Argentinien

Rabbi, Minister, Umweltaktivist

»Ich bin überzeugt von dem enormen Potenzial, das wir als globale Organisation haben«: Rabbiner Sergio Bergman über die WUPJ Foto: imago/ZUMA Press

Er ist ein Freund von Papst Franziskus, zählte zu den weltweit einflussreichsten Menschen in der Klimapolitik, war der erste Rabbiner Argentiniens, der ein öffentliches Amt bekleidete, und gilt als harter Kritiker der früheren argentinischen Präsidentin und heutigen Vizepräsidentin Cristina Kirchner. Vergangene Woche hat der 58-jährige Sergio Bergman sein Amt als Präsident der Weltunion für Progressives Judentum (World Union for Progressive Judaism, WUPJ) angetreten.

»Es ist eine große Ehre für mich, die Präsidentschaft der World Union zu übernehmen«, sagte er nach seiner Ernennung. Die WUPJ sei ein starkes Netzwerk gleichgesinnter Juden, die partnerschaftlich zusammenarbeiten, um positive neue Muster für ein spirituelles jüdisches Engagement zu schaffen. »Ich bin überzeugt von dem enormen Potenzial, das wir als globale Organisation haben, um unserer Zusammengehörigkeit als Volk neue Impulse und neue Energie zu geben.«

Die 1926 in London gegründete WUPJ vertritt nach eigenen Angaben rund 1,8 Millionen Reform-, progressive, liberale und rekonstruktionistische Juden in 50 Ländern auf sechs Kontinenten.

BIOGRAFIE Sergio Bergman wurde 1962 in Buenos Aires geboren, er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. In den 80er-Jahren studierte er Pharmazie und Biochemie an der Universität Buenos Aires (UBA), später folgten Masterabschlüsse in Pädagogik, Rabbinischer Literatur sowie Jüdischen Studien, die er allesamt im Ausland erwarb.

Bergman ist Rabbiner der ältesten Synagoge von Buenos Aires, der Congregación Israelita Argentina, auch bekannt als Templo Libertad (Freiheitstempel).

Die Synagoge ist Teil der Fundación Judaica, eines Stiftungsverbandes jüdischer Institutionen, der von Bergman gegründet und geleitet wurde. Zu dem Netzwerk zählen auch Bildungseinrichtungen, Sozialprogramme, Wohltätigkeitsfonds, eine Schwulenallianz und Bauernhöfe. »Wir tragen und unterstützen die Ernennung von Rabbi Bergman zum Präsidenten der WUJP«, schrieb die Fundación Judáica in einer Erklärung.

STADTPARLAMENT Über die Grenzen Argentiniens hinaus bekannt wurde Bergman 2011, als er als erster Rabbiner in Argentinien in ein öffentliches Amt gewählt wurde und ins Stadtparlament von Buenos Aires einzog.

Im Jahr 2013 wurde er als Vertreter der rechtspopulistischen Partei Republikanischer Vorschlag (Propuesta Republicana, PRO) des späteren Präsidenten Mauricio Macri in den Nationalkongress gewählt. Der Eröffnungssitzung der Legislaturperiode 2014 mit der Rede zur Lage der Nation blieb er jedoch fern, da sie an einem Schabbat stattfand.

Als Abgeord­neter machte Bergman, der als enger Mit­streiter von Macri gilt, vor allem durch eine kritische Haltung gegenüber der Regierung von Cristina Fernández de Kirchner von sich reden.

TERRORANSCHLAG Besonders heftig griff er das 2013 von der Präsidentin unterzeichnete Memorandum of Understanding zwischen Argentinien und dem Iran an. Darin vereinbarten beide Länder, den Terroranschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina) von 1994 mit 85 Toten und mehr als 300 Verletzten gemeinsam aufzuklären.

Die Empörung in der jüdischen Gemeinde war gewaltig, gilt der Iran doch als Drahtzieher des Anschlags. Hintergrund der Vereinbarung waren mutmaßlich geplante Ölgeschäfte mit dem Iran. Der Fall beschäftigt das Land bis heute.

Sonderstaatsanwalt Alberto Nisman warf Cristina Kirchner vor, wegen des Deals mit dem Iran, also aus wirtschaftlichen und diplomatischen Interessen, die Verfolgung der Hauptverdächtigen des Attentats zu sabotieren.

Er entwarf einen Plan zum grünen Umbau der Wirtschaft.

Im Januar 2015 wurde Nisman mit einer Schusswunde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.

Bergman wiederum war einer der Gründer einer aktiven Erinnerungsgruppe, die ein Jahrzehnt lang jeden Montag demonstrierte, um Gerechtigkeit für die Opfer des AMIA-Bombenanschlags zu erreichen. Die von ihm initiierte Gründung der Fundación Judaica war eine Antwort auf das Attentat, um den Schock innerhalb der Gemeinde zu verarbeiten und zu überwinden.

NACHHALTIGKEIT Nach seiner Wahl zum argentinischen Präsidenten Ende 2015 ernannte Macri Bergman zum Minister für Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Dieses Amt hatte Bergman bis Ende 2019 inne. Unter seiner Regie entwickelte das argentinische Umweltministerium einen ambitionierten Plan zum grünen Umbau der argentinischen Wirtschaft.

Die Plattform Apolitical, die unter anderem mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenarbeitet, führte Bergman in ihrer Climate-100-Liste der »einflussreichsten Menschen der Welt in der Klimapolitik«.

»Als führender Vertreter einer Religionsgemeinschaft hat sich (Bergman) für einen eher ethischen als wissenschaftlichen Ansatz in der Umweltpolitik eingesetzt«, hieß es in der Erklärung von Apolitical.

Nun ist Bergman also Präsident der WUPJ. »Dies ist ein aufregendes neues Kapitel in der Geschichte unserer Organisation«, sagt WUPJ-Vorstand Carole Sterling. »Rabbiner Bergman ist eine Person mit großem Einfühlungsvermögen, tiefem Intellekt und unerschütterlichem Glauben. Seine Erfahrung wird uns sehr guttun.«

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026