Portugal

Weniger EU-Pässe für Israelis und Türken

Synagoge in der Stadt Tomar Foto: Flash 90

Portugal

Weniger EU-Pässe für Israelis und Türken

Die Sozialisten fordern, das neue Einbürgerungsrecht für Nachfahren vertriebener Juden zu verschärfen

von Michael Thaidigsmann  20.05.2020 12:23 Uhr

Seit 2015 können die Nachfahren von Juden, die während der katholischen Inquisition nach 1496 aus Portugal vertrieben wurden, aufgrund eines Gesetzes die Staatsangehörigkeit des Landes erlangen. Voraussetzung dafür ist, dass sie eine von einer anerkannten jüdischen Gemeinde ausgestellte Abstammungserklärung vorlegen und nicht vorbestraft sind. Ein ähnliches Gesetz wurde auch im Nachbarland Spanien beschlossen, ist aber mittlerweile ausgelaufen.

In Portugal sind bislang mehr als 50.000 Anträge aus aller Welt eingegangen, allein die Hälfte davon im vergangenen Jahr. Rund 10.000 Menschen wurden bereits eingebürgert. Vor allem jüdischen Bewohnern von Ländern außerhalb Europas bietet das Gesetz eine Möglichkeit, relativ unbürokratisch Bürger eines EU- und Schengen-Staates zu werden.

VERSCHÄRFUNG Zahlreichen Politikern der regierenden Sozialistischen Partei ist das Verfahren allerdings ein Dorn im Auge. Sie fordern deshalb, dass das Gesetz verschärft wird. Vor einer möglichen Einbürgerung sollen ab 2022 alle Antragsteller ihre persönlichen Bande zu einer sefardisch-portugiesischen jüdischen Gemeinde und zu Portugal selbst nachweisen und mindestens zwei Jahre lang ihren gesetzlichen Wohnsitz im Land gehabt haben. So steht es in einem Antrag, den die sozialistische Abgeordnete Constança Urbano de Sousa im Parlament eingebracht hat.

Als Grund nennt die frühere Innenministerin das »exponentielle Wachstum« von Einbürgerungsanträgen auf der Grundlage des Gesetzes, vor allem von Menschen aus der Türkei und Israel. Diese hätten meist keinerlei Verbindung zu Portugal und auch nicht vor, dort zu leben, sagte sie der Tageszeitung »Público«. Vor allem Juristen und Ahnenforscher würden sich mit dem Gesetz eine goldene Nase verdienen, so Urbano de Sousa.

Doch gegen die vorgeschlagene drastische Beschränkung des relativ jungen Einbürgerungsrechts regt sich Widerstand, im Parlament und außerhalb. Auch die jüdische Gemeinde weist das Ansinnen in dieser Form zurück.

VERTRAUEN Für die Journalistin und Schriftstellerin Esther Mucznik von der Comunidade Israelita de Lisboa ist die Angelegenheit auch eine Frage des Vertrauens der portugiesischen Juden in den Staat und seine Institutionen. Mucznik ist selbst Mitglied in jenem Ausschuss, der über die Gewährung der Staatsangehörigkeit das letzte Wort hat. Man prüfe alle Anträge mit »äußerster Sorgfalt«, sagte sie der Wochenzeitung »Expresso«.

Michael Rothwell von der Gemeinde in Porto, der zweitgrößten Stadt des Landes, stimmt dem zu. Gerade in Zeiten der Corona-Krise sei es unverantwortlich, wenn ein Vorschlag wie dieser ohne große Debatte durch das Parlament gejagt werde, so Rothwell.

Auch internationale jüdische Organisationen wie B’nai B’rith und die Anti-Defamation League (ADL) sind alarmiert und haben sich bereits in Briefen an die portugiesische Regierung und Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa gewandt.

WOHNSITZ Die Forderung nach einem Wohnsitz im Land würde »die Anzahl potenzieller Kandidaten für die Staatsbürgerschaft erheblich verringern«, glaubt ADL-Chef Jonathan Greenblatt. Er ist sich sicher, dass »weder die portugiesische Regierung noch die internationale jüdische Gemeinschaft ein solches Ergebnis will«.

Nuno Wahnon Martins, Berater des Global Institute for the Study of Antisemitism in Brüssel und selbst ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Lissabons, sagte der Jüdischen Allgemeinen, es gebe durchaus Gründe, das Gesetz zu reformieren, um Auswüchse und Missbrauch zu verhindern.

Der von der Sozialistin Urbano de Sousa eingebrachte Gesetzentwurf schießt seiner Meinung nach aber deutlich über das Ziel hinaus: »Das Gesetz war ursprünglich als eine Art Wiedergutmachung für die Nachfahren der Opfer der Inquisition gedacht. Die Erlangung der portugiesischen Staatsangehörigkeit jetzt an solch starke Bedingungen zu knüpfen, die kaum jemand mehr erfüllen kann, würde bedeuten, es im Kern auszuhöhlen.«

Ob der Antrag der sozialistischen Fraktion Chancen auf eine Mehrheit hat, weiß auch Wahnon Martins nicht. Ihm müssen neben der größten Regierungspartei auch die beiden Koalitionspartner der Sozialisten zustimmen.

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026

New York

Wie mein Junge das Essen lernte

Lange verzweifelte unser Autor an den Speisegewohnheiten seines Sohnes. Ein Jahr vor dessen Barmizwa unternimmt der Vater einen letzten Versuch: Gemeinsam begeben sie sich auf eine kulinarische Weltreise durch ihre Heimatstadt

von Hannes Stein  14.06.2026

Boy George

Kein Chamäleon

Der britische Sänger positioniert sich schon seit Beginn seiner Karriere klar gegen Antisemitismus. Am 14. Juni wird der Popstar 65 Jahre alt

von Leon Stork  13.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026