Russland

Vor dem Anpfiff

Maskottchen: der Wolf Zabivaka bei der offiziellen Ankunft des WM-Pokals am vergangenen Sonntag in der Moskauer Manege Foto: imago

Einige Wochen ist es her, da verwandelte Schimon Bergman die Synagoge in der Stadt Nischni Nowgorod in ein Fußballlager. Damals, an Purim, hatte sich der Rabbiner bereits als Fan verkleidet, sich die Farben der russischen Trikolore ins Gesicht gemalt, ein blaues Fan-T-Shirt übergezogen und einen riesigen bunten Hut mit zwei Fußbällen aus Stoff auf den Kopf gesetzt. Auf dem Hut stand: »Vorwärts, Russland!« Zwischendurch blies Bergman in seine Vuvuzela. »Derzeit ist die Fußball-WM das heißeste Thema hier im Land«, sagte der Rabbiner der russischen Zeitung »Komsomol­skaja Prawda«.

Inzwischen sind es nur noch wenige Tage bis zur Eröffnung am 14. Juni. Und wie viele andere russische Staatsbürger fiebern auch zahlreiche Juden in Russland dem Ereignis entgegen. Laut Umfragen gibt jeder zweite Russe an, dass er die Spiele aktiv verfolgen will. 32 Teams aus der ganzen Welt treten zum Wettkampf um den Weltmeistertitel an.

Nischni Nowgorod, wo sich an Purim alles um Fußball drehte und in der Synagoge Kunstrasen ausgelegt wurde, ist einer der elf Austragungsorte der Fußball-WM. In der 1,2-Millionen-Einwohner-Stadt rund 400 Kilometer östlich von Moskau wurde sogar ein neues Stadion gebaut. In der Gruppenphase werden hier unter anderem die Mannschaften von England, der Schweiz und Schweden spielen.

Polizeikontrollen Doch nicht alle Juden fiebern dem Anpfiff so erwartungsvoll entgegen wie die jüdische Gemeinde in Nischni Nowgorod. Igor Andrejew, ein 32-jähriger jüdischer Journalist aus Moskau, ist da schon etwas kritischer. Für ihn wirft die WM bereits vor dem Anpfiff ihre Schatten voraus: Die Polizeikontrollen in Moskau hätten merklich zugenommen, erst vor wenigen Tagen ist Andrejew selbst in der Moskauer Metro von Polizisten angehalten worden, die seine Dokumente überprüfen wollten. Die Beamten hätten ihn sogar auf die Polizeistation mitgenommen. »Als ich fragte, was das soll, haben sie nur gesagt, dass das mit der Fußball-WM zusammenhängt«, sagt Andrejew. Er schüttelt den Kopf. »Das hat wohl wenig mit Gastfreundschaft und Res­pekt zu tun.«

Andrejew ist selbst politisch aktiv und hat zuletzt bei den Parlamentswahlen die liberale Oppositionspartei »Jabloko« unterstützt. Er fürchtet, dass während der WM der Druck auf Kremlkritiker weiter steigen werde. Auch Menschenrechtler sind zuletzt wieder stärker unter Druck geraten, wie etwa Ojub Titijew, der Leiter der NGO »Memorial« in Tschetschenien, der inhaftiert wurde.

Andrejew kritisiert, dass die WM zugleich vor allem dazu dienen soll, das internationale Image des Kreml aufzupolieren. »Aber Russland hat aus meiner Sicht bereits ein derart negatives Image bei den westlichen Regierungen, dass es wohl kaum gelingen wird, das zu verändern.«

stadien Ähnlich kritisch wie Andrejew sieht der Moskauer Autor und Wirtschaftsexperte Boris Grosowskij die WM. Zwar habe Russland mit elf Milliarden US-Dollar nur halb so viel ausgegeben wie bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi, sagt der jüdische Publizist, »aber in den meisten Städten, in denen die WM stattfindet, brauchen wir keine derart großen Stadien«.

Grosowskij findet, es wäre sinnvoller gewesen, das Geld in die regionale In­frastruktur wie etwa die Gesundheitsversorgung zu investieren, die sich vor allem in kleineren Städten »in einem katastrophalen Zustand« befindet. »Der russische Staat gibt so viel Geld für die WM aus, ohne zugleich in der Lage zu sein, die Grundversorgung für seine eigenen Bürger zu gewährleisten«, kritisiert Grosowskij.

Dass die WM gerade jetzt, in einer Zeit der erhöhten Spannungen zwischen Moskau und dem Westen, stattfindet, hält er für ungünstig. »Große internationale Wettbewerbe sollte man lieber dann abhalten, wenn das Gastgeberland in Frieden mit der Welt leben möchte, und nicht in einer Zeit, in der sich das Land am liebsten mit der ganzen Welt anlegen würde, Nachbarregionen annektiert und sich in das politische Leben der entwickelten Demokratien einmischt«, sagt Grosowskij.

Fanszene Das Thema Fußball und Juden hat in Russland aber noch einen weiteren Aspekt. Das Land ist für seine rechte Fanszene und Skandale bekannt. Die russischen Ultras gelten als besonders rechts. Ihre Gesinnung tun sie nicht nur auf den Tribünen kund, wo sie dunkelhäutige Gegner mit rassistischen Liedern, so­genannten Monkey Chants, beleidigen und Neonazi-Symbole zeigen, sondern auch im Netz. Das russische Internet ist voll mit Neonazi-Symbolen der Hooligans.

Vom Leiter des offiziellen Klubs der russischen Fußballfans, Alexander Schprygin, der als einer der Drahtzieher der Ausschreitungen in Marseille zwischen russischen und englischen Hooligans bei der Europameisterschaft 2016 gilt, kursiert sogar ein Foto mit Hitlergruß. Zu einem Skandal kam es auch im Jahr 2014, als bei einem Spiel in Rom im Fansektor des Moskauer Fußballklubs ZSKA ein Banner der Waffen-SS entrollt wurde.

Das russische SOWA-Zentrum, das den Rechtsextremismus in Russland erforscht, hat in einer Studie für die Jahre zwischen 2015 und 2017 mindestens 200 Fälle von Diskriminierung und Rassismus im russischen Fußball untersucht. Bei 158 Fällen davon wurden extrem rechte und Neonazi-Symbole und -Slogans registriert.

Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass jüdische Institutionen die Weltmeisterschaft mit einem besonderen Programm begleiten. So startet das Moskauer »Jüdische Museum und Zentrum für Toleranz« dieser Tage eine Vortragsreihe zum Thema Fremdenhass im Sport.

Bonn/Berlin

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