Zeitgeschichte

Aufräumkommando in Frankfurt

Starker Mann in Frankfurt: Porträt Ernst Kriecks aus der nationalsozialistischen »Rheinischen Lehrerzeitung« Mai 1933 Foto: Goethe-Universität

Mit dem Ende der Osterferien kamen die SA-Posten. Zu Beginn des Sommersemesters 1933 standen sie vor den Eingängen der Frankfurter Goethe-Universität und kontrollierten die Ausweise aller Studenten. Wer jüdisch war, wurde von der Sturmabteilung der NSDAP am Betreten der Gebäude gehindert. Alle Studenten »nichtarischer Rasse« sollten sich, so die Anordnung des neuen Rektors, im Sekretariat melden, um ihre Papiere abzugeben, die sie als Mitglieder der Goethe-Universität auswiesen. Nur noch fünf Prozent Juden durften sich laut dem neuen »Gesetz gegen die Überfremdung und Überfüllung der Hochschulen« unter der Studentenschaft befinden.

triumphzug Der Name des neuen Rektors war Ernst Krieck. Nachdem Adolf Hitler Reichkanzler geworden war, wurde aus dem einfachen Volkschullehrer ohne Abitur und Promotion der erste NS-Universitäts-Rektor Deutschlands. Im Braunhemd mit Hakenkreuz-Armbinde und voller Genugtuung nahm der 51-jährige Krieck auf dem Chefsessel der Universität Platz, die 1914 als erste private, freie Hochschule gegründet worden war.

»Im Triumphzug hielt er Einzug«, sagt Benjamin Ortmeyer, Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Forschungsstelle für NS-Pädagogik an der Frankfurter Uni. »Gerade auch, weil er noch im Wintersemester 1931/32 wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung als Dozent der Pädagogischen Akademie Frankfurt nach Dortmund strafversetzt worden war.« Bei einer Sonnenwendfeier 1931 im Taunus hatte Krieck seine Rede mit einem »Heil auf das Dritte Reich« beendet. »Es ist der einzige bekannte Fall, dass ein Professor vor 1933 wegen politischer Aktivitäten strafversetzt wurde«, so Ortmeyer, der seit Langem zu Krieck forscht und seine Dissertation unter anderem über den Erziehungswissenschaftler verfasst hat.

aufsteiger
Krieck stammte aus kleinen Verhältnissen. Der Sohn eines Maurers und Kleinbauern hatte aus finanziellen Gründen nicht das Gymnasium besuchen können. Er arbeitete sich als Volksschullehrer hoch, bildete sich autodidaktisch weiter und begann früh, pädagogische und philosophische Schriften zu verfassen. 1922 erhielt er für sein Buch Philosophie der Erziehung die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg. 1928 wurde er an die Pädagogische Akademie Frankfurt berufen. Zum ersten Skandal kam es 1931. Krieck, mittlerweile Mitglied im »Kampfbund für deutsche Kultur« wollte mit Adolf Hitler an Pfingsten bei einem Jugendtag in Potsdam auftreten und über »Deutsche Nationalerziehung sprechen«. Das Kultusministerium Berlin pfiff ihn zurück, drohte mit einem Disziplinarverfahren.

Krieck, »ein übler Hetzer, Antisemit und Rassist«, so Ortmeyer. gehörte neben Alfred Baeumler zu den führenden Gestalten der NS-Pädagogik. 1932 trat er dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und der NSDAP bei, 1934 wurde er Mitglied der SS und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Er gab die Zeitschrift »Volk im Werden« heraus. 1932 schrieb er sein Werk Nationalpolitische Erziehung. »Das zählte neben Hitlers Mein Kampf zur Grundlage für alle Schulungslager des NS- Lehrerbundes«, weiß Benjamin Ortmeyer.

»rassenzucht« Der Erziehungswissenschaftler Krieck war von »der Zucht der Rasse« überzeugt und der Vorstellung des »Staates als Zuchtmeister und Ordner am ganzen Volk«. Für einen echten Nationalsozialisten, so Krieck, reichte es nicht, nur als »Arier« geboren zu sein, sondern er musste zu einem solchen qua Erziehung und von der Gesellschaft geformt werden. Der israelische Autor und Wissenschaftler Saul Esh sieht in Kriecks Schriften einen »Eckpfeiler des Nationalsozialismus«. Der deutsche Philosoph und Pädagoge Heinrich Weinstock schreibt Krieck »an erster Stelle die Verantwortung dafür zu, dass die Gehirne der deutschen Schulmeister in unbeschreiblicher Weise verwirrt und verschlammt wurden«.

Dass der glühende Anhänger Hitlers und der NSDAP gerade in Frankfurt die Rektorenstelle erhielt, war kein Zufall. Bewusst war die Hochschule ausgewählt worden, die 1914 von jüdischen Mäzenen mitgegründet worden war. Die Goethe-Universität galt als links, liberal und jüdisch. Nirgendwo in Deutschland studierten so viele Juden. Ein Drittel der Professorenschaft war jüdisch. »Die NSDAP musste ein Aufräumkommando schicken«, sagt Ortmeyer. Und das hieß Ernst Krieck.

schrecken »Er war ein extremer Judenfeind. Seine Berufung wurde mit Schrecken aufgenommen«, hat Ortmeyer recherchiert. Innerhalb kürzester Zeit vergiftete Ernst Krieck das akademische Leben und verbreitete mit seinen Helfern eine Atmosphäre der Angst. Erst wenige Tage im Amt, beorderte er die »Gesamtheit der Professorenkollegien zur Bücherverbrennung der marxistischen und korruptionistischen Schriften« am 10. Mai: »Abmarsch Mittwoch 20 Uhr mit Musik.« Der neue Rektor marschierte an der Spitze, als die Werke von Marx, Freud, Heine, Kästner und anderen auf dem Römerberg in Flammen aufgingen.

An der Universität gründete Krieck einen »Ausschuss für politische Verdächtige«. Nach Denunziationen wurden 66 Studenten vom Studium ausgeschlossen. Darunter Eva Reichwein, Peter von Hasselberg und Erich Gerlach, denen vorgeworfen wurde, sich im »kommunistischen Sinne betätig zu haben«. Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden traf es mit voller Wucht.

Krieck blieb nur bis 1934 Rektor, danach wechselte er nach Heidelberg, »aber er ist für die erste Säuberungswelle in Frankfurt verantwortlich«, so Ortmeyer. 1933 wurden 36,5 Prozent der Professoren und Dozenten entlassen. »Die Goethe-Universität war in Deutschland mit am schwersten von Entlassungen betroffen.« Darunter waren auch Prominente wie Max Horkheimer, Professor für Sozialphilosophie, oder der Pädagoge Hans Weil, die bereits wenige Wochen nach Amtsantritt Kriecks »beurlaubt« wurden.

hardliner
»Krieck war fanatisch«, sagt Ortmeyer. Er wollte der führende NS-Pädagoge werden und seine »Theorie von der Zucht der Rasse« gegenüber den reinen Biologisten durchsetzen. Er war ein Hardliner, der die großen Deutschen wie etwa Kant für »verjudet« hielt und das Alte Testament aus der Bibel streichen wollte. Das ging selbst einigen Teilen der NS-Führung zu weit. Man versuchte, Krieck mit Ehrungen wie der Goethe-Medaille und dem Goldenen Parteiabzeichen zufrieden zu stellen, doch es kam zum Bruch mit dem »abgehobenen Theoretiker«. 1938 trat er aus der SS aus.

Ein Umstand übrigens, mit dem Krieck sich 1945 nach der Festsetzung in einem US-Internierungslager als Widerständler gerieren wollte. Parteimitglied, schrieb sein Anwalt in dem Rehabilitationsgesuch, sei der Pädagoge nur gegen seinen Willen geworden, und er habe »ganz entschieden jede Mitarbeit abgelehnt«. Sein Tageswerk habe der fromme Krieck stets »mit einem Morgenchoral begonnen«. Der 64-Jährige starb 1947 noch in Haft.

Medien

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