Citycat

Auf nach Tel Aviv!

Ein neuer Stadtführer setzt ganz bewusst auf das gedruckte Buch und stellt Reiseziele für die Nach-Corona-Zeit vor

von Katrin Diehl  15.04.2021 08:31 Uhr

Mit der Mieze durch Tel Aviv: der CityCat Stadtführer Foto: Ira Ginzburg

Ein neuer Stadtführer setzt ganz bewusst auf das gedruckte Buch und stellt Reiseziele für die Nach-Corona-Zeit vor

von Katrin Diehl  15.04.2021 08:31 Uhr

Stadtführer in Buchform haben etwas Altmodisches. Wie Stadtpläne. Wer anfängt, einen Stadtplan aufzufalten, zieht heutzutage sofort die Blicke auf sich. Stadtführer sind da ein wenig unspektakulärer. Sie liegen auf dem Nachttisch im Hotel oder lassen sich in aller Vorfreude noch schnell im Flugzeug studieren. Die Mehrheit indes googelt sich durch städtische Attraktionen. Was bedeutet, dass Stadtführer – wie so vieles aus vergangenen, umständlichen Tagen – einiges an Potenzial haben, wieder so richtig cool zu werden.

Genau darauf setzt der neue Stadtführer Tel Aviv Stadtgeschichten. Ein illustrierter City-Guide von Ira Ginzburg & Citykat Stories. Ira Ginzburg ist Illustratorin und Grafikdesignerin. Geboren in Moskau, hat sie 1990 Alija gemacht und ist heute für eine »Kreativagentur« tätig.

Leidenschaft Hinter Citykat verbirgt sich ein ganzes Team aus Menschen, die zwei Leidenschaften verbinden: die für gutes Design und die fürs Reisen. Beste Voraussetzungen also für einen attraktiven Guide. Der Erscheinungszeitpunkt – in Israel ist er bereits 2019 auf Englisch herausgekommen – ist auch nicht schlecht. Gefühlt drängelt gerade in jedem Zweiten von uns eine Stimme: »Ich will jetzt dahin!« »Dahin«, das ist natürlich Tel Aviv. Hungrige Augen können den Tel-Aviv-Stadtgeschichten also sicher sein.

Diese setzen ganz auf einen jungen, gerade in vielen Lebensbereichen verbreiteten Mindstyle-Lockton. Flott sind sie gleich beim »Du«. Ein Tel-Aviv-begeistertes Kollektiv, ein »Wir«, präsentiert uns coole Plätze. Wobei sich hinter den Stadtgeschichten nicht wirklich Geschichten, sondern ausformulierte Tipps in super gut gelauntem Ton verbergen. Und deswegen erscheint einem das »Wir« auch ein bisschen künstlich.

Oper Und bei der Bemerkung »Okay, Leute, wer von euch ist ein Opernfan? Wir auch nicht, aber Tel Aviv fährt darauf ab«, könnte man sich fast ein wenig angefasst vorkommen. Aber auch nur fast. Der City-Guide ist ewig jung, wie Tel Aviv ewig jung ist. Und da nimmt man nichts so schnell krumm.

Auf den Seiten ploppen »Profi-Tipps«, »Fun Facts« und Emoticons auf. Vor allem aber die sketchbookhaften Illustrationen machen Laune. Ja, Tel Aviv ist an fast jeder Ecke fotogen, und so ist es auch die illustre Damenmannschaft, die sehr selbstbewusst und mit allerlei bestückt Richtung Meer zieht, oder es sind die Matkot-Spieler, die ein geradezu dekoratives Wimmelbild abgeben. Und dabei hat es auch fast seinen Reiz, dass die Stadt, die neben den weißen Bauhausgebäuden einiges an Farbe zu bieten hat, uns hier ausschließlich in Schwarz-Weiß begegnet. Man bekommt so jedenfalls die Möglichkeit, »kreativ« zu werden, was Menschen anspricht, die sich die kindliche Freude am Kolorieren bewahrt haben.

Tipps Wunderbar sind die illustren Tipps zum Umgang mit dem Monit Sherut sowie zur Kaffeekultur. Die Stationen, die der Guide Seite für Seite abgeht, wirken ein wenig sprunghaft, und da wäre dann doch ein kleiner Stadtplan mit Koordinatenangaben ganz hilfreich. Ein wenig glücklich machen die Stadtgeschichten trotzdem.

Etwas, was gerade nicht zu unterschätzen ist. Wir können den Reiseführer Freunden schenken, die wir schon lange zu einem Trip nach Tel Aviv überreden wollten. Wir können ihn aufgeregten Jugendlichen vor ihrer ersten Reise nach Eretz Israel zustecken. Wir können ihn auch uns selbst gönnen und uns an unser erstes Mal erinnern. Und uns schon mal auf den ersten Besuch der Nach-Corona-Zeit freuen. Hoffentlich ganz bald.

Ira Ginzburg: »Tel Aviv Stadtgeschichten«. Ariella, Berlin 2021, 132 S., 18 €

Theater

Die mit den Wölfen heult

Die esoterisch-durchgeknallte Komödie »Blood Moon Blues« am Berliner Gorki-Theater spielt in einem Aschram am Toten Meer

von Ralf Balke  27.11.2022

Lesen!

Lotte Laserstein

Das Werk der Malerin geriet in Deutschland jahrzehntelang in Vergessenheit und wurde erst in den vergangenen 20 Jahren wiederentdeckt

von Emil Kermann  25.11.2022

Auszeichnung

Yasmina Reza erhält Prix de l’Académie de Berlin

Die französische Theaterautorin begeistere »mit ihren bitterbösen Theaterstücken voller Witz und Eleganz«

 24.11.2022

Kino

»Die jüdische Erfahrung mit der Nachkriegszeit ist komplex«

Welche Wirkung hatten jüdische Filme nach 1945? Ein Interview mit Doron Kiesel und Lea Wohl von Haselberg

von Astrid Ludwig  24.11.2022

Erinnerung

»Die Menschen wollten sehen, wo Anne Frank starb«

Vor 70 Jahren wurde in Bergen-Belsen die bundesweit erste KZ-Gedenkstätte errichtet

von Michael Althaus  24.11.2022

Kino

Starträchtig und divers

Vier neue Filme warten mit facettenreichen Geschichten auf – und Schauspielern wie Timothée Chalamet, Jeremy Strong und Gad Elmaleh

von Ayala Goldmann, Emma Appel, Jens Balkenborg  24.11.2022

Porträt

Whomm!

Klar denken viele bei ihm immer noch nur an »Disco«. Doch diese Zeiten liegen lange hinter Ilja Richter. Der ewige Sunny-Boy wird heute 70 Jahre alt. Nicht an alles erinnert er sich gern

von Gerd Roth  24.11.2022

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 24.11.2022

Wiesbaden

Die Nachkriegszeit aus jüdischer Perspektive

Welche Auswirkungen hatte die Nachkriegszeit auf die jüdische Gemeinschaft? Ein dreitägiges Seminar geht dieser Frage nach

von Lilly Wolter  23.11.2022