Belgien

»Wieso führen Sie Krieg gegen jüdische Kinder?«

Andrée Geulen-Herscovici 2007 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die sie seit 1989 als »Gerechte unter den Völkern« ehrt Foto: picture-alliance/ dpa

Andrée Geulen ist tot. Die Brüsselerin, die während des Zweiten Weltkriegs Widerstand gegen die deutschen Besatzer leistete und dabei mithalf, mehr als 3000 jüdische Kinder und Jugendliche zu retten, verstarb im Alter von 100 Jahren. Das meldeten belgische Medien am Mittwoch.

Bereits als Jugendliche kümmerte sich die Katholikin um Kinder, die aus dem spanischen Bürgerkrieg nach Belgien geflüchtet waren. Anfang der 40er-Jahre unterrichtete Geulen als Lehrerin an der Gatti-Gamond-Schule in Brüssel. Einige der Schüler waren jüdisch und mussten gemäß den Auflagen der NS-Besatzer einen gelben Stern tragen.

schule Geulen war empört und bat die Eltern der Schüler, die Kinder ohne das Zeichen in die Schule zu schicken. Als diese das aus Angst vor Repressalien ablehnten, bat Geulen alle Schüler, während des Unterrichts bei ihr Schürzen zu tragen, um die jüdischen Kinder nicht zu stigmatisieren.

Als einige Tage später mehrere jüdische Schüler gar nicht mehr zum Unterricht erschienen und Geulen nachforschte, wurde ihr schnell klar, dass Razzien gegen Juden im Gange waren. Einer ihrer Schüler sagte ihr auf Nachfrage: »Fräulein Andrée, ich bin jüdisch und darf das niemandem verraten.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Mit Wissen und Billigung der Schulleiterin zog die Lehrerin daraufhin in das Internat der Schule ein. Als die Gestapo dort im Mai 1943 eine nächtliche Razzia durchführte und die versteckten jüdischen Kinder mitnahm, schleuderte Geulen den NS-Männern den Satz entgegen: »Wieso führen Sie Krieg gegen jüdische Kinder?«

Es gelang ihr, unterzutauchen und andere jüdische Familien zu warnen. Die Schulleiterin, Odile Ovart, hatte weniger Glück: Sie und ihr Mann wurden verhaftet und später ermordet.

UNTERGRUND Andrée Geulen nahm Kontakt zur Untergrundorganisation »Jüdisches Verteidigungskomitee« auf und mietete sich unter dem Pseudonym Claude Fournier gemeinsam mit der aus Rumänien stammenden Jüdin Ida Sterno in einer Wohnung ein. Mit zehn weiteren Mitstreiterinnen gelang es den beiden Frauen, zahlreiche jüdische Kinder und Jugendliche unter falschem Namen in nichtjüdische Familien oder Einrichtungen zu vermitteln und so vor dem Zugriff der Nazis zu verstecken.

Schätzungen zufolge konnte die Gruppe in weniger als zwei Jahren mehr als 300 Juden vor der Deportation in die NS-Todeslager retten. Sterno wurde 1944 von den Nazis festgenommen, deportiert und ermordet.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Geulen überlebte. Nach dem Krieg war es an ihr, die geretteten Juden wieder aufzuspüren und sie mit ihren Eltern zusammenzubringen. Viele waren zu Waisen geworden. Andrée kümmerte sich weiter um sie; viele von ihnen sahen die Retterin als eine zweite Mutter an.

EHRENBÜRGERIN Andrée Geulen heiratete den jüdischen Holocaust-Überlebenden Charles Herscovici und hatte mit ihm zwei Kinder. 1989 ehrte die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem die mutige Frau als »Gerechte unter den Völkern«. 18 Jahre später besuchte sie noch einmal Israel, aus Anlass eines Treffens der von ihr versteckten Kinder. Dort wurde ihr die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel verliehen.

Am 6. September 2021 feierte Andrée Geulen-Herscovici ihren 100. Geburtstag, und erst vor wenigen Wochen wurde sie Ehrenbürgerin der Brüsseler Teilgemeinde Ixelles. Anlässlich der Verleihung der Würde nannte der 91-jährige Schoa-Überlebende Simon Gronowski, der ebenfalls in Ixelles lebt und als Kind aus einem Deportationszug nach Auschwitz entkommen konnte, Andrée Geulen eine »Heldin«.

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  07.11.2026

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026