Simbabwe

Nach den Chaostagen

Das Militär setzt Tränengas gegen die protestierende Bevölkerung ein (15. Januar). Foto: dpa

Aus dem Militärhubschrauber regnet es Tränengas, unten prügeln Soldaten auf Demonstranten ein, dann fallen Schüsse. In Simbabwe legten im Januar Proteste gegen die Regierung tagelang das Land lahm. Mindestens acht Menschen kamen dabei ums Leben. Inmitten des Chaos: die kleine jüdische Gemeinde. Doch die Anarchie in den Straßen ist nicht ihre einzige Sorge.

»Die Regierung stellte das Internet ab, die Geschäfte blieben eine Woche lang geschlossen, und wir mussten zusehen, wie wir zurechtkamen. Einige von uns lebten in Angst, von den Soldaten verprügelt zu werden«, erinnert sich Modreck Maeresera, Vertreter der jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt Harare.

aussenwelt Die Angst war berechtigt. Wie Simbabwes Menschenrechtskommission kritisierte, setzte die Armee in den Chaostagen »systematisch Folter« gegen Zivilisten ein. Gegen Demonstranten ging sie mit Sturmgewehren vor. Die Vereinten Nationen sowie die USA und die Europäische Union verurteilten die »unverhältnismäßige Gewalt«.

»Es ist zum Fürchten, von Informationen und der Außenwelt abgeschnitten zu sein«, zitiert der südafrikanische »Jewish Report« eine Jüdin in Simbabwe. Wie sie gerieten einige andere in die landesweiten Proteste. »Ich wurde mit Tränengas beschossen. Jetzt muss ich im Haus bleiben.«

Die Regierung ließ eine Woche lang das Internet ausschalten.

Sieben Tage lang war auch der Zugang zu Ärzten, Medikamenten und Lebensmitteln abgeschnitten. In dieser Zeit fungierte der Johannesburger Rabbiner Moshe Silberhaft als Vermittler zwischen den simbabwischen Juden und deren Familien im Ausland. Silberhaft, wegen seines Einsatzes für entlegene jüdische Gemeinden auch »der reisende Rabbi« genannt, ist Geschäftsführer des African Jewish Congress.

SYNAGOGEN Er erinnert sich: »Wir kontaktierten die Gemeinde in Simbabwe alle acht Stunden, um zu sehen, wie es ihr geht. Die größte Herausforderung besteht darin, US‐Dollar aufzutreiben, damit die chronisch Kranken ihre Medikamente bekommen.«

Simbabwes Juden blicken auf eine etwa 100‐jährige Geschichte zurück. Damals flohen russische, litauische und deutsche Juden nach Afrika, um sich neben Südafrika auch in der britischen Kolonie Rhodesien niederzulassen. Bald entstanden erste Synagogen, und 1943 wurde das Rhodesian Jewish Board of Deputies gegründet.

In der NS‐Zeit kamen jüdische Flüchtlinge aus Deutschland hinzu. So verließ der Dortmunder Robert Sternberg mit seiner Familie Deutschland, nachdem er kurzzeitig von der Gestapo festgehalten wurde. In Simbabwe wurde Sternberg Jahre später der erste jüdische Bürgermeister der Kleinstadt Kadoma. Sein Sohn Peter, der 2017 in Großbritannien starb, hielt die Erinnerungen in dem Buch From the Reich to Rhodesia fest.

In der NS‐Zeit kamen jüdische Flüchtlinge aus Deutschland hinzu.

Neben den weißen Immigranten aus Europa zählen zu Simbabwes jüdischer Gemeinde auch die Lemba. Diese Volksgruppe sieht sich als verlorener Stamm Israels, der vor 2500 Jahren nach Afrika einwanderte und sich mit Alteingesessenen vermischte. Viele Lemba praktizieren heute neben dem Judentum andere Religionen. Dennoch verzichten sie auf Schweinefleisch, lassen ihre Kinder beschneiden, schächten ihr Vieh, und die Männer tragen eine Kippa.

altenheim Von den einst 7000 Juden in Simbabwe ist heute nur noch ein Bruchteil übrig. Kaum mehr als 120 leben in der Hauptstadt Harare und in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt des Landes.

In den beiden Städten gibt es je eine jüdische Schule, die auch von Indern und nichtjüdischen Afrikanern besucht wird. In Bulawayo betreibt die Gemeinde außerdem ein Altenheim, denn zwei Drittel der Gemeindemitglieder sind älter als 65 Jahre.

Die einst florierende Gemeinde wird heute vor allem mit der Hilfe ausländischer Organisationen am Leben gehalten. Sie kümmern sich auch um den Transport koscherer Lebensmittel aus Südafrika. »Es gibt schon lange keine koschere Fleischerei mehr in Simbabwe«, erzählt Maeresera. »Brauchen wir Fleisch, kaufen wir Hühner und schlachten sie selbst, oder wir fahren aufs Land, um eine Kuh zu besorgen.«

Die Hoffnung auf einen Neuanfang war groß, als Diktator Robert Mugabe von der Armee entmachtet wurde.

Zu der unsicheren politischen Situation kommt jetzt auch noch eine akute Wirtschaftskrise hinzu. Simbabwes Parallelwährung, Schuldscheine, wurde in den vergangenen Wochen nahezu wertlos. Lehrer und Ärzte demonstrierten dafür, dass sie in Dollar bezahlt werden. Täglich kommt es zu Engpässen an Zapfsäulen oder im Supermarkt. »Die jüdische Gemeinde ist davon betroffen wie die meisten Simbabwer«, sagt Rabbi Silberhaft. »Während viele nun Grundnahrungsmittel zu Hause horten, macht es der Bargeldmangel fast unmöglich, regelmäßig an Medikamente zu gelangen. Die Simbabwer haben gelernt, mit der Not zu leben.«

Die Hoffnung auf einen Neuanfang war groß, als im November 2017 Diktator Robert Mugabe nach 37 Amtsjahren von der Armee entmachtet wurde. Sein Nachfolger Emmerson Mnangagwa schaffte es jedoch nicht, Politik und Wirtschaft zu stabilisieren. Hinzu kommt, dass sein Sieg bei den Wahlen im vergangenen Jahr als umstritten gilt.

auswanderung So sieht sich die größte Oppositionspartei des Landes, die MDC (Movement for Democratic Change), als Opfer von Wahlmanipulation. MDC‐Chef Nelson Chamisa versprach eine Annäherung an Israel, nachdem das Verhältnis zwischen den beiden Ländern zuletzt angespannt gewesen war. »Das brachte der MDC vermutlich die Gunst der jüdischen Gemeinde ein. Doch ihr Stimmgewicht ist so gering, dass es kaum eine Rolle spielt«, sagt Dave Bloom, ein Jude, der viele Jahre lang in Simbabwe gelebt hat.

Exodus oder ein Leben mit Widrigkeiten – wie geht es weiter für Simbabwes schrumpfende jüdische Gemeinde? »Die meisten sind bereits nach Südafrika ausgewandert. Einige pendeln sogar noch zwischen ihrem Job in Simbabwe und ihrer Familie in Südafrika«, so Bloom.

Israel kommt als Auswanderungsland nur für die wenigsten simbabwischen Juden infrage.

Auch Modreck Maeresera in Harare erzählt, dass sein Bruder und seine Cousins längst Richtung Süden aufgebrochen sind. »Andere leben in Botswana oder in Großbritannien.«

Israel kommt laut Bloom als Auswanderungsland nur für die wenigsten simbabwischen Juden infrage. Das habe finanzielle und kulturelle Gründe. »Jene, die in Simbabwe bleiben, sitzen hier entweder wirtschaftlich oder aufgrund ihres hohen Alters fest.« Die letzte Barmizwa in Simbabwe fand Berichten zufolge 2006 statt. Trotzdem ist Rabbi Silberhaft vom Fortbestehen der kleinen jüdischen Gemeinde überzeugt: »Wer gehen wollte, der hatte ausreichend Zeit und Gelegenheit, das Land zu verlassen.«

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