Jüdischer Salon

Ausblick in die Zukunft

Beim ersten Jüdischen Salon der Bildungsabteilung sprachen Sabena Donath und Doron Kiesel (r.) mit Zentralratspräsident Josef Schuster. Foto: Eugen El

Der Blick in die Zukunft ist Programm. Der neue Jüdische Salon des Zentralrats der Juden in Deutschland startete am Montag unter dem Motto »Horizonte in der Krise«. Zugleich war die Premiere auch gegenwärtig und geschichtsbewusst.

Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung im Zentralrat, und deren wissenschaftlicher Direktor Doron Kiesel eröffneten die neue Online-Reihe mit einem Gespräch mit Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Begegnung fand ohne Publikum in einem Lokal in Frankfurt statt. Der Übertragung auf YouTube und Facebook folgten am Montagabend mehr als 1200 Nutzer.

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Wie er die Corona-Krise wahrnehme, wollte Donath zu Beginn des Gesprächs mit dem Zentralratspräsidenten wissen. »Keiner von uns hat eine solche Situation erlebt bis jetzt«, bekannte Schuster. Am einschneidendsten seien für ihn die Pessachtage gewesen: Familienbesuche waren nicht möglich und auch die Synagogen geschlossen.

»Ich denke, es hat Wesentliches an Pessach gefehlt«, sagte Schuster und lobte die Gemeinden, unter anderem die Frankfurter, dafür, den Gemeindemitgliedern zuvor auf Video aufgenommene Gottesdienste zur Verfügung gestellt zu haben.

DEMONSTRATIONEN Die jüngsten Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen und die nicht nur dort vorgebrachten Verschwörungsmythen beunruhigen Doron Kiesel. Er sprach von einer »zunehmend antisemitischen und populistischen Haltung solcher Demonstrationen«.

»Ich bin sehr bewusst als jüdischer Junge in Würzburg aufgewachsen.« Josef Schuster

»Das, was wir im Moment erleben, überrascht mich leider nicht«, entgegnete Josef Schuster. Auch als die Umfragen die Regierungsparteien noch im Aufwind und die AfD im Abwärtstrend sahen, sei er sich sicher gewesen, dass die Stimmung kippen werde. Man kenne es aus der Geschichte: In Krisen würden Schuldige gesucht. Minderheiten, und insbesondere auch Juden, würden immer als Erste als Schuldige genannt. Man solle und könne das aber nicht tatenlos hinnehmen, mahnte Schuster.

Es gebe Menschen, die demonstrierten, weil es ihnen um die Frage der Beschneidung der Grundrechte geht. Risiko und auch Fakt sei, so Schuster, dass Menschen unter den Protestierern sind, deren Ziel es ist, die Demokratie auszuhöhlen. »Dass die Medien dieses Thema deutlich aufgreifen, ist sehr wichtig«, betonte der Zentralratspräsident.

Kiesels Frage, ob er von den politisch und juristisch Verantwortlichen klare Reaktionen erwarte, bejahte Schuster. »Ich denke, wir haben auch klare Reaktionen gehört.« Im Nachdenken über den Antisemitismus und die Frage, ob man als Jude in Deutschland leben kann, zeigte sich Josef Schuster als Realist. Von der Utopie, dass »Deutschland ganz frei von Antisemitismus« sein könne, habe er sich leider schon sehr lange verabschiedet. Er habe nicht den Eindruck, dass die Anzahl von Menschen mit Ressentiments gegen Juden größer geworden ist, sondern vielmehr die Bereitschaft, den Judenhass zu artikulieren.

RESSENTIMENTS Sein Gefühl sei, dass auch im Ausland der Anteil der Menschen mit antijüdischen Ressentiments nicht höher und nicht niedriger sei. Der Zentralratspräsident würdigte das Eintreten der Bundesregierung und aller im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien für den Schutz des jüdischen Lebens in Deutschland.

Das sehr dichte, konzentrierte Gespräch bot einen Zukunftsausblick auf mehreren Ebenen.

Schuster erzählte von seinem Vater und seinem Großvater, die 1937 nach Dachau deportiert und später ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurden. Seinem Vater sei es später wichtig gewesen, an den Gedenkveranstaltungen in Dachau teilzunehmen. Er selbst sei im Alter von sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal dabei gewesen, erinnerte sich Schuster. Geboren ist er in Israel. Nachdem seine Großeltern sich ihren Grundbesitz im unterfränkischen Bad Brückenau restituieren lassen konnten, habe sich sein Großvater jedoch 1956 entschlossen, nach Deutschland zurückzugehen.

Seine Eltern folgten und kamen aus Haifa nach Würzburg, wo es, anders als in Bad Brückenau, eine jüdische Gemeinde gab. Der Zentralratspräsident erinnerte sich an seine deutsch-jüdisch geprägte Kindheit: »Ich bin sehr bewusst als jüdischer Junge in Würzburg aufgewachsen.«

GEMEINDELEBEN Das sehr dichte, konzentrierte Gespräch bot einen Zukunftsausblick auf mehreren Ebenen. Schuster mahnte: »Die Corona-Zeit ist noch nicht vorbei.« Er hoffe jedoch, dass sie möglichst schnell vorübergehe. Und er hoffe, »dass viele von uns, wenn es wieder geht, das Gemeindeleben wieder viel mehr wertschätzen«.

Die Bildungsabteilung im Zentralrat werde sich auf jeden Fall weiterentwickeln, betonte Schuster. An ihrem Hauptsitz in Frankfurt am Main ist der Bau einer Jüdischen Akademie geplant. Die Baugenehmigung sei bereits erteilt, auch die Finanzierung sei gesichert. Er hoffe, dass man bald mit dem Bau der Akademie beginnen könne, sagte Schuster. Die Bildungsabteilung arbeite primär innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, erklärte er. »Mit dieser Akademie wollen wir ganz bewusst nach außen gehen.«

Der als Online-Format angelegte Jüdische Salon soll mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Literatur fortgesetzt werden.

www.zentralratderjuden.de/juedischer-salon

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