Konzerthaus Berlin

Biografische Klänge

»Ich kann meine Heimat lieben, selbst wenn ihre derzeitige politische Verfassung nicht meinen Vorstellungen entspricht«: Iván Fischer Foto: dpa

Dirigieren, sagt Iván Fischer, sei ja nur ein »Kratzen an der Oberfläche«. Beim Komponieren gehe es indes ans Eingemachte. Das sei »echt persönlich«. Wenn der Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin am 25. Juni seine eigenen Werke vorstellt, »wird man vielleicht mehr über mich erfahren, als mir lieb ist«. Dabei ist Fischer, wenn er in den Spiegel seiner eigenen Klänge blickt, durchaus zufrieden mit sich. »Dann sehe ich viel Humor und eine gewisse Selbstironie – auch im Umgang mit den großen Themen meines Lebens, meiner Familie und meiner Herkunft.«

In Werken wie »Spinoza-Übersetzungen« oder eine »Deutsch-Jüdische Kantate« geht Fischer spielerisch mit der eigenen Vergangenheit um. »Als Kind einer jüdischen Familie in Ungarn bin ich unter einer Bücherkiste aufgewachsen, auf der eine Büste Goethes stand«, erzählt er. »Gleichzeitig haben meine Eltern mir immer wieder die Geschichte meiner Großeltern erzählt, die im Konzentrationslager ermordet wurden. Für mich passte das lange Zeit nicht zusammen: Wie konnten Goethe, Beethoven und Brahms unsere Familiengötter sein? Wie konnten wir die Kultur jener Nation so dermaßen verehren, die auch jene Tötungsmaschine erfunden hat, der meine Großeltern zum Opfer fielen?«

gegensatz Es dauerte, bis Fischer diese Widersprüche für sich auflösen konnte, bis er akzeptieren konnte, dass die Deutschen seine Oma getötet, aber eben auch wunderbare Gedichte und Musik hervorgebracht haben. »Heute lebe ich in Ruhe und Frieden mit diesem Gegensatz«, sagt er. »Ich bewundere die deutsche Aufarbeitung der Vergangenheit und würde sie mir auch für Ungarn wünschen.«

Denn diesen Gegensatz hat der Musiker ebenfalls zu überbrücken. Fischer selbst nennt sich einen »patriotischen Ungarn«, einen, der keine Identifikationsprobleme mit seiner Heimat hat – und dennoch tief erschüttert ist über die Regierung Orbán. »Auch das ist ein Widerspruch, der eigentlich keiner ist: Ich kann meine Heimat lieben, selbst wenn ihre derzeitige politische Verfassung nicht meinen persönlichen Vorstellungen entspricht.«

Am Ende, so Fischer, reduziere sich doch stets alles auf den größten gemeinsamen Nenner, den Humanismus, den er besonders bei Spinoza und in der Musik kennengelernt hat. »Egal, ob es sich um Deutsche, Ungarn oder Flüchtlinge handelt«, sagt er, »nüchtern betrachtet handelt es sich immer erst einmal um Menschen.«

Heavy Metal Auf die zwischenmenschliche Kommunikation durch Klang setzt Fischer auch in seiner Musik. Sie ist keine Avantgarde aus dem Elfenbeinturm, sondern ein eklektizistisches Sammelsurium aus allen Stilen und Epochen. »Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Sprache, die wir alle verstehen, die Sprache der Vielfalt ist«, findet er. »Egal, ob Monteverdi, Bruckner oder Heavy Metal – all das fließt einfach aus unseren Radios. Und es ist diese Mischung aus allem, die uns in unserer Zeit ausmacht.« Für Fischer ist es deshalb nur logisch, sich in dieser Sprache der Vielfalt auszudrücken. »Auch, weil ich mit meiner Musik verstanden werden will, weil mir das Publikum nicht egal ist.«

Wie intim die Kompositionen Fischers zuweilen sind, zeigt das letzte Stück aus dem Berliner Konzertprogramm. Die satirische Kleinoper Tsuchigumo hat er einst für seinen Sohn, seine Frau und einen Freund der Familie komponiert. Im Konzerthaus wird nun Fischers Tochter singen und das Podium damit auch ein bisschen zum Wohnzimmer der Familie verwandeln, in der ihre private und doch so typische Vergangenheit und Herkunft eine Ordnung in der Musik finden.

Konzerthaus Berlin, Gendarmenmarkt, 25. und 26. Juni, www.konzerthaus.de

Interview

»Israel zu retten, bedeutet, die Menschheit zu retten«

Die Berliner Kabarettistin Michaela Dudley über die historische Allianz zwischen Schwarzen und Juden, Antisemitismus in den Medien – und warum sie seit dem 7. Oktober 2023 oft »gecancelt« wird

von Helmut Kuhn  16.08.2026

Kulturkolumne

Rückkehr nach Aschkenas

Wo sind Juden zu Hause?

von Eugen El  16.08.2026

Zahl der Woche

0 Euro

Fun Facts und Wissenswertes

 16.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Small Talk oder Die anstrengende Zeit nach dem Urlaub

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Aufgegabelt

Sauerkirschsuppe mit Sauerrahm

Rezepte und Leckeres

von Noemi Berger  16.08.2026

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026