Ukraine

Vom Komiker zum Präsidenten in Kriegszeiten

Er ist keiner, der klein beigibt: Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) Foto: picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU

Ukraine

Vom Komiker zum Präsidenten in Kriegszeiten

Ein neues Buch zeichnet den ungewöhnlichen Lebensweg von Wolodymyr Selenskyj nach

von Polina Kantor  28.07.2022 07:04 Uhr

Selenskyj – der Name steht für sich. Er ist ein Markenzeichen. Wolodymyr Selenskyj hat Übung darin, große Rollen zu spielen, und er bringt sie am liebsten nach eigenen Vorstellungen selbst zu Papier. Doch die Ära des Papiers sei in seinem Land, der Ukraine, vorbei, sagte der ukrainische Präsident nach den ersten fünf Kriegstagen Anfang März bei einer Direktschaltung zum Europäischen Parlament.

Das »wirkliche Leben« hatte eine ganze Nation eingeholt. Selenskyj brauchte seine Rede nicht vom Blatt abzulesen, er wusste auch so genau, was er dringend mitteilen wollte: Die hauptsächlich russischsprachige Stadt Charkiw wurde von russischen Bomben zerstört, es gab Tote, und er warb um dringende Unterstützung durch den Teil Europas, dem sich die Ukraine zugehörig fühlt.

Selenskyj – unter diesem Titel erschien zunächst auf Polnisch, nun auch in deutscher Übersetzung die erste Biografie eines Mannes, den die Weltöffentlichkeit erst nach dem 24. Februar dieses Jahres, dem Tag der russischen Invasion, so richtig kennenlernte.

SCHAUSPIELER In der Ukraine, Russland und anderen einstigen Sowjetrepubliken kannte und schätzte man ihn schon zwei Jahrzehnte lang als Showman, Clown, Kabarettist und Schauspieler. Hinter den Kulissen agierte er als wohlhabender Geschäftsmann und ambitionierter TV-Topmanager.

Als Präsident lernte ihn sein Publikum kennen, lange bevor er sein Staatsamt 2019 nach einem phänomenalen Wahlergebnis von 73 Prozent im zweiten Durchgang übernahm.

Als Präsident lernte ihn sein Publikum kennen, lange bevor er sein Staatsamt 2019 nach einem phänomenalen Wahlergebnis von 73 Prozent im zweiten Durchgang übernahm. In der von seiner Produktionsfirma »Studio Kwartal 95« inszenierten und 2015 erstmals ausgestrahlten erfolgreichen Fernsehserie Diener des Volkes hieß Wolodymyr Selenskyj zwar Wasyl Holoborodko, wie der weitaus weniger bekannte gleichnamige ukrainische Dichter.

Aber in den Wunschvorstellungen einer von Korruption, Oligarchenwirtschaft und seit 2014 andauernden militärischen Auseinandersetzungen im Donbass zermürbten Gesellschaft verschmolzen Wolodymyr und Wasyl zu einer Figur, bevor sie nach ersten Misserfolgen und Enttäuschungen rasch wieder auseinanderstrebten.

GEFLÜCHTETE Es ist nur folgerichtig, dass der Autor der ersten in Buchform gegossenen Lebensgeschichte des echten ukrainischen Präsidenten, und nicht des fiktiven, aus Polen stammt. Als westlicher Nachbarstaat hat Polen die meisten ukrainischen Geflüchteten aufgenommen und ist am Kriegsgeschehen deutlich näher dran als beispielsweise Deutschland.

Die komplizierten Beziehungen der beiden osteuropäischen Länder haben sich vor dem Auge eines gemeinsamen, unberechenbaren Gegners – Russland – schlagartig verbessert. Autor Wojciech Rogacin, Mitbegründer und Chefredakteur der Tageszeitung »Polska Times«, geht darauf ganz zum Schluss kurz ein.

Den weitaus größten Raum des Buches nehmen Selenskyjs Kindheit, seine Jugend- und Lehrjahre im Showgeschäft ein, immer mit Blick auf seinen späteren politischen Werdegang. 1978 in eine jüdische Akademikerfamilie geboren, wuchs der kleine Wowa im ukrainischen Südosten auf, mit einem mehrjährigen Intermezzo in der Mongolei, wo sein Vater, ein Professor für Kybernetik, mehr Geld verdienen konnte als zu Hause in Krywyj Rih. In der Eisenerzmetropole hatte er an der Universität ein bescheidenes Auskommen, die Mutter bezog als Technologie­ingenieurin ebenfalls kein üppiges Gehalt.

religion Sie gehörten der technischen Intelligenz an und wussten sich unauffällig zu verhalten. Diese Lektion hatten sie in der So­wjetunion nur allzu gut verinnerlicht. Dazu gehört auch der Abstand zur Religion, obwohl Rimma, die Mutter, aus einer durchaus religiösen Familie stammte und bis zur Heirat den Schabbat hielt.

Für Selenskyj selbst stelle das Gespräch mit Gott eine derart intime Angelegenheit dar, dass er dafür keine Synagoge besuchen müsse. Auch keine Kirche oder Moschee. Ihm ist wichtiger, dass ihn niemand nach seiner jüdischen Herkunft fragt. Seinen Sohn allerdings ließ er in einer orthodoxen Kirche taufen.

Unbequemen Fragen geht Selenskyj nach Möglichkeit aus dem Weg – Wojciech Rogacin tut es ihm gleich. Er zeichnet das Bild eines ungewöhnlich talentierten ukrainisch-jüdischen Chlopez, eines »good guy«, dessen simples Erfolgsrezept auf seinen positiven Charaktereigenschaften fußt – alles in allem der geborene Leader, Held und Workaholic mit Teamgeist.

sympathie Mit seiner Sympathie für Selenskyj hält Rogacin nicht zurück, und immer, wenn er nicht mehr weiterweiß, folgt ein alles und nichts erklärender Satz wie: »Mit dem Leader-Gen kommt man gewöhnlich auf die Welt.« Der Autor übernimmt weitgehend unhinterfragt Selenskyjs Selbstdarstellung und unterfüttert sie mit schmeichelnden Kommentaren eines Schulfreunds, des ehemaligen polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski, und weiterer ihm wohlgesinnter Personen.

Für Selenskyj ist es wichtig, dass ihn niemand nach seiner jüdischen Herkunft fragt.

Eine seiner zentralen Quellen stellt ein mehrstündiges, auf YouTube zu findendes Interview vom Dezember 2018 dar, das Selenskyj dem bekannten ukrainischen Journalisten Dmitry Gordon gab. Im Original wirkt diese Erzählung weitaus kurzweiliger und amüsanter als in der schriftlichen Version, denn unbestreitbar verfügt der damals noch zukünftige Präsident über ein einnehmendes Wesen.

humor Selenskyj erinnert sich in dem Interview an einen Auftritt im Wald vor nur zwei Gästen – dem ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und seinem damaligen russischen Amtskollegen Dmitrij Medwedjew. Beide im Bademantel. Medwedjew konnte dem bissigen politischen Humor des Komikers zwar etwas abgewinnen, aber er warnte zugleich: »Bei uns geht so etwas nicht.« Übrigens zählt Gordon zu jenen, die Selenskyj zunächst mit allen Kräften unterstützten, weil sie in seiner Kandidatur die einzige Chance auf Veränderung im Land sahen. Später jedoch wandte er sich von ihm ab.

Für seinen Ausnahmejob als Kriegspräsident hat Selenskyj international viel Lob erhalten, denn er ist keiner, der klein beigibt. Ob er den Verlauf der Geschichte ändern werde, lautet die etwas pathetische Frage in der Biografie. Das ist noch Zukunftsmusik, derzeit hat er mit der ihm von Russland aufgezwungenen Gegenwart genug zu tun.

Wojciech Rogacin: »Selenskyj. Die Biografie«. Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel. Europa, München 2022, 256 S., 20 €

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