Argentinien

Zu Gast im Templo Libertad

Ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf: Bundeskanzlerin Angela Merkel in Buenos Aires Foto: dpa

Der kurze Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Argentinien Ende vergangener Woche war in der argentinischen Öffentlichkeit von Polemik begleitet. Das aber lag nicht an Merkel, sondern am Kommentar eines argentinischen Politikers.

Nach einem Frühstück mit Wirtschaftsvertretern hatte die Kanzlerin am Donnerstagmorgen die Synagoge der Israelitischen Kongregation der Argentinischen Republik, auch Templo Libertad genannt, im Zentrum von Buenos Aires besucht. Merkel würdigte das Gotteshaus als beeindruckendes Symbol des jüdischen Lebens der Stadt und seiner bedeutenden jüdischen Gemeinde. Mit rund 250.000 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinschaft Argentiniens die größte in Lateinamerika.

Walcker-Orgel Anlässlich von Merkels Besuch weihte man auch die restaurierte Walcker-Orgel der Synagoge ein. Im Jahr 1931 gebaut, war sie 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis, erstmals gespielt worden. Sie ist die einzige von drei speziell für Synagogen gefertigten Walcker-Orgeln, die bis heute erhalten sind. Die Bundesregierung hatte rund 30.000 Euro aus dem Kulturerhalt-Programm zur Restaurierung des Instruments zur Verfügung gestellt. Die neuen Orgelpfeifen wurden in Deutschland gefertigt.

Merkel zeigte sich gerührt. In einer kurzen Ansprache vor 200 geladenen Gästen, darunter Rabbiner Simón Moguilevsky und weitere Vertreter der jüdischen Gemeinde sowie der Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodriguez Larreta, und Israels Botschafter Ilan Sztulman, erinnerte sie daran, dass sämtliche in Deutschland für Synagogen erbaute Walcker-Orgeln während der Zeit des Nationalsozialismus zerstört wurden. »Eine wieder spielen zu hören, war sehr bewegend«, sagte die Kanzlerin.

Anschläge Während der Zeremonie in der Synagoge rief Merkel zum Kampf gegen Antisemitismus auf und gedachte der mutmaßlich vom Iran in Auftrag gegebenen Anschläge auf die israelische Botschaft und das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires Anfang der 90er-Jahre, bei denen mehr als 100 Menschen getötet wurden. Darüber hinaus würdigte Merkel, dass viele Juden, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, in Argentinien eine neue Heimat fanden. »Deshalb ist diese Synagoge auch eine Brücke zwischen Argentinien und Deutschland.«

In der Wortwahl vergriff sich der Politiker der konservativen Regierungskoalition, Eduardo Amadeo, als er den Besuch der Kanzlerin in der Synagoge als Beispiel für »Versöhnung« bezeichnete. »Merkels Besuch in der Synagoge zeigt, wie Versöhnung möglich und essenziell ist. Wer das hören will, höre es«, twitterte er.

Amadeo erhielt daraufhin viel Gegenwind. Unzählige Reaktionen in den sozialen Netzwerken kritisierten, dass er Merkel mit den Nazis gleichsetze. Jüdische Verbände wiesen Amadeos Instrumentalisierung des Holocaust zurück, die auf eine »Versöhnung« mit den argentinischen Nazis abziele. Amadeos Aussage lägen zwei falsche Grundannahmen zugrunde, so Jorge Elbaum, Präsident der jüdischen Organisation Llamamiento Argentino Judío. »Die erste ist die dumme Annahme, dass alle Deutschen Nazis sind, einschließlich der Kanzlerin.« Und: »Mit den Nazis gibt es keine Versöhnung, weder in Deutschland noch irgendwo auf der Welt.«

Auch Menschenrechtsgruppen verurteilten die Verwendung des Begriffs »Versöhnung« und die zugrunde liegende Idee, es könne zwischen Opfern und Tätern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit Versöhnung geben.

Skandale Amadeos Kommentar reiht sich ein in vorherige Skandale zur Schoa von Politikern der konservativen Partei Propuesta Republicana (PRO) des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri. So äußerte sich Bildungsminister Esteban Bullrich im März abfällig über Anne Frank, und ein politischer Berater des Präsidenten bezeichnete Hitler als »spektakulären Typen«.

Gegenüber der Tageszeitung Pagina 12 versuchte Amadeo seine Aussage zu präzisieren: »Ich rede von den Völkern. Merkel ist nicht die Führerin der Nazis. Sie ist die Anführerin des deutschen Volkes. Es sind das deutsche Volk und das jüdische Volk im Dialog. Die Deutschen haben sich entschuldigt«, erklärte der Abgeordnete.

Auf Twitter-Nachfragen, ob auch den Mördern der Militärdiktatur (1976–1983) zu vergeben sei – dem staatlichen Terror fielen damals rund 30.000 Menschen zum Opfer –, antwortete Amadeo dann nichts mehr. Angela Merkel war da schon längst nach Mexiko weitergereist.

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