Schweiz

Versäumte Rettung

Klein, aber gut dokumentiert: Blick in die Ausstellung im Zürcher Landesmuseum Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Das Schweizer Landesmuseum in Zürich ist in diesen Wochen bei Schulklassen ein beliebtes Ziel: Sie besuchen in großer Zahl die Ausstellung Anne Frank und die Schweiz und stehen so für das Interesse am Schicksal der Verfasserin eines der berühmtesten Tagebücher der Welt.

Das Schicksal des jungen Mädchens, das 1945 zusammen mit ihrer Schwester Margot schwer krank und völlig entkräftet im KZ Bergen-Belsen starb, bewegt aber nicht nur junge Menschen in der Schweiz, sondern auch viele ältere Museumsbesucher, die die Geschichte Anne Franks noch aus ihrer Jugend kennen.

Die kleine, gut dokumentierte Ausstellung erzählt das Leben Anne Franks: ihre Jugend in Frankfurt und die Flucht 1933 vor Hitlers Schergen ins vermeintlich sichere Amsterdam – die Stadt, die sich nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 als tödliche Falle erweisen wird – sowie die anschließende Zeit im Versteck im Hinterhaus bis zum Verrat, der Verhaftung und der Deportation ins KZ.

VERWANDTE Wie in ihrem Titel angekündigt, zeigt die Ausstellung auch die umfangreichen Beziehungen der Familie Frank in die Schweiz: Otto Franks Schwester Helene, genannt Leni, hatte Deutschland mit ihrem Mann Erich Elias und ihren beiden Söhnen Buddy und Stephan in weiser Voraussicht bereits 1929 in Richtung Schweiz verlassen und sich in Basel niedergelassen.

Die Ausstellung zeigt ein Foto der Franks mit strahlenden Gesichtern bei ihrer Ankunft auf dem Basler Bahnhof. Erich Elias kann in der Stadt die Vertretung der deutschen Firma Opekta, einem Betrieb für Geliermittel, übernehmen. Die gleiche Vertretung übernimmt Otto Frank in Amsterdam, zumindest, bis das Land 1940 besetzt und Juden aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden.

Die Ausstellung zeigt ein Foto der Franks mit strahlenden Gesichtern bei ihrer Ankunft auf dem Basler Bahnhof.

Leni Elias-Frank wiederum betreibt in Basel einen Antiquitätenladen und hält die Familie während des Kriegs damit finanziell über Wasser, nachdem ihr Mann als »Nichtarier« die Opekta-Vertretung verloren hat. Ihr Haus im Westen Basels wird in diesen Kriegsjahren zum eigentlichen Zentrum der Familie. Solange es geht, korrespondiert man von hier aus mit den Franks, also auch mit Anne, ehe die Versteckten verschleppt werden. Als Einziger in der Familie wird Vater Otto Frank überleben und später von Basel aus das Tagebuch seiner Tochter herausgeben, das bald zu einem herausragenden Zeugnis der Schoa werden wird.

Vor der Katastrophe ist Anne mit ihren Eltern aber immer wieder in den Ferien in der Schweiz und verbringt – ungeachtet der dunklen Wolken, die sich über ihnen zusammenziehen – vor allem mit ihren Cousins Buddy und Stephan unbeschwerte Tage, etwa beim Schlittschuhlaufen oder beim Wandern. Manches ist in der Ausstellung dokumentiert.

FLÜCHTLINGSPOLITIK Die Frage, warum es den Basler Verwandten nicht gelungen ist, die Franks davon zu überzeugen, in der sicheren Schweiz zu bleiben, beschäftigte, ja quälte Buddy Elias, der später Schauspieler wurde, bis zu seinem Tod 2015. Sicher hat dies auch mit der abweisenden offiziellen Schweizer Haltung vielen jüdischen Flüchtlingen gegenüber zu tun. Auch dies dokumentiert die Ausstellung: So können Anne Franks Großmütter aus Frankfurt und Zweibrücken zwar den Krieg in der Schweiz überleben, aber als Staatenlose schwebt das Damoklesschwert der Ausweisung und damit des sicheren Todes über ihnen. Sie werden erst 1952 eingebürgert.

Erich Elias’ Bruder Paul verweigerte die Schweiz die Einreise. Er wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Der entsprechende Brief der Schweizer Fremdenpolizei von Januar 1939 an Erich Elias wird in der Ausstellung gezeigt. Er ist in korrektem Beamtendeutsch verfasst und steht stellvertretend für eine Haltung, für die sich das neutrale Land bis heute schämen muss.

Die Ausstellung »Anne Frank und die Schweiz« ist noch bis zum 6. November im Landesmuseum Zürich zu sehen.

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