Corona

»2023 wird Covid eine Erkältung sein«

Herr Professor Schoub, Omikron ist weltweit auf dem Vormarsch. Was wissen wir bislang über das neue Virus?
Es ist eine völlig neue Variante des SARS-CoV-2-Virus. Mit »neu« meine ich, dass sie nicht mit den früheren Varianten verwandt ist. Sie stammt aus einem völlig neuen Stammbaum und weist viel mehr Mutationen auf.

Was ist der Unterschied zwischen einer Variante und einer Mutation?
Eine Mutation bedeutet eine Veränderung der genetischen Struktur. Wenn sich ein Virus vermehrt, macht es »Fehler«: Es baut statt seiner normalen Bausteine einen anderen Baustein in seine genetische Struktur ein. Viren mutieren ständig, und das SARS-Virus, das Covid-19 verursacht, mutiert recht schnell. Wenn sich Mutationen häufen, entstehen schließlich Varianten. Letztere sind Formen eines Virus und sozusagen das Ergebnis von Mutationen. Omikron enthält eine Vielzahl von Mutationen, also viele verschiedene Bausteine. Einige von ihnen sind mit negativen Eigenschaften verbunden. Sie sind zum Beispiel infektiöser, ansteckender, übertragbarer. Eine andere Eigenschaft ist, dass sie es dem Virus ermöglichen, der Immunität zu entkommen.

Was bedeutet das?
Die Impfstoffe funktionieren nicht mehr so gut. All diese Mutationen finden wir bei Omikron – zusätzlich zu anderen, von denen wir noch nicht wissen, was genau sie auslösen. Hinter Omikron steht also noch ein großes Fragezeichen. Es ist neu, weist viele Mutationen auf und ist mit keiner der früheren Varianten verwandt.

Was weiß man bereits über die Variante?
Wir wissen, dass sie viel übertragbarer ist als frühere Varianten, die von der Weltgesundheitsorganisation als »besorgniserregend« eingestuft worden sind, also Alpha in Europa, Beta in Südafrika und Gamma in Lateinamerika. Diese drei wurden dann von Delta abgelöst, die aktuell noch vorherrschend ist. Und natürlich gibt es noch einige weitere Varianten – Omikron ist ja bereits der 15. Buchstabe des griechischen Alphabets.

Kann die Verbreitung von Omikron noch eingedämmt werden?
Nein. Die Variante wurde auf allen Kontinenten außer der Antarktis entdeckt. Wenn man also Reiseverbote verhängt, wie es einige europäische Staaten kürzlich getan haben, bestraft man damit nur Länder wie Südafrika, das jetzt bereits große wirtschaftliche Probleme hat. Wir haben gerade Sommer, das ist die Hauptreisezeit. Die Reiseverbote werden der Tourismusbranche, dem viertgrößten Wirtschaftszweig des Landes, einen schweren Schlag versetzen.

Aber zumindest tragen die Reisebeschränkungen dazu bei, die Ausbreitung von Omikron zu verlangsamen.
Nein, überhaupt nicht! Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Es ist eher ein Vorwand für Politiker, der eigenen Bevölkerung zu suggerieren, man tue etwas. Das Virus ist bereits in den betreffenden Ländern vorhanden, und es ist sehr ansteckend. Es wird sich also trotz Einreiseverboten ausbreiten. Man darf auch nicht vergessen, dass internationale Reisende einen negativen PCR-Test vorweisen oder geimpft sein müssen, bevor sie in ein Flugzeug gelassen werden. Es gibt also nur sehr wenige Reisende – vielleicht eine Handvoll weltweit –, die infiziert sind und durch dieses Screening unentdeckt durchkommen. Wir sollten uns fragen, wie viele von ihnen tatsächlich ins Land kommen und die Epidemie verstärken. Je länger man darüber nachdenkt, desto lächerlicher ist dieses Argument.

Aber der Tourismus ist doch einer der Treiber der Pandemie?
Ja. Es gibt ein stichhaltiges Argument dafür, dass eine gewisse Zeit lang niemand mehr in ein Land einreisen oder es verlassen kann. Neuseeland ist ein gutes Beispiel. Dort hat man es mit diesem Schritt geschafft, die Pandemie einzudämmen. Aber Neuseeland ist eine Insel. Und es macht überhaupt keinen Sinn, Reisen in und aus einem Land zu verbieten, wenn das Virus bereits dort eingeschleust wurde. Denn das wird weder die Ausbreitung verhindern noch sie verlangsamen. Ich vermute, da Afrika kein wichtiger Handelspartner für Europa ist, waren wir ein sehr leichtes Ziel für diese Art von politischem Manöver.

Wenn ich Politiker wäre und Sie mir einen Rat geben müssten, wie sähe der aus?
Wir brauchen die Förderung der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Ich würde Ihnen also raten, Ihre Wissenschaftler dazu zu bringen, zum Beispiel mit südafrikanischen Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, Informationen auszutauschen und zum Beispiel herauszufinden, wie wirksam Impfstoffe sind. Aber schließen Sie bitte kein Land aus! Es gibt übrigens noch ein Problem mit diesem Reiseverbot: Südafrika war sehr ehrlich und transparent, als es die Welt über die neue Omikron-Variante informierte. Das wird sich künftig womöglich nicht wiederholen. Die nächste Variante, wo immer sie auch auftaucht, könnte aus Angst vor Strafe unter den Teppich gekehrt werden. Das wäre sehr schlecht.

Wie wirkt sich Omikron auf die Gesundheit aus?
Wir haben das Virus erst seit ein paar Wochen und wissen noch nicht viel. Doch es scheint, dass Omikron zwar ansteckender als frühere Varianten, aber in seinen Auswirkungen milder ist. Mit anderen Worten: Weniger Menschen müssen ins Krankenhaus, und die, die doch eingeliefert werden, sind oft jene, die keinen Impfschutz haben. Es sieht so aus, als ob die Impfstoffe – ebenso wie die natürliche Immunität nach einer Infektion mit anderen Varianten – immer noch einen Schutz bieten. Übrigens sollte man nicht vergessen, dass der eigentliche Grund, warum diese Variante etwas weniger gefährlich zu sein scheint, darin liegt, dass wir Impfstoffe zur Verfügung haben. Die wirken eindeutig positiv auf die Immunität der Menschen.

Gibt es also Grund zum Optimismus? Können wir darauf hoffen, dass künftige Varianten weniger gefährlich sind? Oder ist das reine Spekulation?
Wir wissen, dass unsere Impfstoffe funktionieren, insbesondere, wenn es darum geht, schwere Krankheiten zu verhindern. Ja, sie sind nicht zu 100 Prozent wirksam: Es gibt Durchbruchsinfektionen, einige davon mit schwerem Verlauf. Aber bedenken Sie, dass das die erste Generation von Impfstoffen ist! Im nächsten Jahr wird es neue, bessere Impfstoffe geben, die eine wirksamere Immunität erzielen. Und es werden neue Medikamente zur Behandlung von Covid-19-Infektionen auf den Markt kommen. Außerdem können wir jetzt für eine bessere Versorgung der Patienten sorgen. Ich glaube also, dass wir die Pandemie bald in den Griff bekommen werden. Das Virus wird uns zwar weiter beschäftigen, aber wir sollten trotzdem in der Lage sein, seine Auswirkungen zu kontrollieren. Nicht jetzt, aber irgendwann. Doch dafür müssen wir die Menschen impfen.

Gerade über dieses Thema ist ja viel diskutiert worden. Während in den reicheren Ländern die Menschen jetzt ihre Auffrischungsimpfung erhalten, sind viele in ärmeren Ländern noch nicht geimpft. Ist das ethisch richtig?
Aus medizinischer, wissenschaftlicher und gesundheitspolitischer Sicht muss die Impfung zweifelsohne weltweit durchgeführt werden. Mit anderen Worten: Es ist wünschenswert, dass jeder zumindest eine Dosis erhält. Wenn sich das Virus in Afrika weiter ausbreitet, wird es auch für Europa eine Bedrohung bleiben, sowohl im Hinblick auf seine Einschleppung als auch auf die Entstehung weiterer Varianten. Das wiederum würde uns daran hindern, die Pandemie zu kontrollieren. Es gibt noch einen anderen Aspekt: In Ländern wie Südafrika haben wir relativ hohe HIV-Infektionsraten. Diese Menschen haben ein unvollkommenes Immunsystem. Der Körper kann das Virus nicht beseitigen und hat nur eine beschränkte Immunität. Wenn sich das Virus im Körper vermehrt, können sich leichter neue Varianten entwickeln. Mit anderen Worten: Solange wir den afrikanischen Kontinent, Asien und Lateinamerika nicht mit ausreichend Impfstoffen versorgen, besteht die Gefahr, dass sich immer neue Varianten entwickeln.

Haben Sie das Gefühl, dass Europa Impfstoffe zurückhält?
Die westlichen Länder haben viel mehr Impfstoff bestellt, als sie eigentlich brauchen. Wir sollten ihn nicht horten.

Viele Menschen in Deutschland sind skeptisch, was den Nutzen von Impfungen angeht, oder lehnen sie ganz ab. Manche verweisen auf Afrika, wo die Infektionsraten niedriger sind als in Europa, obwohl die Menschen dort nicht geimpft sind. Was sagen Sie zu diesem Argument?
Das ist Unsinn! Damit sich das Coronavirus ausbreiten kann, müssen Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Weite Teile Afrikas sind sehr ländlich geprägt, da kommt das Virus nicht sehr weit. Außerdem besteht in vielen afrikanischen Ländern eine gewisse natürliche Immunität gegen das Virus. Dennoch: Es gibt immer noch viele Menschen hier, die anfällig sind. Und man darf nicht vergessen, dass das Meldesystem in Afrika bei Weitem nicht so gut ist wie in Europa. Das heißt, dass Menschen sich infizieren, ohne dass die Behörden vor Ort davon wissen. Menschen sterben sogar an Covid, ohne die Ursache zu kennen.

Viele in Europa wollen eine Impfpflicht. Was halten Sie davon?
Es gibt einen Unterschied zwischen Impfpflicht und Impfzwang. Ich glaube nicht, dass wir rechtlich, ethisch oder moralisch jemanden dazu zwingen können, sich impfen zu lassen. Aber man kann die Impfung vorschreiben. Mit anderen Worten: Die Menschen haben weiterhin eine Wahl, aber wenn sie sich nicht impfen lassen wollen, können sie in bestimmten Bereichen, zum Beispiel im Gesundheitswesen, nicht mehr arbeiten, weil sie andere Menschen gefährden. An gewissen Arbeitsplätzen ist es ethisch, moralisch und medizinisch geboten, eine Impfung zu verlangen. Vor allem in Branchen, wo Menschen auf engem Raum zusammenarbeiten. Auch der Zugang zu Restaurants oder Stadien kann und sollte aktuell auf geimpfte Personen beschränkt werden.

Israel hat als eines der ersten Länder ein allgemeines Impfprogramm eingeführt. Hat es eine Vorbildfunktion für die Welt, oder ist es ein Sonderfall?
Israel hat ein sehr gutes öffentliches Gesundheitssystem, auch was die Erfassung der Gesundheit der Patienten angeht. Das hat es weltweit ermöglicht, gute Informationen zu erhalten. Und es war einer der Gründe, warum Pfizer bei der Einführung seines neuen Impfstoffs im vergangenen Jahr zuerst in Israel aktiv geworden ist. Israel hat auch ein ausgezeichnetes Covid-Kontrollprogramm auf die Beine gestellt – und, was sehr wichtig ist, aus Israel kommen viele hochkarätige wissenschaftliche Veröffentlichungen. Damit hat das Land einen enormen Beitrag zum Wissen über das Coronavirus geleistet.

Inwieweit hat sich die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit seit Beginn der Pandemie verbessert?
Einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie ist die Verbreitung von Zoom und Teams. Man kann jetzt im Handumdrehen internationale Konferenzen abhalten und muss nicht für teures Geld eine lange Reise antreten. So können junge Forscher ihre Erkenntnisse auch einem internationalen Fachpublikum präsentieren.

Wenn Sie eine Vorhersage machen müssten: Wann wird diese Pandemie vorbei sein?
Wir werden das Virus nicht ganz eliminieren können, es wird immer da sein. Wann die Pandemie vorbei sein wird, hängt also auch davon ab, wo man die Messlatte anlegt. Wir befinden uns heute definitiv in einer besseren Situation als noch vor einem Jahr, und in zwölf Monaten werden wir viel besser dastehen als jetzt. Zwar wird es dann immer noch Covid geben, doch wir werden bessere Impfstoffe haben, und das Virus wird weniger schwere Krankheitsverläufe verursachen als heute. Aber: Es wird noch Menschen geben, die schwer erkranken und ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. 2023 könnte sich die Lage insoweit verbessern, als Covid-19 dann mit einer Erkältung vergleichbar sein würde.

Gilt das nur für die reicheren Länder oder für die ganze Welt?
Ich denke, es wird weiter eine Kluft zwischen reicheren und ärmeren Ländern geben. Dennoch schätze ich, dass die ärmeren Länder im Verhältnis gesehen weniger stark betroffen sein werden, als sie es heute sind.

Das Interview mit dem Virologen und Vorsitzenden des beratenden Impfausschusses der südafrikanischen Regierung führte Michael Thaidigsmann.

Eigentlich ist Barry David Schoub längst im Ruhestand – aber der renommierte Virologe hat in jüngster Zeit ordentlich zu tun. Denn der 76-Jährige berät die südafrikanische Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie und ist ein viel gefragter Gesprächspartner für nationale und internationale Medien.
Schoub wurde 1945 in eine jüdische Familie geboren. 1978 wurde er zum Professor und Leiter der Abteilung für Virologie an der Universität Witwatersrand in Johannesburg ernannt. Schoub war außerdem Gründungsdirektor des Nationalen Instituts für übertragbare Krankheiten (NICD) in Südafrika und beriet die Weltgesundheitsorganisation in Genf bei Polio, Masern und Influenza. Vor allem in der Aids-Forschung leistete Schoub wichtige Arbeit.

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