Ukraine

»Steht uns bei!«

Am Montag in Kiew: Ein Vater und sein Sohn gehen an Häusern vorbei, die durch einen russischen Luftangriff zerstört wurden. Foto: IMAGO/ZUMA Wire


Explosionen haben mich heute Morgen um fünf geweckt. Russische Soldaten beschossen erneut Wohngebiete in Kiew. Eine Rakete traf ein neunstöckiges Wohnhaus, das genauso aussieht wie mein eigenes. Noch näher an meinem Haus in einem Wohngebiet explodierte eine Artilleriegranate. In den Außenbezirken der Stadt finden erbitterte Kämpfe statt. Das Dröhnen der Artilleriekanonade ist fast die ganze Zeit zu hören. Sie rücken immer näher. Ich frage mich, ob es die richtige Entscheidung war, in Kiew zu bleiben.

Ich bin Historiker. Was heute passiert, hilft mir besser als ein Universitätsstudium, die Logik der Ereignisse von 1938/39 in Europa zu verstehen. Auch damals will niemand einen großen Krieg mit einem wahnsinnigen Diktator. Kluge und verantwortungsbewusste westliche Politiker versuchen, in seinen Forderungen einen logischen Kern zu finden, der aggressives Vorgehen gegenüber schwachen Nachbarn rechtfertigt.

details »In Böhmen und Mähren gibt es tatsächlich viele Volksdeutsche«, meinen sie zustimmend. »Und in Polen werden die Rechte nationaler Minderheiten vielleicht wirklich nicht respektiert«, denken die klugen verantwortungsbewussten westlichen Politiker. »Doch wir wissen es nicht genau, wir haben uns nicht mit den Details befasst.« Da aber die deutsche Seite Bedenken hat, werde dies sicherlich einen Grund haben. »Die Deutschen sind doch wie wir, und wenn sie bei klarem Verstand sind, wollen sie wahrscheinlich auch keinen Krieg.«

Explosionen haben mich heute Morgen um fünf geweckt. Russische Soldaten beschossen erneut Wohngebiete in Kiew.

Wir alle wissen, dass sich sehr bald herausstellte, wie falsch diese Logik war. Und leider wissen wir auch, dass aus der Geschichte zu wenige Lehren gezogen werden.

ANALOGIEN Ich möchte eigentlich historische Analogien vermeiden, wenn ich beschreibe, was heute in meinem Land passiert. Denn das scheint mir oft eine übertriebene Rhetorik zu sein, die an Spekulation grenzt.

Ein Einmarsch, eine bewaffnete Aggression, sollte von der internationalen Gemeinschaft gestoppt werden. Ich glaube, dass die Aufnahmen der zerstörten Städte Charkiw und Mariupol zum Himmel schreien, auch wenn man keinen Zusammenhang mit den historischen Fotos des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Warschau herstellt. Ich bin davon überzeugt, dass der systematische wahllose Beschuss von Wohngebieten und ziviler Infrastruktur sowie Massaker an Zivilisten inakzeptabel sind – dazu muss man keinen Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg herbeiziehen. Und doch tauchen in meinem Kopf zwangsläufig historische Bilder auf.

Eine der wichtigsten Figuren der damaligen Kriegszeit ist für mich Jan Karski. Als polnischer Offizier, ein Mann mit herausragenden Fähigkeiten und außergewöhnlichem Mut, arbeitete er während der Nazi-Besatzung im Untergrund. Nachdem er einzigartige Informationen über die Gräueltaten der Nazis gesammelt hatte, schaffte er es 1942, in den Westen zu gelangen. Er war einer der Ersten, die der Welt vom Holocaust erzählten. Er versuchte, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit demokratische Nationen etwas gegen diesen Horror tun.

tragödie In den Vereinigten Staaten gelang es ihm, im Sommer 1943 bei Präsident Franklin Roosevelt persönlich vorzusprechen. Nachdem er von der Tragödie in den von Deutschland besetzten Gebieten erzählt hatte, fragte er den Präsidenten, was er seinem Volk und der polnischen Führung im Untergrund und im Exil denn nun mitteilen könne.

Karski schreibt in seinen Erinnerungen über Roosevelt: »Er rauchte seine Zigarette und sagte: ›Ihr werdet euren Führern sagen, dass wir diesen Krieg gewinnen werden! Du wirst ihnen sagen, dass die Schuldigen für ihre Verbrechen bestraft werden.‹ Rauchen, rauchen. ›Gerechtigkeit und Freiheit werden siegen.‹«

Ich höre diese Worte in meinem Kopf, gesprochen mit der tiefen, starken Stimme von Karski selbst. Vor zehn Jahren verließ ich die Ukraine und ging nach Israel. Ich arbeitete in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und habe mir Dutzende Male die Videoaufzeichnung von Karskis Geschichte über das Treffen mit Roosevelt angehört.

DONBASS Nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges im Jahr 2014 kehrte ich in die Ukraine zurück. Ich wollte mich schon immer für die Erhaltung des kulturellen Erbes und die Museumsarbeit engagieren. Ich war stolz darauf, der Gründer des Museums für die Geschichte und Kultur der Juden in der Bukowina in Czernowitz zu sein. Aber andere Probleme wurden dringender. So begann ich, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten, und dokumentierte Kriegsverbrechen im Donbass.

Ich sammelte systematisch Informationen über den wahllosen Beschuss ziviler Infrastruktur, über außergerichtliche Hinrichtungen, die Folter von Kriegsgefangenen und zivilen Geiseln in rechtswidrigen Haftanstalten, den Einsatz von Antipersonenminen und andere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht.

Ich hoffte, dass diese dem Westen übermittelten Informationen irgendeine Reaktion hervorrufen würden. Insbesondere habe ich Materialien beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag eingereicht, dessen Gerichtsbarkeit die Ukraine bereits 2014 anerkannt hat. Erst kürzlich, acht Jahre nach Beginn der russischen Invasion, hat der Internationale Strafgerichtshof entschieden, dass er den Fall grundsätzlich akzeptiert.

verbrechen Es war mental harte Arbeit. Das in meinem Kopf mythologisierte Bild von Karski gab mir moralische Kraft. In meinem Ohr klang Roosevelts Stimme: Die Schuldigen werden für ihre Verbrechen bestraft.

Doch eigentlich war dieses Zitat nicht inspirierend. Der Kontext von Karskis Gespräch mit Roosevelt war höchst umstritten. Im Wesentlichen bedeutete die Antwort des Präsidenten, dass die Vereinigten Staaten nichts Besonderes tun würden, um die Juden zu retten, die von den Nazis vernichtet wurden. Amerika zeigte Vertrauen in den endgültigen Sieg im Krieg, hatte aber nicht vor, sich von irgendwelchen Nebenaufgaben ablenken zu lassen.

Karski erinnerte sich später so: »Gott hat mich auserwählt, den Westen über die Tragödie in Polen zu informieren. Dann schien es mir, dass diese Informationen helfen würden, Millionen von Menschen zu retten. Es hat nicht funktioniert, ich habe mich geirrt.«

ARTILLERIEFEUER Heute höre ich in Kiew das heranrückende Artilleriefeuer und zucke vor Raketenangriffen in der Ferne zusammen. Ich tue mein Bestes, um Informationen über Kriegsverbrechen zu sammeln, die vor meinen Augen geschehen. Es wird immer schwieriger, die Zahl der zivilen Opfer des Konflikts auch nur annähernd zu zählen, es ist fast unmöglich. Zum Beispiel ist Mariupol durch die Belagerung abgeschnitten, auch von allen Kommunikationskanälen. Jeden Tag kommen Hunderte, vielleicht Tausende Menschen ums Leben.

Ich leite diese Materialien unter anderem an das OHCHR weiter, das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Meinen Glauben an ein Wunder habe ich noch nicht verloren. Ich bin immer noch entsetzt über das Ausmaß der Tragödie, die sich ereignet. Und ich kann immer noch nicht verstehen, warum der Westen angesichts einer offensichtlichen humanitären Katastrophe passiv bleibt.

Was muss noch passieren, damit die internationale Gemeinschaft erkennt, dass sie nicht am Rand stehen und zuschauen kann?

Was muss noch passieren, damit die internationale Gemeinschaft erkennt, dass sie nicht am Rand stehen und zuschauen kann? Wladimir Putin wird nur aufhören, wenn er gestoppt wird, das scheint offensichtlich. Aber wie viele Tausende, Zehntausende Ukrainer müssen noch sterben?

Wir Ukrainer werden diesen Krieg tatsächlich gewinnen. Wir haben keine andere Wahl. Es ist ein Krieg nicht nur um unsere Unabhängigkeit als Land, sondern auch um unsere Existenz als Volk. Aber je früher die internationale Gemeinschaft aufwacht und eingreift, desto eher wird dieser Albtraum enden und desto weniger Menschen werden sterben.

Ich möchte, dass Karskis Worte in meinem Kopf wie eine Vertrauenserklärung klingen, dass die Schuldigen für ihre Verbrechen bestraft werden, und nicht als bitterer Beweis für die Vergeblichkeit der Bemühungen, die Welt über die Tragödie zu informieren.

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