Wagner-Festspiele

Alles koscher?

Erobert Bayreuth und den Grünen Hügel: der australische Opernregisseur Barrie Kosky Foto: Kristoffer Finn/laif

Wagner-Festspiele

Alles koscher?

Als erster jüdischer Regisseur inszeniert Barrie Kosky in Bayreuth. Ein Porträt

von Julia Spinola  17.07.2017 18:42 Uhr

So ruhig wie dieses Jahr war es um diese Zeit schon lange nicht mehr in Bayreuth. Üblicherweise wird die klatschinteressierte Öffentlichkeit in den Wochen vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele mit irgendeinem Kleinkrieg auf dem Grünen Hügel unterhalten. In diesem Jahr aber gibt es weder Sänger mit Hakenkreuz-Tattoo noch Dirigenten, die im Zorn abreisen, ja, nicht einmal einen medial ausgetragenen Familienzwist im Wagner-Clan.

»Der Skandal dieser Saison ist, dass es keinen Skandal gibt«, erklärt Barrie Kosky bester Laune während einer Probenpause im Bayreuther Festspielhaus und schwärmt von seinem fantastischen Produktionsteam. »Ich hoffe, dass der Fokus dieses Jahr ganz auf der szenischen und musikalischen Interpretation liegt, so, wie es sein soll.«

schrill Als Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin hat der in Australien geborene Kosky sein Haus von 2012 an mit schrillen, schwulen, witzigen und zugleich hintergründigen Inszenierungen umgekrempelt. Immer wieder hat er – etwa in einer grandios doppelbödigen Deutung von Arnold Schönbergs Opernfragment Moses und Aron – auch jüdische Themen ins Zentrum gestellt.

In der Geschichte der Bayreuther Festspiele, die eng verknüpft sind mit dem Aufstieg Adolf Hitlers und eine staatstragende Rolle während des NS-Regimes spielten, ist er jetzt der erste jüdische Regisseur, der auf dem Grünen Hügel inszeniert. Am 25. Juli werden die Festspiele mit seiner Deutung der Meistersinger von Nürnberg eröffnet. Dass man ihm ausgerechnet die deutschtümelndste aller Wagner-Opern angetragen hat, hält Kosky für eine Ironie des Schicksals. »Ich dachte, die Theatergötter spielen ein Spiel mit mir«, so Kosky.

Sein Verhältnis zu Richard Wagner ist wechselhaft und hoch ambivalent, seit er dessen Musik im Alter von 15 Jahren durch seine ungarische Großmutter kennenlernte. »Tristan und Isolde ist wie Hamlet: Es gibt keinen Takt, kein Wort zu viel. Ich könnte das Stück immer sofort noch einmal hören, wenn es zu Ende ist«, schwärmt er. Der Fliegende Holländer hingegen sei ein Thriller, und das gefalle ihm.

Blutgeschichte Anders sieht es mit Parsifal aus, zu dessen Geschichte und Charakteren Kosky, der »grandiosen Musik« zum Trotz, keinen Zugang findet: »Ich wüsste nicht, wie man der Frauenfeindlichkeit dieses Stückes entkommen könnte und dem pseudo-christlichen Erzählstrang, geschrieben von einem Mann, der meiner Meinung nach nicht wirklich gläubig war. Und dann diese Blutgeschichte … Ich empfinde das Stück als unsauber. Die Musik verführt mich, aber sie versucht, mich in eine Sphäre zu ziehen, in die ich gar nicht hineinmöchte.«

Während seiner Arbeit am Ring des Nibelungen, den er 2009 bis 2011 in Hannover inszenierte, kämpfte Kosky mit Wagner, mit seinen Themen und auch mit der Musik. »Ich wollte nicht, dass sie unter meine Haut kriecht. Ich wollte diese Droge nicht nehmen. Ich dachte, ich habe nicht das richtige Visum, um durch dieses Wagner-Land zu reisen.«

2012 besuchte Kosky die Festspiele zum ersten Mal – und beschloss, dort niemals zu inszenieren. »Das pseudo-religiöse Gehabe« um ein Festspielhaus, in dem die Menschen beim Eintreten sofort begännen zu flüstern, als wären sie in einer Kathedrale, war ihm zutiefst suspekt. Und auch jetzt hatte er erwartet, »dass die Geister der Vergangenheit in den Korridoren spuken würden, und dass das schlechte Karma wie der Fluch der Atriden in der Luft hängen würde«. Doch nichts davon sei eingetreten: »Ich halte meinen seelischen Knoblauch in der einen Hand und meinen Davidstern in der anderen, und das funktioniert super. Die Phantome von Richard über Adolf und seine Parteifunktionäre bis hin zu den vielen berühmten Regisseuren sitzen nicht mit im Saal, wenn man probt.«

Jerusalem Kosky hat sich lange auseinandergesetzt mit den Meistersingern und der Festspielleiterin Katharina Wagner erst einmal einen Korb gegeben, als sie ihn bat, das Stück zu inszenieren. Schließlich fand er einen Schlüssel zu dem Werk und sagte zu. Ihn interessiert, wie sich im Bild der Stadt Nürnberg eine deutsche Utopie zu einer Dystopie wandelte. Schon im 18. Jahrhundert habe Nürnberg als eine geträumte Wunschstadt fungiert, als ein »deutsches Jerusalem«, das so in der Realität jedoch nie existiert habe. »In Wagners Version dieser Utopie gibt es nur Deutsche, das Wetter ist immer schön, und die Menschen sind alle Handwerker.«

In weniger als 100 Jahren folgten die Nürnberger Gesetze, die Nürnberger Parteitage, die Zerstörung Nürnbergs und die Nürnberger Prozesse. »Man hat also die Metapher von einem Gerichtsverfahren, von Vernichtung, von der Diskriminierung und dem Missbrauch des Wunschtraumes im ›Dritten Reich‹«, kommentiert Kosky seinen Deutungsansatz. Zwar sei Wagner nicht verantwortlich für das, was im 20. Jahrhundert geschehen ist, »aber wir können es nicht ausblenden und eine hübsche Komödie inszenieren über eine deutsche Utopie im 19. Jahrhundert. Es handelt sich um eine gefährliche Utopie. Soll ich jetzt etwa sagen, dass das alles koscher ist?«

Wenn es um Wagners Antisemitismus geht, hält Kosky nichts von der oft propagierten Trennung zwischen dem Mann und seinen Werken: »Eine Oper hat Text, sie ist kein abstrakter Klangkosmos.« Außerdem brauche man nur einmal nachzulesen, was Wagner über jüdische Stimmen, jüdische Musik und den jüdischen Körper schreibe, um zu erkennen, dass er in Figuren wie Mime, Alberich oder Beckmesser die gängigen antisemitischen Obsessionen auch musikalisch auf die Bühne gebracht habe.

juden Während Mime das Zerrbild eines Schtetljuden darstelle, verkörpere die Figur des Beckmesser aus den Meistersingern die Angst vor den assimilierten Juden wie Heine, Meyerbeer oder Mendelssohn. »Es war die Angst davor, dass im deutschen Gewand versteckt eine Giftbombe lauert, die das Deutsche vernichten will: Die Juden sehen aus wie wir, sie reden wie wir, aber im Innersten sind sie nicht wie wir, sondern sie wollen unsere Kultur vergiften.«

Da sich in der Figur des Beckmesser Ressentiments gegen Juden manifestieren, möchte Kosky sie als eine Projektion des Volkes zeigen: »Beckmesser muss ambivalent bleiben. Er ist eine Frankensteinfigur, zusammengenäht aus allem, was Wagner hasste. Der eine Arm ist die Kritik, der andere italienische Musik, die Beine sind französisch, und seine Seele ist jüdisch.«

In seiner brillanten Moses und Aron-Inszenierung hatte Kosky vor zwei Jahren bilderstürmerisch einen quasi talmudischen Prozess des unentwegten Hinterfragens und Suchens in Gang gesetzt. Wenn ihm eine ähnliche Vielschichtigkeit in den Meistersingern gelingt, könnte die Eröffnung der Festspiele zu einer Sensation werden – ganz ohne Klatschspalten-Skandal.

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