Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Anne Frank (1929–1945) Foto: picture alliance / PictureLux/NASA/The Hollywood Ar

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 13:04 Uhr Aktualisiert

»Oh ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen«, schrieb Anne Frank am 5. April 1944 in ihr Tagebuch. »Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.« Ein Wunsch, der sich erfüllte: Das Tagebuch wurde zur Weltliteratur und machte Anne Frank unsterblich. Die Briefe an ihre fiktive Freundin Kitty zogen Millionen Leserinnen und Leser weltweit in den Bann, das jüdische Mädchen wurde zu einer Symbolfigur für alle Opfer des Nationalsozialismus. Vor 80 Jahren starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle.

Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Das Rote Kreuz kam zunächst zu dem Ergebnis, dass sie zwischen dem 1. und 31. März 1945 gestorben sein müsse. Niederländische Behörden legten das offizielle Todesdatum auf den 31. März fest. Heute sind Forscher der Meinung, dass Anne Frank und ihre Schwester Margot wahrscheinlich schon im Februar 1945 ums Leben kamen – wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers durch britische Truppen am 15. April.

Auf dem weitläufigen Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide erinnert heute ein Gedenkstein an die beiden Schwestern, vor dem Besucherinnen und Besucher häufig Blumen und kleine Geschenke niederlegen. »Es ist aber kein Grabstein«, betont die Leiterin der Gedenkstätte, Elke Gryglewski: »Wir müssen davon ausgehen, dass ihre sterblichen Überreste in einem der vielen Massengräber ruhen, die wir hier haben.«

Das Tagebuch von Anne Frank ist die intime Geschichte einer einzigartigen Jugendzeit

Das berühmte rot-weiß-karierte Tagebuch bekam Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag geschenkt. »Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein«, notierte sie. Wenig später taucht das 1929 in Frankfurt am Main geborene Mädchen mit seiner Familie unter und versteckt sich mit einer weiteren Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus. Der Massenmord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden hat begonnen.

Zwei Jahre lang führt Anne Frank im Versteck in der Prinsengracht
263 ihr Tagebuch, bis die Familie im August 1944 verraten, verhaftet und deportiert wird. »Schreiben wurde für sie lebensnotwendig, überlebensnotwendig«, erklärt die Übersetzerin des auf Niederländisch abgefassten Buchs, Mirjam Pressler. In der Einsamkeit und der spannungsgeladenen Enge des Hinterhauses sei »Kitty« für Anne zur einzigen Abwechslung und zum Ersatz für Freunde und gesellschaftliche Kontakte geworden.

Der imaginären Freundin vertraute das Mädchen alle Freuden und Leiden an: die erste Liebe, Probleme mit der Mutter, körperliche Veränderungen. »Das Tagebuch von Anne Frank ist die intime Geschichte einer einzigartigen Jugendzeit, und gleichzeitig ist es die Geschichte der Schoah«, schreibt Unesco-Generalsekretärin Audrey Azoulay in einem Vorwort zu einer Sonderausgabe des Tagebuchs. Annes Einträge seien »ein brillant geschriebener Bericht über das Leben in der erzwungenen Isolation«.

Brücke, um über den Nationalsozialismus und den Holocaust ins Gespräch zu kommen

Heute ist die Geschichte von Anne Frank für zahlreiche Menschen ein Grund, die Gedenkstätte Bergen-Belsen zu besuchen. »Viele von ihnen haben das Tagebuch gelesen«, sagt Leiterin Elke Gryglewski.
»Sie haben das Gefühl, sie zu kennen.« Das sei eine wichtige Brücke, um mit ihnen über den Nationalsozialismus und den Holocaust ins Gespräch zu kommen.

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Für die promovierte Politikwissenschaftlerin hat der Text bis heute nichts von seiner Kraft verloren. »Durch die Stimme von Anne Frank wird sehr konkret, wer alles von der Verfolgung betroffen war«, sagt Gryglewski. »Sie steht für viele und gibt den Opfern ein Gesicht.« Besonders beeindruckt ist die Gedenkstättenleiterin davon, dass die Zeilen trotz der bedrückenden Lage von großem Optimismus geprägt seien.

»Ich sehe, wie die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird«, schrieb Anne noch am 14. Juli 1944 in ihr Tagebuch. »Ich höre den nahenden Donner, der auch uns vernichten wird. Ich kann das Leiden von Millionen spüren. Und dennoch glaube ich, wenn ich zum Himmel blicke, dass alles in Ordnung gehen und auch diese Grausamkeit ein Ende finden wird. Dass wieder Ruhe und Frieden einkehren werden.« Gut zwei Wochen später endet ihr Tagebuch.

Im Chaos verliert sich ihre Spur

Im Herbst 1944 erreicht Anne gemeinsam mit ihrer Schwester Margot in einem Zug das völlig überfüllte KZ Bergen-Belsen. Die Zustände dort müssen katastrophal gewesen sein, erläutert Gryglewski: »Es fehlte an allem. An Wohnraum, an Verpflegung, an Hygiene. Es gab Krankheiten, Hunger, Zelte und sehr viel Dreck.« 52.000 Häftlinge überlebten das nicht, unter ihnen auch Anne. Irgendwann verliert sich in dem Chaos ihre Spur. »Es ist davon auszugehen, dass sie an einer Seuche erkrankt ist und einfach zu geschwächt war, um das überstehen zu können.«

Anne Frank wurde 15 Jahre alt.

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