Griechenland

»Nur nicht aufgeben«

Wann immer man ihn ruft und um Hilfe bittet, ist er da. Solomon Algava, Ende 50, ist Mädchen für alles in der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki. Hätte ihm das vor sechs Jahren jemand vorausgesagt, hätte er vermutlich gelacht. Doch bei Ausbruch der Wirtschaftskrise in Griechenland hat sich das Leben des erfolgreichen Geschäftsmanns mit einem Schlag verändert.

Solomon Algava ist in Thessaloniki geboren und aufgewachsen. Er ging dort zur Schule, machte eine kaufmännische Ausbildung und war erfolgreich. Er arbeitete in einer großen Firma für medizinische Produkte und war viel im Ausland unterwegs. Er habe gut mit Geld umgehen können und nie über seine Verhältnisse gelebt, sagt er.

Doch 2010 musste seine Firma schließen, sie wurde zum Opfer der Krise im griechischen Gesundheitssystem. Solomon Algava meldete sich arbeitslos und erhielt ein Jahr lang jeden Monat 300 Euro. »Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel«, sagt er. Sein 28‐jähriger Sohn ist behindert und auf seine Hilfe angewiesen. »Wären er und meine Tochter nicht, würde ich sofort nach Israel ziehen, doch ich möchte nicht weit entfernt von meinen Kindern leben müssen.«

Hoffnung In den ersten Jahren seiner Arbeitslosigkeit suchte Algava unermüdlich nach einem neuen Job. Ohne Erfolg. Als er vor zwei Jahren an die Tür der jüdischen Gemeinde klopfte, spürte er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so etwas wie Hoffnung. Die Gemeinde wollte ihn auf jeden Fall unterstützen – im Gegenzug sollte er für sie arbeiten.

Seitdem übernimmt Solomon alles, vom Aufräumen übers Saubermachen bis hin zur Organisation von Veranstaltungen. Die Gemeinde zahlt ihm dafür die nötigen Sozialversicherungsbeiträge, sodass er in fünf Jahren in Rente gehen kann. Und weil er in einer Wohnung der Gemeinde lebt, reduzierte man ihm auch die Miete.

»Heute empfinde ich es als großes Glück, Mitglied der jüdischen Gemeinde zu sein«, sagt er und weiß: Er ist nicht der Einzige, dem die Gemeinde in der Krise hilft. In Thessaloniki gelten rund 70 Prozent der Mitglieder als nicht wohlhabend. Viele könnten ohne den Rückhalt der Gemeinde nicht überleben. Wenn Solomon Algava das seinen christlichen Freunden erzählt, heben die meisten zweifelnd die Augenbrauen. Immer noch meinen in Griechenland viele, alle Juden seien reich.

Verlust Solomon Algava hat sein Leben komplett umstrukturieren müssen. Doch trotz des Verlustes seines gesellschaftlichen Umfelds, was ihn viel Kraft kostete, hat er sich selbst niemals aufgegeben. »Die Krise hat mich nicht umgehauen, weil ich mich nie finanziell verausgabt habe«, sagt er. Trotz des erfolgreichen Jobs hat Solomon Algava nie eine Kreditkarte besessen. Er hat immer zuerst seine monatlichen Fixkosten bezahlt und dann von dem gelebt, was noch übrig blieb. Das machten nicht viele Griechen so.

Dass die Verschwendungssucht mit der Krise aufgehört hat, merkt Solomon in seinem unmittelbaren Umfeld. »Für uns Griechen galt schon immer: Man isst, als wäre es der letzte Tag, und baut, als würde man ewig leben«, bemerkt er scherzhaft – will damit aber nicht missverstanden werden: »Wir sind eben ein Mittelmeervolk. Unser Naturell ist nicht so wie das der Westeuropäer.« Inzwischen jedoch, sagt Algava, hätten »viele von uns« das Lächeln verloren.

Das meint auch Jiomtov Robissa. Er ist ebenfalls Mitglied der jüdischen Gemeinde Thessalonikis und betreibt ein Reisebüro im Ladadika‐Viertel. Seit 1988 ist er im Tourismusgeschäft tätig. Früher hatte er auch eine Filiale in Athen. »Das Geschäft lief gut, wir brauchten uns ums Geld keine Gedanken zu machen«, sagt er.

Doch dann klopfte von einem Tag auf den anderen auch bei Jiomtov Robissa die Krise an. »Auf einmal klingelte das Telefon nicht mehr, und fast kein Kunde betrat mehr unsere Läden.« Die Griechen, die im Sommer die Inseln besuchen oder Fernreisen buchen, waren auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Robissa musste zuerst sein Reisebüro in Athen schließen, später auch das zweite in Thessaloniki. Inzwischen hat er ein kleineres Büro im Hafenviertel eröffnet. Von den ehemaligen 15 Mitarbeitern sind nur drei übrig geblieben. Robissas Alltag hat sich durch die Krise sehr verändert.

Sonderangebote »Ich denke jetzt oft an meinen Vater, einen Schoa‐Überlebenden, der immer nach Sonderangeboten schaute. Ich fand das immer übertrieben. Aber inzwischen habe auch ich angefangen, die Preise zu vergleichen.«

Seit einiger Zeit beschreitet Robissa neue Wege. Er konzentriert sich auf den Auslandstourismus. Neuerdings kommen zunehmend israelische Touristen nach Thessaloniki. Für einige organisiert Robissa den Aufenthalt. Er weiß, dass der Tourismus eine der tragenden Säulen der griechischen Wirtschaft sein wird. Mit ein wenig Glück, Geduld und Engagement wird er überleben können. Sein Plan: »Wir müssen die jüdische Geschichte unserer Stadt mehr in den Vordergrund stellen.«

Trotz allem sieht Robissa die Krise auch als Möglichkeit der inneren und äußeren Reinigung. »Das kann befreiend wirken.« Er musste in eine kleinere Wohnung ziehen und merkte, dass er vieles, was sich in all den Jahren des Übermaßes angehäuft hatte, gar nicht mehr brauchte.

Aber die Veränderung fällt auch ihm nicht leicht. So wie Solomon Algava musste auch er durch ein tiefes Tal. Als griechischer Jude, der eigentlich gern lacht, spürt er jetzt häufig auch Gefühle von Depression. »Doch unsere Tradition lehrt uns: Wir müssen nach vorn schauen. Und wir müssen uns ändern. Eine Gesellschaft ändert sich, weil sich ihre Mitglieder ändern. So gesehen trage auch ich Verantwortung dafür, was in Griechenland passiert.«

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