Doja Cat sind Marken egal, Intellektualität und gutes Benehmen auch. Ihre Songs führen regelmäßig die Charts an. Sie singt über Nacktheit, Sex und Fremdgehen. Doja Cat raucht Kette, so viel, dass man es ihrer Stimme anhört. Manchmal postet sie ziemlich geschmackloses Zeug. Manchmal vergrätzt und beleidigt sie auch, zum Beispiel, wenn sie sagt, dass sie ihren Fans kaum sagen könne, dass sie sie »liebe«, schließlich kenne sie sie gar nicht. Ein anderes Mal verkündete sie den Tod der Musik. Beide Male verlor sie kurzfristig Hunderttausende Follower – die dann aber doch zurückkehrten.
Ihre Outfits sind so glamourös und provokant wie einst die von Rihanna oder Madonna – bunt wie Bonbonpapier und lieber weniger als mehr. Für die berühmte Met Gala verkleidete sie sich als Choupette, die Katze des verstorbenen Stardesigners Karl Lagerfeld. Im selben Jahr trug sie zur Fashion-Week-Show von Viktor & Rolf einen aufgeklebten Schnurrbart. Doja Cat ist eine Ikone, aber vor allem ist sie der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit.
»Kiss me more«
Bisher hat die 30-Jährige fünf Alben veröffentlicht: »Amala« (2018) war bis auf den Song »Juicy« ein Flop. Mit der 70er-Jahre-Hommage »Say No« vom Album »Hot Pink« (2019) kam der Durchbruch. Der Song wurde abermillionenfach an Pools, in Penthäusern und Nachtclubs nachgetanzt und -gesungen. Die Songs von »Planet Her« (2021) fordern eine bessere Welt von Frauen für Frauen und brachten einen Grammy. »Woman« war ein Megahit und auch »Kiss me more«, das Doja Cat zusammen mit ihrer Kollegin SZA sang. Der Song ist inzwischen erfolgreicher als »The Boy is Mine« von Brandy und Monica aus den 90er-Jahren, das jahrzehntelang nicht aus den Of-all-time-Charts zu kriegen war. 2023 veröffentlichte Doja Cat »Scarlet« (2023) mit »Paint the Town Red« und 2025 »Vie«, mit dem sie nun auf Tour geht.
Sie singt frei über Sex zur weiblichen Ermächtigung – mit viel absurdem Humor.
Als Vorbilder nennt sie Nicki Minaj, Beyoncé, Janet Jackson und Prince. Ihre Lieder sind luxuriöse Hybride aus Pop-R&B, kosmischem Afro-Pop und Rap, geschüttelt und verrührt mit ein bisschen 80er-Jahre Disko. Manchmal vergisst Doja Cat die Namen ihrer Alben, sagt von sich selbst, dass sie an ADHS leide und nie wirklich zur Ruhe komme – daher auch das Rauchen. Mit 16 brach sie die Schule ab und begann – wie einst Billie Eilish und Kehlani – ihre Musik auf SoundCloud zu veröffentlichen. Sie blieb nächtelang wach, scrollte im Netz nach neuen Tönen, bis sie auf dem Boden einschlief. Sie ist eines der frühen Musikkinder des Internetzeitalters und hat mehr als 55 Millionen Follower in den sozialen Medien, allein auf TikTok sind es weit über 20 Millionen.
2014 veröffentlichte sie passend zum Künstlernamen ihre erste EP »Purrr!«, darauf fand sich ihr erster Hit »Mooo!«, das als Meme berühmt wurde, weil sie im Video tief dekolletiert als Kuh posiert und sich Pommes frites in die Nase steckt. In knapp einer Woche hatte der Clip mehr als eine Million Views.
Bronx - Hindu-Tempel - Los Angeles
Doja Cat wurde 1995 in Los Angeles geboren und heißt eigentlich Amala Ratna Zandile Dlamini. Sie wuchs bei ihrer Mutter Deborah Elisabeth Sawyer auf, eine jüdisch-amerikanische Malerin litauischer Herkunft. Ihr Vater, der Broadway-Schauspieler Dumisani Dlamini, ist Zulu und kommt aus Südafrika. Von ihrem Vater sei sie entfremdet, sagt Doja Cat, und es sei seltsam, dass er manchmal ihre Instagram-Posts kommentiere. Noch als kleines Kind zog sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in die Bronx zu ihrer Großmutter, einer Architektin und Malerin. Nach ein paar Jahren ging es jedoch wieder zurück nach Los Angeles, wo die drei zeitweise im hinduistischen Sai Anantam Ashram in den Hügeln von Santa Monica lebten. Doja Cat tanzte dort im Tempel und trug Schleier. Diese Zeit habe sie um ihre Kindheit gebracht, urteilt sie heute. Schließlich zogen sie zurück in die Stadt, in den sehr weißen und sehr jüdisch geprägten Vorort Oak Park. Dort sei ihr und ihrem Bruder viel Rassismus begegnet, sagte sie einmal dem »Rolling Stone«-Magazin.
Doja Cat verkörpert einen freizügigen Frauentyp, wie es ihn seit der #MeToo-Bewegung kaum mehr gibt. Sie singt Sex-positive Lieder voller Untreuefantasien zur weiblichen Ermächtigung, und das mit viel absurdem Humor, dazu tanzt sie möglichst provokant. Doch zugleich bleibt sie rätselhaft. Es ist nicht ganz klar, was sie mag, wen sie liebt oder ob sie in einer Beziehung lebt. Für viele repräsentiert sie das Internetzeitalter schlechthin. Sie wirkt wirr und transgressiv, fröhlich, bunt und schnell – alles ist gleich wieder vergessen, verändert, durch anderes ersetzt, sagt sie. Auch sie selbst: So ließ sie sich die Brust verkleinern und an den Hüften Fett absaugen. Ihren Körper möge sie manchmal, manchmal nicht.
Ihr Künstlername »Doja« stehe für ihre Lieblings-Marihuana-Sorte, klinge aber auch wie ein Frauenname, das gefalle ihr, so die Sängerin. »Cat« habe sie angefügt, weil Katzen ihre Lieblingstiere seien. Sie bezeichnet sich selbst als halb-weiß, vor allem aber als jüdisch. In einem YouTube-Videoclip aus dem Jahr 2022 wiederholt sie es immer wieder. »Ich bin jüdisch. Absolut!« Aber man halte sie nur selten dafür.
