Prag

Mystiker und Monarch

Als Jehuda Löw hinaufstieg zum Zentrum der Macht, muss ihm unwohl gewesen sein. Aus dem jüdischen Ghetto in Prag mit seinen geduckten Häuschen führte ihn sein Weg über die Karlsbrücke mit den Apostelfiguren auf ihrer Brüstung und an den Adelspalästen vorbei steil hinauf zur Prager Burg.

Kaiser Rudolf II. hatte ihn rufen lassen, und Rabbi Löw ahnte noch nicht, dass dieses Treffen eingehen würde in die Sammlung der Legenden, die sich um ihn ranken. Der Kaiser jedenfalls, so hielt es der jüdische Historiker David Gans fest, »sprach mit ihm von Angesicht zu Angesicht, wie zu einem Freund. Und die Art und Weise ihrer Worte waren geheimnisvoll, verschlossen und verborgen«.

KAISER Wenn Alexandr Putik heute über dieses Treffen spricht, wiegt er den Kopf. »Es war ohne Frage eine große Ehre für Rabbi Löw, vom Kaiser eingeladen zu werden«, sagt er, »aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihm das Gespräch unangenehm war.«

Putik ist Historiker am Jüdi­schen Museum in Prag und einer der renommiertesten Wissenschaftler, die über den mittelalterlichen Toragelehrten forschen.

Kaiser Rudolf II. beschäftigte sich mit mystischen Fragen, und ihn interessierte auch die Kabbala. Und so bekam er natürlich mit, dass da in Prag, am Fuße seiner Burg, ein Rabbiner lebte, der weithin berühmt war, den Talmud studierte und sich mit dessen Geheimnissen befasste. Mit ihm wollte er sprechen, von ihm wollte er eingeweiht werden in diese faszinierende Welt.

eingeweihte »Rabbi Löw aber hielt die jüdische Mystik für eine innere Angelegenheit; für ein Thema, das nur die Juden etwas angehe und selbst innerhalb der jüdischen Gemeinden nur einige wenige Eingeweihte«, sagt Alexandr Putik. Doch die Einladung des Kaisers konnte selbst der einflussreiche Rabbiner nicht ablehnen, und so machte er sich damals im Jahr 1592 auf seinen Weg über die Karlsbrücke hinauf zur Burg.

Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezalel Löw, war einer der wichtigsten Denker der jüdischen Welt im 16. Jahrhundert.

Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezalel Löw, war einer der wichtigsten Denker der jüdischen Welt im 16. Jahrhundert. In der Welt der Talmudgelehrten heißt er »der Maharal«, eine Abkürzung für Moreinu HaRaw Löw − »Unser Lehrer Rabbi Löw«.

Ungefähr vor 500 Jahren wurde er geboren, in der Forschung schwanken die Angaben für das Geburtsjahr zwischen 1512 und 1525. Sein Vater war Bezalel ben Chajim, ein Bruder des Reichsrabbiners Jakow Löw, und somit war die Karriere des Sohnes schon vorgezeichnet.

überlieferungen Vermutlich wurde der Maharal in Posen geboren, aber mit Sicherheit weiß das heute niemand mehr – seine ersten Jahre liegen weitgehend im Dunkeln, die zuverlässigen Überlieferungen beginnen im Jahr 1553, als er Rabbiner und später Oberrabbiner in Mähren war. Er wirkte in den Gemeinden Slavkov (Austerlitz) sowie Mikulov (Nikolsburg) und baute sich einen Ruf auf, der weit über die Region hinausreichte.

»Für Rabbiner in größeren Städten war es wichtig, sich als Experte auf irgendeinem Gebiet zu profilieren«, sagt der Historiker Alexandr Putik. Jehuda Löw erwarb seine Expertise im Bereich des religiösen Rechts und erreichte damit ein strategisches Ziel: »Er wurde zu diesen Themen befragt, und seine Antworten wurden weithin publiziert. Das sorgte dafür, dass er sich einen Ruf aufbauen konnte.«

Seine Antworten waren weise und so komplex, dass nur eine kleine Gruppe von Intellektuellen seinen Gedanken folgen konnte. Eine Ausnahmeerscheinung war er ohne Frage, sagt Putik und fügt hinzu: »Aber wie es ja bis heute öfters vorkommt: Jemand wird verehrt, auch wenn seine Texte nicht viel gelesen werden.«

Josefov Wer heute mit Putik durch Prag streift, sieht eine völlig andere Stadt als jene, in der Rabbi Löw im 16. Jahrhundert unterwegs war. Putik hat sein Büro in dem Gebäudekomplex rund um die Spanische Synagoge mitten in Josefov, dem jüdischen Viertel. Ringsum stehen prachtvolle Bürgerhäuser aus der Gründerzeit, Fenster und Balkone mit Stuck verziert, die Geländer mit Schmiedearbeiten fein ziseliert.

Früher befand sich hier das jüdische Ghetto, eine sumpfige Gegend mit geduckten Häuschen, bis Prag immer weiter wuchs und die Gegend nach einem Generalplan saniert wurde.

Alexandr Putik schlendert von der Spanischen Synagoge in Richtung des alten jüdischen Friedhofs, auf dem Rabbi Löw eines der prächtigsten Grabmale hat, und bleibt immer wieder stehen. »Hier, an dieser Ecke«, sagt er nach einigen Schritten, »wohnte der Maharal.« Er zeigt auf einen der Gründerzeitbauten, in dessen Erdgeschoss heute eine französische Luxusmarke hinter Panzerglas ihre Waren anbietet. Früher stand hier eine bescheidene Bleibe.

Eine Querstraße weiter biegt Alexandr Putik nach links ab, er geht in die Maisel-Synagoge. Die wurde zwar später umgebaut, sie stand aber auch schon zu den Zeiten Rabbi Löws und war seine wichtigste Wirkungsstätte.

Dass er den Golem schuf, ist eine Legende, die erst nach seinem Tod entstand.

Heute ist hier eine Ausstellung des Jüdischen Museums untergebracht, in einer Ecke hängt ein Bild von Mordechai Maisel. Der war damals einer der reichsten Männer Mitteleuropas und eines der einflussreichsten Mitglieder der Prager jüdischen Gemeinde. Er war es, der Rabbi Löw in die Stadt holte und ihn auch bezahlte.

oberrabbiner Aber das Kapitel Prag ließ sich im Leben des Maharal zunächst enttäuschend an: Trotz des blendenden Rufs, den der inzwischen rund 60 Jahre alte Mann genoss, wurde er bei der Wahl des Prager Oberrabbiners zweimal übergangen.

Die Ursache dafür könnte darin liegen, dass der konservative Jehuda Löw mit seinen Auffassungen aneckte. »Heute würde man sagen, dass in seinen Forderungen theokratische Elemente enthalten waren«, sagt Alexandr Putik: Er forderte einen stärkeren Einfluss des Rabbiners auf den Lauf der Gemeinde. »Wer in einer großen Stadt wie Prag, Frankfurt, Posen oder Krakau Rabbiner war, hatte eine bedeutsame Position − aber die Entscheidungen trafen die Ältesten der Gemeinde.«

Rabbi Löw wollte das ändern und war deshalb gefürchtet. Alexandr Putik formuliert das so: »In der Gemeinde wurde er als hervorragender geistiger Führer und Toragelehrter anerkannt – aber viele Leute waren nicht begeistert, dass er ihnen in die Politik reinreden wollte. Was ihm vorschwebte, war eine Art Rabbiner-Monarchie.«

Dieses politische Thema ist es, was den Historiker Putik an Rabbi Löw besonders interessiert. Über diese Fragen hat er geforscht, lange bevor er sich mit der mystischen Seite des großen Gelehrten auseinandersetzte. Putiks Aufsatz »Ursachen und Folgen des Prager ›Rabbinerumsturzes‹ des Jahres 1579« (2011 auch auf Deutsch erschienen) zählt zu den grundlegenden Analysen des jüdischen Prags im 16. Jahrhundert.

Jehuda Löw wurde schließlich im Jahr 1597 doch noch zum Oberrabbiner von Prag gewählt und übte das Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1609 aus. Aber seine Ideen entfalteten erst lange Zeit nach seinem Tod ihre Wirkmacht: So bezog sich der Chassidismus von Anfang an auf Rabbi Löw, und die weltliche Autorität der geistlichen Führer wurde hier zur gelebten Praxis.

RUHM Dass Rabbi Löw bis heute berühmt ist, hängt mit einer Legende zusammen, die auch erst lange nach seinen Lebzeiten entstand: Er soll es gewesen sein, der den Golem schuf – ein Tonwesen, dem er ein Siegel aus Papier unter die Zunge legte, mit dem er ihm Leben einhauchte. Fortan war der Golem im jüdischen Ghetto unterwegs, um die Einwohner aus Gefahren zu erretten und vor Übergriffen zu schützen. So sagt es die Legende.

Alexandr Putik, der Historiker, ist auch dieser Sage nachgegangen. »Im Talmud ist schon die Möglichkeit der Entstehung eines Golems festgehalten«, sagt Putik, »und schon zu den Zeiten des Maharals kursierte eine Sage aus der Vorzeit. Darin heißt es, jemand habe einen Golem geschaffen, der schließlich außer Kontrolle geraten sei.« Rabbi Löw muss diese Sage gekannt haben, nur: Mit ihm selbst hatte sie nichts zu tun.

Weit nach seinem Tod, im Jahr 1727, entstanden erste schriftliche Legenden um Rabbi Löw, weiß Alexandr Putik. Er war eine mystische Figur, schon damals wurde das so gesehen, aber vom Golem war auch zu dieser Zeit noch keine Rede. Das änderte sich erst um das Jahr 1830.

Weit nach seinem Tod, im Jahr 1727, entstanden erste schriftliche Legenden um Rabbi Löw.

»Der Maharal hatte einen großen Ruf als Talmudgelehrter, er hatte ein imposantes Grab, man kannte seinen Namen. Dann tauchte die Legende vom Golem auf, und sie verband sich mit ihm.«

Dass der Golem und Rabbi Löw in einem Atemzug genannt werden, ist bis heute so geblieben. Gustav Meyrink schrieb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den berühmtesten Golem-Roman, in dem das mystische, geheimnisvolle Prag des 16. Jahrhunderts regelrecht zu spüren ist. Es entstand zur Frühzeit des bewegten Bildes ein Film über den Golem, und inzwischen ist die Legende sogar eingereiht in die berühmtesten tschechischen Sagen – das Jüdische, das Religiöse, tritt dabei fast schon in den Hintergrund.

fantasie Und der Golem beschäftigt die Fantasie: Egon Erwin Kisch schildert in einer seiner berühmten Reportagen seinen Versuch, über eine Außentreppe in das Dachgeschoss der Alt-Neu-Synagoge vorzudringen, wo der Legende nach die tönernen Überreste des Golem aufbewahrt werden. Touristen sind – derzeit gebremst durch Corona – mit leicht schauderndem Gefühl auf Spurensuche unterwegs im jüdischen Viertel.

Immerhin: Auch wenn sie den Golem dort nicht treffen, so finden sie doch Andenken an Rabbi Löw. Das berühmteste davon ist sein Grab, aber auch am neuen Prager Rathaus aus Jugendstil-Zeiten ist in einer Ecke eine markante Statue des Jehuda Löw installiert, die ihre Betrachter leicht an die mystischen Seiten des Gelehrten erinnert.

»Er selbst hätte sich wohl aufgeregt, wenn er gewusst hätte, dass die Golem-Legende mit ihm verknüpft wird«, sagt Historiker Alexandr Putik und fügt lakonisch hinzu: »Aber was hätte er schon machen können?«

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