Nachlass

Teil der ungarischen Kultur

2012 in der Akademie der Künste: Imre Kertész mit seiner Frau (l.), Bundeskulturbeauftragter Bernd Neumann und Akademiepräsident Klaus Staeck Foto: imago stock&people

Als Imre Kertész im Herbst 2014 aus den Händen von Viktor Orbán den Orden des Heiligen Stephan, die höchste staatliche Ehrung Ungarns, in Empfang nahm, hatte er geradezu eine Odyssee an Gesprächen und Telefonaten hinter sich, in denen ihn Freunde und Weggefährten bestürmt hatten, die Verleihung abzulehnen, die Ehrung zu verweigern. Doch Imre Kertész hat sich davon nicht beirren lassen, er nahm den Orden an.

Ganz abgesehen davon, dass ein höchst gebrechlicher alter Mann gewiss einmal eine Entscheidung treffen darf, die möglicherweise zwar seinen bisherigen Lebensgrundsätzen widerspricht, jedoch seinem seelischen Frieden dient, hatte Kertész durchaus auch Argumente auf seiner Seite, welche diese Entscheidung gewissermaßen »objektiv« plausibel machten.

So ließ sich zum Beispiel der These, der Stephans-Orden sei mit der noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgten Verleihung an Hermann Göring und Joachim von Ribbentrop in kaum mehr zu korrigierender Weise negativ belastet, Orbáns Diktum entgegenhalten, der Orden solle speziell der nationalen Versöhnung dienen. Gerade weil historisch belastet, stehe jede nunmehr getätigte Vergabe für ein »neues und weltoffenes Ungarn«.

ANTISEMITISMUS Imre Kertész hat sich bei seiner Entscheidung wohl vor allem auch ein Nachlassen des ungarischen Antisemitismus erhofft. Bekanntlich hatte es in seinem Heimatland nicht zuletzt auch in Bezug auf ihn immer wieder antisemitische Attacken gegeben, auch von staatlicher Seite. Dem stand nun Orbáns Versprechen entgegen, damit sei es künftig vorbei, mit dergleichen habe es nun ein Ende.

Das Budapester Institut will Tagungen organisieren und Schriften publizieren.

Hat sich diese Vorgabe bewahrheitet? Hört man sich in diesen Tagen in Budapest diesbezüglich um, so ist durchweg zu kons­tatieren, dass die Person des Nobelpreisträgers in der Tat alles in allem nicht mehr antisemitischen Anfeindungen unterliegt.

Insbesondere ist offenbar die lange Jahre zu vernehmende offiziell-offiziöse These verstummt, Imre Kertész sei kein ungarischer, sondern vielmehr ein »in Ungarn lebender jüdischer Schriftsteller«.

Solche Äußerungen gehören nun offenbar der Vergangenheit an. Im Gegenteil, dass man nunmehr Kertész’ Person und Werk von staatlicher Seite in hohen Tönen preist, wird von mehreren Seiten als ebenso wichtig wie richtig bezeichnet.

Und die regierungsnahe »Stiftung für die Erforschung der Geschichte und Gesellschaft Mittel- und Osteuropas« unter Leitung der Historikerin Maria Schmidt erhielt Ende 2016 den Auftrag, sich um das Andenken an Imre Kertész zu kümmern.

SCHULBÜCHER Die Hoffnungen des Nobelpreisträgers sind also insoweit in Erfüll­ung gegangen. Anders sieht es freilich aus, wenn man ganz generell nach dem Antisemitismus im Lande fragt. Da spiele sich vielmehr weiterhin »das Übliche« ab, mehren sich Stimmen.

Diesbezüglich habe sich nichts oder jedenfalls kaum etwas geändert. Offenbar gehört der Antisemitismus in Ungarn zu den gewissermaßen »Ur-Bestandteilen« jeglicher dortiger Politik und gesellschaftlicher Haltungen.

Neuerdings fällt Imre Kertész’ Name ausgesprochen oft in der kürzlich ausgebrochenen inner-ungarischen Debatte um die von der Regierung Ende Januar erlassenen neuen ungarischen Schullehrpläne. Gemäß Viktor Orbáns nationalistischen Intentionen zielen nämlich auch sie darauf, die Geschichte des Landes gewichtiger und leidvoller darzustellen, als sie tatsächlich gewesen ist.

literaturnobelpreisträger So wird dort die Liste der empfohlenen Schriftsteller zwar mit Kertész angeführt – am einzigen Literaturnobelpreisträger Ungarns kommt man offenbar nicht vorbei –, danach jedoch dominieren dort ganz eindeutig die völkisch-nationalistischen Autoren wie etwa Ferenc Herczeg, Albert Wass und Jószef Nynyirö, während so große weltoffene und Europa zugewandte Autoren wie Péter Esterházy, Péter Nádas, László Krasznahorkai oder László Földényi mehr oder weniger unter »ferner liefen« rangieren. Dies nicht zuletzt auch bezüglich der vorgesehenen Schulbuchauflagen.

Kein Wunder, dass sich der um die neuen Lehrpläne ausgebrochene Streit daher nicht zuletzt auf Kertész und seine stets antiautoritäre Gesinnung beruft.

ARCHIV Zudem gibt es seit dem Tod von Kertész im Jahr 2016 ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen der Budapester Stiftung und der Berliner Akademie der Künste. Was das in Berlin bei der Akademie der Künste angesiedelte Imre-Kertész-Archiv angeht, so ist auch aus Budapester Sicht an dessen Stellung nicht mehr zu rütteln.

Dies erst recht nicht nach dem 2012 von Kertész ausgehandelten zweiten Archiv-Vertrag, auch wenn dieser aus Budapester Sicht durchaus Züge eines gegen die dortige Konkurrenz gerichteten Vertragswerks trägt. So hatte Kertész, vertreten durch einen Berliner Anwalt, für die Materialien eine Vergütung gefordert unter Berufung darauf, bei Vertragsschluss nicht gewusst zu haben, dass man in Deutschland für ein Archiv Geld verlangen kann. Den Vertrag könne er daher wegen Irrtums anfechten.

Solch Vorbringen, zumal die Behauptung, von der Vergütungsmöglichkeit nichts gewusst zu haben, erscheint aus ungarischer Sicht wenig überzeugend. Auch die von Berlin daraufhin für das Archiv gezahlten 430.000 Euro werden aus ungarischer Sicht als eher hohe Summe beurteilt. Budapest habe da jedenfalls schwerlich mithalten können.

zahlung Wie auch immer, durch die hohe Zahlung dürfte das Berliner Vertragswerk noch um einiges fester geworden sein, dessen ist man sich auch in Budapest bewusst.

Dies gilt im Übrigen auch unabhängig davon, dass Anfang des Jahres jene nationalistische Stiftung, welche die Pflege des Kertész-Erbes betreibt, vor einem ungarischen Gericht in zweiter Instanz und somit endgültig die Urheberrechte an Kertész’ Werk zugesprochen bekam, während sein physisches Archiv in Berlin verbleibt. So heikel hierdurch auch künftig die Entscheidungen der verlagsrechtlichen Fragen werden können, die Eigentümerposition Berlins wird davon nicht berührt.

Mittelbar ist hierüber wohl sogar eine Art Gesprächsbrücke zwischen Berlin und Budapest entstanden. Denn in den Fragen der urheberrechtlichen Verwertung sind die beiden Institute nun mehr oder weniger aufeinander angewiesen. Kein schlechter Ausgangspunkt für ein erhofftes Mehr an künftiger Ver­ständigung.

VERHÄLTNIS Sehr zu begrüßen ist gewiss der Entschluss, die Idee eines eigenständigen Kertész-Museums aufzugeben, bedeutet doch das Wort »Museum« zwangsläufig den Besitz zahlreicher zu präsentierender originaler Werke. Die hat man aber in Budapest bekanntlich nicht aufzuweisen.

Dazu passt, dass stattdessen jetzt von einem neu ausgerichteten Imre-Kertész-Institut die Rede ist, gedacht als Gedenkstätte und Ort für Tagungen, Seminare und so weiter. Im Übrigen will man dort Schriften zum Leben und Schaffen des Nobelpreisträgers publizieren, wobei das Institut sogleich auch eine erste Publikation vorgelegt hat, das Heft »Az Ismeretlen Kertész Imre«. Es zeigt Fotografien des Nobelpreisträgers aus den Jahren 1934 bis 1955. Ein guter, gelungener Start.

Gefragt, in welchem Verhältnis das Ins­titut zur staatlichen »Stiftung für die Erforschung der Geschichte und Gesellschaft Mittel- und Osteuropas« als Träger-Einrichtung steht, erfolgt freilich keine klare Antwort. Das Imre-Kertész-lnstitut sei hiervon unabhängig, unterstehe jedoch ebenfalls der Aufsicht von Maria Schmidt, der in diesen Fragen engen Vertrauten Viktor Orbáns. Leiter des Instituts ist Zoltán Hafner, bis dato Direktor des gleichnamigen Museums.

»hohes ross« Über das atmosphärische Verhältnis zum Berliner Archiv enthält man sich in Budapest naturgemäß jeglicher Äußerung, dies gebietet schon die vertragliche Lage. Einzig, dass man die deutschen Kollegen ein wenig als auf dem »hohen Ross« sitzend empfindet.

Berlin besitzt nun einmal, wie gesagt, die wesentlichen Materialien, vor allem die Manuskripte der zentralen Werke wie insbesondere Roman eines Schicksallosen. Unverkennbar ist andererseits, dass alle diese Schriften in erster Linie Bestandteil der ungarischen Kultur sind und dass deshalb vor allem den dortigen Literaturinteressierten der bestmögliche Zugang zu verschaffen ist, zumal die Texte ja alle auf Ungarisch verfasst sind.

In Budapest war zu hören, man wolle Viktor Orbán für einen Brief an Angela Merkel gewinnen, um sich für ein aktiveres Miteinander der beiden Institute einzusetzen. Auf den ersten Blick eine vielleicht etwas verwegen anmutende Idee, doch warum nicht? Solche Initiative dürfte jedenfalls kaum Schaden anrichten und gleichwohl geeignet sein, die Arbeitsbeziehungen zu verbessern. Wir dürfen also gespannt sein, ob demnächst im Kanzleramt ein entsprechender Brief des ungarischen Ministerpräsidenten eingeht.

Der Verfasser schrieb das Buch »Imre Kertész und die Liebe der Deutschen« (Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019) und hat 2001 im Auftrag von Imre Kertész dessen Archiv bei der Berliner Akademie der Künste untergebracht.

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