USA

Sicher ist sicher

Nach dem Anschlag: vor der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh (Oktober 2018) Foto: imago/ZUMA Press

Für europäische Ohren mag es martia­lisch klingen – doch in den USA sind »Shooter Drills«, also das Trainieren von Situationen, in denen es gilt, bewaffnete Angreifer abzuwehren, eine vollkommen rationale Reaktion. Neuerdings gibt es – nach den Anschlägen im kalifornischen Poway und den jüngsten Massakern in Texas und Ohio nur zu verständlich – eigens Kurse für amerikanische Gemeindemitglieder.

Bevor die hauseigenen Sicherheitsleute die Türen zum Gebetsraum schlossen und die Gemeinde sich daranmachte, den Gottesdienst wegen eines drohenden Anschlags zu verlassen, stellte Rabbi Neil Cooper sicher, dass die Torarollen im Schrein waren. Zehn Minuten später, so schildert es die jüdische Nachrichtenagentur JTA, waren die Beter wieder zurück auf ihren Plätzen – bereit, sich die wöchentliche Toraauslegung anzuhören. Der erste aktive »Shooter Drill« in der Vorortsynagoge in Philadelphia war Geschichte.

»Das war keine große Sache«, sagt Rabbi Cooper im Gespräch mit JTA. »Wir wollten einfach, dass unsere Leute wissen, dass wir Herr der Lage sind und alles im Blick haben.«

Simulation Nach den Ereignissen der vergangenen Monate und ganz speziell nach den Angriffen auf Synagogen in Pittsburgh und im kalifornischen Poway trainieren Gemeinden im ganzen Land ihre Mitglieder, wie sie sich verhalten müssen, falls der Terror ihre Gemeinde heimsucht. Einige, wie Coopers Beth Hillel-Beth El, simulieren während der Gottesdienste Überfälle. Andere haben ausgefeilte Pläne in der Schublade, wie sie sich im Fall der Fälle verhalten. Und wieder andere haben einen Teil ihrer Gemeindemitglieder unterwiesen, wie man Schützen abwehren kann, wenn sie bereits im Inneren der Synagoge sind.

Die »Shooter Drills« sind Teil einer Reihe von Maßnahmen, die nach den jüngsten Angriffen zu den Sicherheitskonzepten jüdischer Gemeinden in den USA gehören.

Die »Shooter Drills« sind Teil einer Reihe von Maßnahmen, die nach den jüngsten Angriffen auf Synagogen und den Supermarkt in El Paso (Texas) zu den Sicherheitskonzepten jüdischer Gemeinden in den USA gehören. Dazu zählen verschlossene Türen, gesicherte Fenster und bewaffnetes Sicherheitspersonal. Einige Gemeinden haben Mitglieder ermutigt, während der Gottesdienste Handfeuerwaffen zu tragen, andere hingegen haben die Regeln zum Tragen von Waffen in der Synagoge verschärft.

»Die Menschen wachsen in solchen Situationen nur selten an ihren Aufgaben«, sagt Michael Masters, Geschäftsführer eines Netzwerks, das jüdische Institutionen in Sicherheitsfragen berät. »Im Gegenteil: Sie greifen auf das zurück, was sie gelernt haben. Unser Ziel ist es, den Leuten einen Plan zu vermitteln, sodass sie im Fall eines Angriffs ein Instrumentarium parat haben, aus dem sie sich bedienen können.«

Die Übungen folgen häufig dem Dreiklang von »Lauf weg, versteck dich, kämpfe!« – was bedeutet, dass man sich für eine dieser drei Optionen entscheiden muss. Bei Beth Hillel-Beth El verließen die Mitglieder die Gemeinde durch eine Tür vorne am Gebetssaal gegenüber den Türen, die gleichzeitig von den Ordnern verriegelt wurden, während sie unbemerkt die Polizei alarmierten.

Verhaltens­training Die Übungen werden durch Verhaltens­training ergänzt, das es seit Jahren an jüdischen Schulen gibt – an der Beth-Hillel-Beth-El-Vorschule seit 2013. Weil die Kinder dort noch sehr klein sind, besteht die Übung häufig daraus, sie zu knuddeln oder ihnen Lutscher zu geben. »Das macht diese Art von Spielen nicht nur weniger furchterregend, sondern sorgt dafür, dass die Kinder beschäftigt sind«, sagt Judith Scarani, Chefin des Kindergartens der Gemeinde.

Anderswo geht es durchaus robuster zu. Avi Abraham, israelischer Kampfsport­experte, bietet für mehr als 20 Gemeinden im Großraum New York Krav-Maga-Kurse an. Darin lernen die Teilnehmer, einen Schützen außer Gefecht zu setzen. Abraham bietet auch die Option an, es während des Gottesdienstes zu üben. Dabei attackieren die Gemeindemitglieder den Angreifer kollektiv von der Seite, bringen ihn zu Boden und entreißen ihm die Waffe. All das, so Abraham, sei übrigens weniger eine Frage der Kraft als von Sechel – Verstand.

Zürich / Washington

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