Literatur

Auf Shakespeares Spuren

Zum 400. Todestag von William Shakespeare: 3D-Lichtinstallation in Zagreb Foto: dpa

Was kommt heraus, wenn britischer mit jüdischem Humor kollidiert? Ein Roman von Howard Jacobson. Anlässlich des 400. Todestages von William Shakespeare am Samstag hat der britische Verlag Hogarth Press zusammen mit dem Münchner Knaus-Verlag das »Hogarth Shakespeare Projekt« gestartet, bei dem zeitgenössische Autoren wie Margaret Atwood, Jo Nesbø oder Gillian Flynn berühmte Werke des englischen Nationalhelden neu erzählen. Den Auftakt machen Jeanette Winterson mit Das Wintermärchen und eben Howard Jacobson, der sich des Kaufmanns von Venedig angenommen hat.

Einen geeigneteren Schriftsteller als Howard Jacobson hätte es für dieses Projekt vielleicht nicht geben können. Shakespeare begleitet den 1942 in Manchester geborenen Autor seit Beginn seiner Karriere; bereits in seiner allerersten Veröffentlichung beschäftigte er sich mit dem englischen Nationaldichter. Nun kehrt er mit seiner Neuerzählung des Shylock zu ihm zurück – für Jacobson »das verstörendste Schauspiel aus der Feder des Dramatikers, aber für einen britischen Romancier, der zufällig noch Jude ist, auch die größte Herausforderung«.

handlung Jacobson geht sehr frei mit der Vorlage um. Die Grundmotive allerdings bleiben die gleichen: Auch bei ihm ist Recht nicht gleich Moral, und die Gnade des Neuen Testaments prallt auf das eherne Gesetz des Alten. Die Handlung verlegt er von Italien nach England. Dort sitzen die beiden Freunde Simon Strulovitch und Shylock beisammen und klagen einander ihr Leid.

Der eine, Strulovitch, ist ein Philanthrop mit einer beachtlichen Sammlung britisch-jüdischer Kunst, der sein Geld mit Autoteilen verdient hat. Der andere, Shylock, ist nur dann richtig glücklich, wenn er mit seinem Schicksal hadert und unglücklich ist. Oder handelt es sich gar um ein und dieselbe Person? Ist Shylock das Alter Ego von Strulovitch? Der Dialog nur ein Selbstgespräch?

hitlergruß Jedenfalls klagen beide über ihre ach so missratenen Töchter. Wobei es Strulovitch härter trifft. Dessen aufmüpfige Tochter Beatrice ist in die Kreise der leichtlebigen Erbin Plurabelle und ihres persönlichen Assistenten D’Anton geraten. Nicht der richtige Umgang für ein jüdisches Mädchen, findet Strulovitch. Vorerst übt er sich in Zurückhaltung. Doch als Beatrice sich auch noch mit dem Fußball-Beau und Unterwäsche-Modell Howsome einlässt, der eines seiner Tore doch tatsächlich mit dem Hitlergruß bejubelte, sieht ihr Vater rot.

Er verlangt, dass der junge Mann schnellstmöglich zum Judentum übertritt. Mithilfe einer kleinen Operation ließe sich heute manches arrangieren, so Strulovitch. Aber das Leben hält nicht nur für den Geschäftsmann ein paar ebenso überraschende wie verstörende Lektionen bereit.

Lesen Sie die ausführliche Besprechung in unserer Ausgabe am Donnerstag.

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