Literatur

Am Rand der Barbarei

Norman Mailer sel. A. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Literatur

Am Rand der Barbarei

Provokateur und glänzender Selbstdarsteller: Vor 100 Jahren wurde Norman Mailer geboren

von Mario Scalla  30.01.2023 09:02 Uhr

»Die Nackten und die Toten« zählt zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts und ist einer der großen Romane über den Zweiten Weltkrieg. 1948 erschienen, war es die erste große Veröffentlichung des damals 25-jährigen Norman Mailer (1923-2007). Heute zählt Mailer zu bedeutendsten Autoren der USA im 20. Jahrhundert. Vor 100 Jahren, am 31. Januar 1923, kam er in New Jersey zur Welt.

Als US-Soldat im Zweiten Weltkrieg war er im Pazifik stationiert und hat vieles, was er in dem 800-Seiten-Werk beschreibt, selbst erlebt. Zur Geschichte von »Die Nackten und die Toten« gehört auch die Anekdote, dass Mailer gar nicht vorhatte, in den Krieg zu ziehen: Als er 1944 vor der Einberufungskommission stand, erzählte er, er werde besser nicht eingezogen, denn er sei dabei, ein bedeutendes literarisches Werk über den Krieg zu verfassen.

Kavallerie Ob die Kommission das nun einfach für großmäuligen Unfug hielt oder der Meinung war, da könne etwas praktische Erfahrung die literarische Qualität weiter befördern, ist biografisch nicht überliefert - jedenfalls wurde Mailer zum 112. Kavallerie-Regiment auf die Philippinen versetzt.

Später sagte er, der Krieg sei »die schlimmste Erfahrung meines Lebens gewesen, und gleichzeitig die interessanteste«. »Die Nackten und die Toten« mit seinem unmittelbaren und einfachen Stil stand 62 Wochen auf der Bestsellerliste der »New York Times«. Allein im ersten Jahr wurden mehr als eine Million Exemplare verkauft.

Mailer erhielt zwei Pulitzer-Preise und einen National-Book-Award, veröffentlichte ein Dutzend Romane, dazu Essaybände, Sachbücher, Filme, Drehbücher und Biografien über Marilyn Monroe, den jungen Picasso, den mutmaßlichen Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald und über Boxlegende Muhammad Ali.

Mailer war beim legendären Box-Kampf »Rumble in the Jungle« 1974 in Kinshasa Teil des US-Presseteams und konnte während der Vorbereitungen sowohl George Foreman als auch Ali aus unmittelbarer Nähe beobachten. Sein letzter Roman über den jungen Adolf Hitler (»Das Schloss im Wald«, 2007) wurde einhellig verrissen.

Image Die Literaturwissenschaftlerin Jay Parini urteilte über Mailer: »Ich glaube, er war mehr ein Geschöpf der Publicity als der Literatur.« Auch sein letzter Biograf, Steven Thomsen, schrieb: »Schon früh in der literarischen Karriere des Norman Mailer hat sich gezeigt, wie schwer es Kritikern fällt, seine literarischen Werke losgelöst von seinem Image zu bewerten, dem Image des egomanen Chauvinisten«. Denn was immer Mailer tat, es war von einem großen Geltungsdrang beseelt, und oft gab ihm der Erfolg recht.

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen einer jüdischen Angestelltenfamilie in New Jersey, gewann er mit 18 Jahren mit einer Novelle seinen ersten literarischen Preis. Sein zweiter Roman »Am Rande der Barbarei« über einen erfolglosen Schriftsteller in Brooklyn hatte nur wenig Resonanz. Mit dem dritten, »Der Hirschpark«, über einen Drehbuchschreiber in Hollywood, fiel er bei der Kritik durch, landete aber einen Publikumserfolg.

Journalismus Mailer wendete sich daraufhin für zehn Jahre vom Roman ab und schrieb Essays und Sachbücher. Mit seinem Stil, der Erlebtes und die große Geschichte, persönliche Erfahrung und wissenschaftliche Expertise miteinander verband, zählt er zu einem der Begründer des »New Journalism«.

Die Kritikerin Maggie McKinley hält Mailers Buch zum Protest gegen den Anti-Vietnamkrieg, »Heere aus der Nacht«, für einen »bahnbrechenden Beitrag zur Literatur und zum Journalismus«. Aber wie groß das Lob auch immer ausfiel, die Kritik folgte auf dem Fuß, vor allem gegen »seinen unverschämten Macho-Ton«, wie Autorin Wendy Lesser es formulierte.

Tatsächlich muss Mailers Version des amerikanischen »harten Burschen« aus heutiger Sicht vielen unerträglich erscheinen. Der Schriftsteller Gore Vidal warf ihm in einer Talk-Show bereits 1971 vor: »Ihre Gewaltdarstellungen, Ihre Feier von Mord, Aggression und Hass bezeichnet die schlimmste Seite des amerikanischen Traums. Das ist eine fürchterliche Sache.«

Mailer, der sechsmal heiratete und neun Kinder hatte, polemisierte gegen den Feminismus, gegen Masturbation und das Recht auf Abtreibung. Seine zweite Frau Adele verletzte er in einem Streit lebensgefährlich mit einem Messer.

Mondlandung Ob die Prognose von Biograf Steven Thomsen zutreffen wird? - Er schrieb 2022 in seiner Biografie in Bezug auf Mailer: »Vielleicht aber bedarf gerade eine erstickend konformistische Phase, wie wir sie im Augenblick erleben, wieder furchtloser Individualisten.«

Nicht nur »Die Nackten und die Toten«, auch Mailers Buch über die Mondlandung (»Auf dem Mond ein Feuer«, 1971) oder sein Roman über den Vietnamkrieg (»Am Beispiel einer Bärenjagd«, 1970), dürften unabhängig von der Kritik an seiner Person weiter zu den großen Büchern des amerikanischen Jahrhunderts zählen. Norman Mailer starb am 10. November 2007 mit 84 Jahren in New York.

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