Philosophie

Ausschluss auf Augenhöhe

»Ohne Gefahr reden und disputieren können«: Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) auf einem Kupferstich von Heinrich Guttenberg Foto: dpa

Am 28. Juni jährte sich der Geburtstag eines der großen Denker der Moderne zum dreihundertsten Mal: Jean-Jacques Rousseau, in Genf geboren, bei Paris gestorben, Migrant im Dauerzustand, nicht nur räumlich, sondern auch intellektuell. Wie viele Denker der Aufklärung war Rousseau noch das, was man heute einen Universalgebildeten nennen würde. Sein Gesellschaftsvertrag ist aus keiner Bibliothek wegzudenken, und noch heute lesen die Studierenden seinen Émile in den ersten Semestern als Basislektüre der Erziehungswissenschaft.

Rousseaus Ideen haben die (Denk-)Welt revolutioniert. Vor allem seine idealtypische Konzeption eines Gesellschaftsvertrags legte die Grundlage für radikal- und basisdemokratische Initiativen. Dass Rousseaus Traum einer Tugend-Republik, in der jeder über alles mitbestimmt und dann konsensual entschieden wird, mit der großen Gefahr einer moralischen Tyrannei einhergeht und überdies wegen ihrer Kompromisslosigkeit nie von der Utopie zur Realität werden kann, erlebte auch Rousseau selbst, als seine beiden Verfassungsentwürfe – einer für Polen und einer für Korsika – glorreich scheiterten.

Religion Ein Schlüsselmotiv in Rousseaus Denken über Staat, Gesellschaft und Erziehung ist das der Bürgerreligion. Geboren aus dem Geist der Aufklärung, kreist sein Konzept der Bürgerreligion um die Frage der Zustimmung der Beherrschten zu ihrer Herrschaft über den Modus der Vernunft. Der »Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten« lautet eine der einleitenden Passagen des Gesellschaftsvertrags, die Rousseau in seiner Utopie einer Tugend-Republik damit kontrastiert, dass, wer nicht frei sein wolle, eben dazu gezwungen werden müsse.

Die Einsicht in die Vernunft als Zwangsinstrument nimmt bei Rousseau einen eigentümlich religiösen Charakter an. Der Philosoph wanderte nicht nur zwischen den intellektuellen Welten, sondern auch zwischen den Religionen: So wurde er vom Calvinisten zum Katholiken und wieder zum Calvinisten, um schließlich ein Selbstverständnis von natürlicher Religion anzunehmen, das irgendwo zwischen aufgeklärter Vernunftethik und Verklärung von primitiver Natürlichkeit lag.

In diesem widersprüchlichen Spannungsfeld steht auch Rousseaus Beschäftigung mit dem Judentum: Sein Denken ist geprägt von einem auch und gerade gegenüber dem Judentum formulierten religiösen Toleranzgedanken, zugleich aber beseelt von dem Glauben an die »vernünftige« Missionierbarkeit derer, die nicht der staatlichen Bürgerreligion folgen wollen. In seinem Erziehungsroman Émile schreibt Rousseau, Juden sollten aufgrund ihrer Ausgrenzung und Verfolgung einen eigenen Staat mit eigenen Kultur- und Bildungseinrichtungen erhalten, um ihre Diskriminierung durch andere Religionen zu beenden.

So lässt Rousseau im Émile einen seiner Hauptakteure mit Blick auf die antijüdischen Diskriminierungsmechanismen in christlichen Gesellschaften sagen: »Kennen Sie wohl viele Christen, die sich die Mühe genommen haben, dasjenige sorgfältig zu untersuchen, was das Judentum wider sie anführt? Wenn einige unter ihnen etwas davon gesehen haben, so haben sie es in den Büchern der Christen gelesen.«

Um darauf, etwas später, dann selbst zu antworten und die Wichtigkeit einer ernsthaften Auseinandersetzung auf freier Grundlage zu betonen: »Ich werde nie glauben, die Gründe der Juden wohl gehört zu haben, so lange sie nicht eine freie Verfassung, Schulen, Universitäten haben, in denen sie ohne Gefahr reden und disputieren können. Alsdann nur werden wir das wissen können, was sie zu sagen haben.«

Dialog Zugleich werden die Vorzüge des Christentums als Bürgerreligion ausführlich gepriesen. So sind Rousseaus Toleranzeinforderungen in erster Linie dazu gedacht, einen Dialog zu ermöglichen, der auf Augenhöhe geführt werden soll, also Gleichberechtigung schaffen will – aber eben um den Preis der Desintegration und des Ausschlusses der Juden aus allen anderen Gesellschaften.

Wichtig an Rousseaus Toleranzbegriff ist, dass er in seinem Konzept der Bürgerreligion, die immer nur für einen Staat und nicht für die ganze Menschheit gelten soll, jeder Religion das Potenzial für den Status einer Bürgerreligion zuspricht, die ihrerseits andere Religionen toleriert. Jeder Staat bedürfe zu seiner Legitimation einer Bürgerreligion, der sich alle unterwerfen sollen, was letztlich bedeutet, die – religiös oder weltlich begründeten – grundsätzlichen Werte und Normen einer Gesellschaft aktiv mitzutragen und vollumfänglich zu akzeptieren.

Genau hier liegt aber auch der nicht auflösbare Widerspruch: der zwischen abstrakter und konkreter Bürgerreligionsvorstellung. Abstrakt sind es für Rousseau mit Natürlichkeitsmythen vermischte Konzepte eines Christentums der Evangelien, die der optimalen Bürgerreligion am nächsten kommen; konkret kann die Funktion einer Bürgerreligion aber jede Religion ausfüllen, sofern sie andere Religionen toleriert.

Und damit legt Rousseau in seinem Werk selbst den Grundstein für zwei sehr unterschiedliche Rezeptionslinien: eine, die auf Hegemonie und Ausgrenzung beruht, und eine, die Integration und Toleranz einfordert. Dass diese Ambivalenz von seinen Rezipienten in die eine oder andere Richtung aufgelöst wurde, kann man Rousseau freilich nicht zum Vorwurf machen.

Der Autor ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen.

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