China

Wo Shanghai wieder jüdisch ist

Im früheren jüdischen Ghetto von Shanghai dominiert heute chinesisches Alltagsleben. Foto: Blanka Weber

Es riecht nach frischem Gemüse, Kräutern und Falafel. Rabbiner Shalom Greenberg, groß, dunkler Anzug, kurzes Haar, freundlicher Blick, steht im Vorraum seines Jüdischen Gemeindezentrums in Shanghai. Nebenan bereitet das Küchenpersonal ein Festmahl für den Abend der Gemeinde vor. Es ist Sonntagnachmittag und Zeit für den Sprachunterricht. Einige Dutzend Kinder, die Hebräisch lernen, werden erwartet.

Shalom Greenberg blickt zu seinem Sohn, einem Teenager, der am Eingang sitzt und die Monitore der Überwachungsbildschirme im Blick hat. Kameras an den Außenwänden, um Straße und Einfahrt zu sehen, sind normal in Stadtteilen wie diesem. Sicherheit wird großgeschrieben im Land, obwohl, wie Greenberg sagt, es hier in China keine Tradition des Antisemitismus gibt: »Das ist ein großer Vorteil für alle, die sich auch nach außen mit der Religion identifizieren und zum Beispiel eine Kippa tragen. Niemand muss Angst haben.«

»Hier in China merkst du nichts von Antisemitismus, ganz anders als in Frankreich.«

SICHERHEIT Schon strömen die ersten Kinder ins Gebäude, die Eltern verabschieden sich und werden am Abend zum Fest zurückkommen. Nebenan gibt es Spielzeug und Kindertische. Hier betreuen auch die 18‐jährigen Zwillingsschwestern Sarah und Muschka aus Straßburg jeweils eine Sprachgruppe. Die Mädchen arbeiten als Volunteers in der jüdischen Gemeinde und studieren für ein Semester Chinesisch an der Universität. »Hier in China merkst du nichts von Antisemitismus, ganz anders als in Frankreich«, sagt eine.

»Man fühlt sich sicher, und ich habe auch keine Angst, anderen zu erklären, was das Judentum ist.« Mit Musik und Spielen bringt sie den kleinen Gästen ihrer Gruppe geduldig die Sprache bei. Das Gemeindezentrum ist für sie und ihre Schwester wie ein zweites Zuhause – auch weil es hier koscheres Essen gibt.

Rabbiner Greenberg ist stolz auf das kleine Restaurant der Gemeinde und auf den zusätzlichen Raum nebenan, der als Laden dient. Im Kühlschrank stapelt sich gefrorene Ware. »Ich bin dafür verantwortlich, koscheres Fleisch aus Argentinien mitzubringen, koschere Mazze und Wein aus Israel – eben alles, was man braucht, um den jüdischen Alltag und auch die Feste hier in China leben zu können.« Das sei schon ein wenig ungewöhnlich, ergänzt er schmunzelnd. »Wir haben hier das einzige Restaurant dieser Art. Normalerweise beaufsichtigen Rabbiner so etwas, hier betreiben wir es, denn es ist ein Service für die Gemeinde. Wer koscheres Essen möchte, bekommt es.«

Kinder Sarah, Muschka und ihre 19‐jährige Freundin Dvora aus Paris haben für diesen Nachmittag zusätzlich ein Kinderfest vorbereitet. Sie pflanzen kleine Samen, machen Experimente mit Öl und Wasser und basteln Leckereien aus bunter Lasur, Fruchtmasse, Schokolade und Eistüten. Die Kinder kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Nur manche sind in China geboren. »Die Gemeinde besteht aus 100 Prozent Expats«, sagt Greenberg. »Wir sind alle Ausländer.« Menschen, die hier aus beruflichen Gründen leben, studieren, arbeiten oder den Ehepartner begleiten, die aus den USA, Israel oder Europa hierher kamen und für unbestimmte Zeit bleiben werden.

Rabbiner Greenberg
betreibt ein eigenes
koscheres Restaurant.

So wie die drei Studentinnen aus Frankreich. Ob man hier mit den diversen Religionen in Kontakt kommt, wenn man das Judentum vertritt? »Nein«, sagen die jungen Mädchen unisono. Zwar seien sie neugierig, offen und würden sich auch andere Dinge anschauen, doch es gebe nur wenig Nachfrage nach ihrer Religion. »Wenn ich unterwegs bin, merke ich: Viele wissen gar nicht, was jüdisch ist, vielleicht eben auch, weil wir hier sehr wenige sind«, sagt eine und bemerkt: »Dafür gibt’s aber auch keine Vorurteile und Stereotype über uns.«

Dialog Einen interreligiösen Dialog aber auch nicht und auch keine öffentliche Diskus­sion über Religionen. »China ist sehr anders im Vergleich zu den europäischen Ländern«, sagt Greenberg. Man müsse sich sehr zurückhalten, um nicht missverstanden oder als missionarisch empfunden zu werden. »Das käme gar nicht gut an.« Denn der Kreis der Religionen, die man im Land anerkennt, sei klar abgegrenzt: »Es gibt den Buddhismus, Daoismus, Hinduismus, Islam und das Christentum. Das Judentum gehört nicht dazu.«

Der Grund dafür sei nicht so sehr Ignoranz, sondern eine Entscheidung aus den 50er‐Jahren. Damals habe die Regierung eine Liste ausgegeben, entsprechend der vorhandenen Religionen im Land. »Damals gab es hier keine Juden.« Zumindest nur einen sehr kleinen Teil, der sich im Laufe der Zeit assimilierte, denn ab 1949 wurde die Volksrepublik China unter kommunistischer Herrschaft gegründet. Das jüdische Erbe aus den Jahrzehnten zuvor verblasste. Erst 1998 schickte Chabad Lubawitsch aus den USA Rabbiner Greenberg nach Shanghai. Er gründete eine Familie. 30 Jahre ist das nun her.

RELIKTE Wer heute durch die Straße Huoshan Lu in Tilanqiao im Distrikt Hong‐kou schlendert, findet Relikte der alten Zeit. Ab 1943 war hier das jüdische Ghetto der Stadt. Tausende Menschen lebten hier auf engstem Raum zusammen: Chinesen, Japaner, Russen und europäische Juden.

Sophie Fetthauer von der Universität Hamburg forscht zu Musikern jüdischer Herkunft im Shanghaier Exil. Von 450 Personen hat sie mithilfe von Meldelisten, Registerkarten, Verzeichnissen die Lebenswege rekonstruiert. Sie recherchierte in ehemaligen deutschen, englischen, französischen Tageszeitungen, las jiddische Texte, um mehr zu verstehen aus dem Alltag der Flüchtlinge im Shanghai der 30er‐ und 40er‐Jahre. Etwa 100 Biografien sind als Artikel in das Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS‐Zeit eingegangen und heute auch online nachlesbar.

Exilort Fetthauers Fazit: »Shanghai war ein komplizierter Exilort, der den Flüchtlingen ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft abforderte.« Sie forscht über Musiker und Kantoren, über die lokale Szene der Theater und Orchester und darüber, wie sich die Menschen integrierten, um neue Existenzen aufzubauen. »Vor allem bei den Unterhaltungsmusikern und Musiklehrern kam es zu vielen Kontakten mit der lokalen Unterhaltungskultur in den Nachtklubs und Ballsälen beziehungsweise mit den chinesischen Schülerinnen und Schülern. Für die Kantoren war die Lage anders.«

Die Ohel‐Moishe‐Synagoge
wurde restauriert und ist
heute ein Museum.

Nur wenige fanden Arbeit, die meisten hatten einen Zweitjob. Sie berichtet von Jakob Kaufmann, einem Kantor aus Halle an der Saale. Von seiner Enkeltochter bekam sie aus dem Nachlass eine Abschrift von Chorstücken. Diese galten der feierlichen Verabschiedung Kaufmanns, der Mitte der 40er‐Jahre Shanghai verließ. Er war damals Chorleiter, denn auch die Kantoren hatten einen eigenen Chor, mit Jakob Kaufmann an der Spitze.

»Ich würde fast sagen, Shanghai ist, was die Personen angeht, das am besten dokumentierte Exil«, sagt Sophie Fetthauer. Sie verweist auf Karteikarten der deutschen Gesandtschaft, auf Adressbücher und viele unterschiedliche Listen von Hilfsorganisationen.

BROADWAY Heute erinnert nur noch wenig an das frühere jüdische Leben in Shanghai. Das einstige glanzvolle Broadway Theatre ist verlassen und verschlossen. Die kleinen Häuser, die sich noch heute wie ein Netzwerk in Karreeform durch das Gebiet ziehen, beherbergen kleine chinesische Imbissläden, Straßenrestaurants, Schmuckverkäufer, Gemüsehändler, Friseure oder Reparaturwerkstätten. Dass hier einst Juden gelebt haben, wissen viele, doch Fragen geht man lieber aus dem Weg. Das Thema und die Geschichte sind weit weg vom Alltag der Menschen.

Eine Straße weiter steht renoviert und restauriert die Ohel‐Moishe‐Synagoge, einst von den aschkenasischen Juden in Shanghai als Bethaus genutzt. Sie ist heute als Museum zu besichtigen, ebenso einzelne Häuser in der Nachbarschaft. Denn die Nachfrage sei groß, sagt Rabbiner Greenberg. »Viele der alten Häuser, auch der alten Straßen, gibt es nicht mehr. Wenn heute Menschen zu uns kommen, können sie oftmals nicht das finden, was sie suchen.«

Aber, fügt er hinzu, sie seien auch froh, dass es überhaupt noch Spuren gibt im modernen Shanghai – wo jenes Viertel Tilanqiao mit den Resten der europäisch anmutenden Reihenhäuser wie ein Fremdkörper wirkt inmitten der Wolkenkratzer und Glasfassaden der pulsierenden hochmodernen Metropole.

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