Suche nach NS-Verbrecher

»Alle haben permanent gemauert«

Georg M. Hafner Foto: privat

Herr Hafner, das französische Magazin »Revue XXI« hat kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem berichtet wird, unter welchen Umständen der NS‐Verbrecher Alois Brunner 2001 in Syrien gestorben sein soll. Gemeinsam mit der Journalistin Esther Schapira haben Sie schon vor Jahren den Dokumentarfilm »Die Akte B.« gedreht. War das Recherche‐Ergebnis der französischen Journalisten für Sie neu?
Dass er in Syrien war, war für jeden, der sich mit diesem Massenmörder beschäftigt hat, nicht neu. Esther Schapira und ich haben immer daran geglaubt, dass er – Brunner war Jahrgang 1912 – noch am Leben war, als unser Film 1998 in der ARD ausgestrahlt wurde. Auch während der Arbeit an unserem Buch zum Fall Brunner gingen wir davon aus, dass er noch lebt.

Gab es in dem Artikel dennoch überraschende Fakten für Sie?

Interessant ist der Zeitpunkt. Das Todesjahr Alois Brunners wird mit 2001 angegeben. Relativ zeitnah also zu unserem Film und unserem Buch. 1999 begleitete Esther Schapira den damaligen Außenminister Joschka Fischer auf seiner Reise nach Syrien, durfte aber plötzlich nicht einreisen, weil ihr Visum für ungültig erklärt wurde. Fischer erkundigte sich nach den Hintergründen für diesen ungewöhnlichen Vorgang und erfuhr so von Alois Brunner, den seine Gastgeber seit Jahren beherbergten. Fischer sprach mit dem damaligen syrischen Diktator Hafiz al‐Assad, der alles abstritt und vorgab, keinen Brunner zu kennen. Aber der öffentliche Druck war dann, vermute ich heute, so groß, dass die syrische Staatsführung Brunner gerne schnell und elegant loswerden wollte, indem sie ihn einfach in seinem Haus im Keller weggesperrt haben, bei karger Kost, wie wir jetzt erfahren. Eier und Kartoffeln gab’s. Ein tristes Ende, aber ein verdientes.

Wie kam es zu Ihrer Recherche?
Wir sind eigentlich ganz naiv an das Thema herangegangen: 1995 lasen wir, dass die Staatsanwaltschaften Köln und Frankfurt eine Belohnung über 500.000 Mark auslobten. Uns sagte der Name Alois Brunner zunächst herzlich wenig. Die »rechte Hand« Eichmanns. Und der läuft noch irgendwo frei rum? Das hat uns elektrisiert. Daraus wollten wir eine schlichte kleine Reportage machen und sehen, wohin die Recherche führt. So entstand unser Dokumentarfilm. Wir waren erstaunt, dass man nach dem Mann öffentlichkeitswirksam suchte, aber ihn offenbar tatsächlich keiner haben wollte. Ich erinnere mich noch an den Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt, der im dritten Jahr unserer Recherche sagte: »Was, Sie sind da immer noch dran?« Wir waren erstaunt, dass wir offenbar das machten, was die Staatsanwaltschaft nicht mehr machte – nach dem Massenmörder suchen.

Wie erklären Sie sich diese Ignoranz?

Wir glauben, dass Brunner für den Bundesnachrichtendienst (BND) gearbeitet hat. Er war auf dessen Payroll. In unserem Buch gibt es ein Bild, auf dem Brunner gut gelaunt im Kreis von deutschen Freunden in Damaskus sitzt. Wer dieses Kaffeekränzchen war, wussten wir nicht, bis uns Jahre nach der Veröffentlichung unseres Buches jemand anrief und sagte, er kenne die Herrschaften: Es waren seine Eltern, beide »üble Rechtsradikale«, wie er meinte, und Mitarbeiter des BND in Damaskus. Wäre Alois Brunner ausgeliefert worden und hätte ausgepackt, wäre das sehr peinlich geworden für Deutschland. So aber war er weit weg und schwieg.

Sind Ihnen während Ihrer Recherche noch viele solcher Geschichten begegnet?
Ja. Kurioses und Unerträgliches. Unerträglich war zum Beispiel bei Gesprächen in Israel mit den Opfern Brunners die Vorstellung, dass man dem Mörder vom Golan aus hätte zuwinken und ihn hätte herausholen können. Kurios und bitter waren dagegen die Begegnungen mit den Staatsanwaltschaften. In Frankfurt antwortete der sicher hochverdiente, aber sehr müde Staatsanwalt auf unsere Frage, was eigentlich passieren würde, wenn Brunner an der deutschen Grenze stünde und ob dies jemand mitbekommen würde: »Nein«. Brunner sei zwar im Fahndungsbuch, aber nicht jede Grenzstelle habe ein Fahndungsbuch, und Plakate, auf denen nach ihm gesucht wurde, seien auch nicht gedruckt worden. Um die Öffentlichkeit bei Laune zu halten und um zu zeigen, wir tun etwas, wurde immer wieder ein bisschen nach Brunner gesucht. Als die Zeitschrift »Die Bunte« 1985 ein Interview mit Alois Brunner mit ganzseitigen Fotos brachte, hat niemand nachgefragt, wie dies zustande gekommen war oder wo Brunner sich aufhielt. Dass er die von ihm ermordeten Wiener Juden immer noch als »Dreckspack« beschimpfte, hat auch niemanden auf den Plan gerufen.

Wusste die Staatsanwaltschaft denn davon?
Nein, als wir gefragt haben, wer der Journalist sei, der das Interview gemacht hatte – wir wollten ihn unbedingt treffen –, haben die gesagt, sie wüssten es nicht. Der Verlag übrigens auch nicht. Kurz gesagt: Alle haben permanent gemauert oder wollten nicht. Jetzt, 2017, liegt Syrien teilweise in Schutt und Asche, und ein ehemaliger Bewacher packt aus. Damit ist jetzt bestätigt, was spätestens seit 1982 klar war. Damals haben Serge und Beate Klarsfeld zum ersten Mal bei Brunner geklingelt, bis sie festgenommen wurden. Unser Freund, der Münchener Kabarettist Christian Springer, ist auch für unseren Film und unser Buch mehrfach vor Brunners Unterschlupf gewesen. Er hat mit Brunners Nachbarn geplaudert, die ihm frei heraus gesagt haben: »Ja, der Brunner lebt hier um die Ecke.« Er hat sich also nicht einmal mehr richtig versteckt. Nun hat er sein Geheimnis mit ins Grab genommen: wie er nach dem Krieg erst von den Amerikanern und dann von den Deutschen angeheuert wurde, um schließlich für den syrischen Geheimdienst zu arbeiten. Die haben ihn jetzt verhungern lassen. Manchmal geht es dann doch gerecht zu.

Mit dem Journalist und Buchautor (»Israel ist an allem schuld«, mit Esther Schapira) sprach Katrin Richter.

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