kinder bekommen als Akademiker und beruflich Erfolgreiche. Das gilt aber für Zuwanderer und autochthone Deutsche gleichermaßen. Das ei- gentliche Problem liegt nicht bei den Einwanderern, sondern an unserem eigenen Wertesystem: Unsere sogenannte Elite verzichtet lieber auf Kinder als auf Geld und Karriere. Junge Familien haben es nach wie vor schwer, Beruf und Kinder zu verbinden. Was den sozialen Wert von Kindern angeht, könnten wir von den Muslimen einiges lernen.

Sarrazin ist überzeugt davon, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent vererbbar ist. Stimmt das denn?
Auch hier zerrt Sarrazin ein Tabu aus der Kiste und versucht, damit seine diskriminierenden Forderungen zu belegen. Um es offen auszusprechen: Ja, Intelligenz ist teilweise vererb- bar und ja, es gibt statistische Intelligenzunterschiede zwischen den autochthonen Einwohnern verschiedener Erdregionen. Eineiige Zwillinge haben in 85 Prozent der Fälle einen ähnlichen Intelligenzquotienten. Wenn beide Elternteile hochintelligent sind, wird etwa die Hälfte ihrer Kinder wieder hochintelligent. Wenn Sie Intelligenztests mit Mitteleuropäern machen, schneiden diese statistisch besser ab als afrikanische Buschmänner oder australische Aborigines.

Bedeutet das, wie Thilo Sarrazin behauptet, der Erfolg eines Staates hängt davon ab, wie viel Intelligenz in dessen Genpool steckt?
Eben nicht, genau hier liegt Sarrazins Fehlschluss. Intelligenztests messen doch nur einen winzigen Teil der menschlichen Fähigkeiten. Ursprünglich wollte man damit den Teil der mentalen Begabungen messen, der angeboren ist. Deshalb sind diese Tests auf bestimmte, leicht quantifizierbare Fähigkeiten des abendländischen Kulturraums standardisiert. Doch gerade herausragend begabte Wissenschaftler und Künstler schneiden in IQ-Tests oft nur durchschnittlich ab, ebenso wie Manager und Politiker. Hochbegabte denken häufig umständlich, haben unorthodoxe Assoziationen und lösen IQ-Aufgaben langsamer als Durchschnittsmenschen. In vielen Berufen sind emotionale und soziale Fähigkeiten wichtiger für den Erfolg als der IQ.
Können Menschen mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten also trotzdem erfolgreich sein?
Jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten, die entdeckt und gefördert werden müssen. Für den Erfolg unseres Staates ist es keineswegs dienlich, lauter Intelligenzbestien zu züchten. Stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und der Gesellschaft damit auf ihre besondere Weise nützen können. Dazu gehört natürlich, dass alle Vorschulkinder Deutsch lernen und dass soziale Schmarotzer aus ihrer Lethargie gerissen werden – unabhängig von Herkunft und Glaubensrichtung.

Ist Sarrazins Argumentation biologistisch oder schon rassistisch?
Sie ist nicht wirklich rassistisch, weil »die Muslime« weder eine Rasse noch eine genetisch definierte Gruppe sind. Sie ist nicht einmal biologistisch, weil seine Argumentation auch biologischer Unsinn ist. Die Intelligenzverteilung ist bei Türken und Arabern ähnlich wie bei autochthonen Mitteleuropäern. Und natürlich teilen auch nicht alle Juden »ein bestimmtes Gen«, wie Sarrazin zitiert wird – das ist angesichts der vielen ethnischen Gruppen des Judentums grober Unsinn. Sarrazin diffamiert den Islam, indem er unterstellt, Muslime seien genetisch dümmer und aufgrund ihres religiösen und kulturellen Hintergrundes nicht willens, die in Deutschland geforderten Fähigkeiten zu erwerben. Wenn umgekehrt ein Mus- lim das über Christen sagte, würde man ihn wohl am ehesten als »Fanatiker« bezeichnen.

Mit dem Biochemiker und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle sprach Christian Böhme.

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  10.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026

Berlin

Bund gibt mehr Geld für Gedenkstätten

Die deutschen Gedenkstätten erhalten von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Fördermittel - für Projekte, aber auch für den Schutz der Orte und Mitarbeiter.

 10.08.2026

Interview

»Woher haben Sie die Noten?«

Kantor Assaf Levitin und der Verleger Christoph Koop über die Edition »Hashivenu« von Kompositionen für die Synagoge – und das Interesse auch von nichtjüdischen Chören an der Musik »Made in Germany«

von Christine Schmitt  10.08.2026

Musik

Wurde Boy George bei einem Konzert in Frankfurt sabotiert?

Techniker sollen seine In-Ear-Monitore immer lauter gedreht haben, bis der britische Pop-Star seinen Auftritt abbrach

von Imanuel Marcus  10.08.2026

Aufgegabelt

Zitronen-Zaatar-Hühnchen

Rezepte und Leckeres

 09.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Berlin

Einsatz gegen Judenhass: Iris Berben erhält Deutschen Kulturpolitikpreis

Die Schauspielerin steht nicht nur vor der Kamera, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich. Der Deutsche Kulturrat würdigt diese Leistung mit einem Preis. Igor Levit ist Laudator

 07.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026