Italien

Spiel, Satz und Sieg

Camila Giorgi gehört zu den besten jüdischen Tennisspielerinnen. Doch auch abseits des Platzes ist die Sportlerin ebenso umtriebig wie außergewöhnlich

von Andreas Knobloch  04.10.2021 14:27 Uhr

Camila Giorgi vor Kurzem bei einem Spiel. Die Tennisoutfits entwirft ihre Mutter, eine Modedesignerin. Foto: imago images/LaPresse

Camila Giorgi gehört zu den besten jüdischen Tennisspielerinnen. Doch auch abseits des Platzes ist die Sportlerin ebenso umtriebig wie außergewöhnlich

von Andreas Knobloch  04.10.2021 14:27 Uhr

Die US Open, das letzte Tennis-Grand-Slam-Turnier des Jahres, hatten kaum begonnen, da waren sie für die Italienerin Camila Giorgi schon wieder vorbei. In der ersten Partie am 30. August auf dem Grandstand, einem der größeren Plätze der Anlage in New York, unterlag sie der früheren French-Open- und Wimbledon-Siegerin Simona Halep aus Rumänien knapp in zwei Sätzen. Die Niederlage gegen eine der Turnierfavoritinnen ändert aber nichts an Giorgis fantastischem Tennissommer.

Gekrönt wurde dieser durch einen Tuniersieg Mitte August. Als erste jüdische Spielerin seit 56 Jahren siegte Giorgi bei den National Bank Open in Montreal, Kanadas prestigeträchtigstem Tennisturnier. Als letzte jüdische Spielerin hatte die Amerikanerin Julie Heldman 1965 das Turnier gewonnen.

Finalsieg Bis dahin war die 29-jährige Giorgi nur bei zwei kleineren Turnieren siegreich gewesen. Aber das ist auch schon ein paar Jahre her. In Wimbledon erreichte sie 2018 einmal das Viertelfinale, das sie gegen Serena Williams verlor. Der Finalsieg in Kanada dagegen war für Giorgi der 16. Sieg im 20. Match seit den French Open Ende Mai, darunter gegen sieben Top-20-Spielerinnen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio erreichte sie für Italien das Viertelfinale.

Dass sie für ihr Geburtsland antreten würde, war nicht immer klar. Zu Beginn ihrer Karriere überlegte Giorgi laut Medienberichten, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen und für das israelische Fed-Cup-Team zu spielen. Denn ihre Eltern, Argentinier, die nach Italien ausgewandert sind, sind jüdisch.

Schon als Fünfjährige kam sie zum Tennis. Ihr Vater trainierte sie.

Vater Sergio kämpfte 1982 im Falklandkrieg. »Ich habe Kameraden sterben sehen und war mindestens viermal dem Tod nahe. Ich hatte Glück, dass ich da lebend rauskam«, erzählte er einmal einem Journalisten. Die Kriegserfahrungen hätten ihn dazu gebracht, »nicht alles zu glauben« und sich von der glitzernden Tenniswelt nicht blenden zu lassen.

Stipendium Nach dem Krieg studierte er dank eines Stipendiums Medizin in Rom und lernte dort Claudia Gabriella Fullone kennen. Später heirateten die beiden und bekamen vier Kinder. Camilas älterer Bruder Leandro wurde Schauspieler, der jüngere Amadeus spielte zuletzt in Italiens vierter Fußballliga für Campodarsego und ist derzeit vereinslos. Das vierte Kind, Antonela, starb als Kleinkind bei einem Verkehrsunfall.

Camila kam bereits als Fünfjährige zum Tennis. Vater Sergio ist seitdem ihr Trainer – mit ganz eigenen Ansichten. Von den Verbandsstrukturen hielt er sich fern. »Als Camila sieben Jahre alt war, wurde sie vom italienischen Tennisverband angerufen, aber wir sind nie hingefahren«, erinnert er sich. Das Geld, um auf Turniere zu fahren, war knapp. Später erhielt Camila ein Tennisstipendium von dem renommierten Coach Nick Bollettieri, der unter anderem Andre Agassi trainiert hatte.

Mit dessen aggressivem Grundlinienspiel wurde Camilas Stil in jungen Jahren verglichen. Für ihren Traum vom Profitennis zog sie als Zehnjährige nach Spanien, mit 13 nach Paris und später nach Miami, bevor sie zurück nach Italien ging.

Eines Tages möchte Camila Giorgi gern Schriftstellerin werden.

Obwohl Camila wegen ihres Tennisspiels und ihres Aussehens für viele Unternehmen als Markenbotschafterin interessant war, verweigerte sich ihr Vater dem Geschäft. »In meinem Haus habe ich eine Menge abgelehnter Verträge. Im Jahr 2018, nach dem guten Wimbledon-Turnier von Camila, kamen sie zu mir, aber mit Verträgen, die nichts taugten.«

Berüchtigt ist Sergio Giorgi auch wegen seiner aufbrausenden Art. Während einer Partie gegen die Spanierin Sara Sorribes beim Masters in Rom im Mai fühlte sich die Stuhlschiedsrichterin dermaßen von ihm bedroht, dass sie den Sicherheitsdienst rief.

INTERESSEN Camila dagegen nimmt die Dinge auf dem Platz weniger ernst – auch dank ihrer Mutter Claudia. Die ist Modedesignerin und entwirft Camilas Tennisout­fits. »Sie hat mir beigebracht, dass es wichtig ist, vielfältige Interessen zu haben«, so Camila Giorgi. »Sie hat mich für Mode begeistert, seit ich klein war.«

Und so posiert Camila auch schon mal als Dessous- oder Fitnessmodel und teilt die Aufnahmen mit ihren fast 500.000 Followern auf Instagram. »Ich liebe mein Leben. Ich möchte im Tennis gut abschneiden, aber Tennis ist nur meine Arbeit«, sagt sie. »Es kann passieren, dass man einmal einen schlechten Tag hat, aber dann hat man andere Dinge im Leben. Man hat Freunde und kann ausgehen. Ich lese auch viel. Ich würde gerne eines Tages Schriftstellerin werden.« Mit dieser gesunden Einstellung wird Camila Giorgi an der knappen Erstrundenniederlage in New York nicht lange zu knabbern haben.

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