USA

Mit Twitter und Fake News

Auf Kriegsfuß mit der Wahrheit: Jacob Wohl Foto: Screenshot JA

Er hat das gleiche Problem wie Millionen seiner Altersgenossen – Akne. Aber ansonsten verbirgt sich hinter der jugendlichen Fassade des Jacob Wohl ein gänzlich ungewöhnlicher Vertreter seiner Generation. Wohl, gerade 20 Jahre alt, hat sich aufgeschwungen zum Sprecher der jungen jüdischen Trump-Unterstützer.

US-Präsident Donald Trump ist bekannt dafür, seinen Informationsbedarf gern in kleinen, leicht verdaulichen Häppchen zu stillen. Eine dieser Informationsquellen in Sachen Wirtschaft und Investment ist ebenjener Jacob Wohl, der sich im Alter von 17 Jahren zum jüngsten Hedgefonds-Verwalter der Welt erklärte.

Der glühende Trump-Verehrer Wohl, der seine kurze Biografie gern im Dunkeln lässt und nur preisgibt, »in einer amerikanischen Kleinstadt« aufgewachsen zu sein, erreichte zunächst in einigen Kreisen eine gewisse Popularität, als Donald Trump ihn retweetete, das heißt, sein Statement auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit präsidialem Segen weiterleitete. Er sei sehr stolz darauf, twitterte daraufhin der Jungspund.

Millionen Auch sonst haben der Präsident und sein »neuer Wirtschafts-Einflüsterer« (Bloomberg) so einiges gemeinsam. Etwa ihr an­gespanntes Verhältnis zur Wahrheit. So behauptete Wohl, zehn Millionen Dollar für 178 Investoren zu verwalten. Die Arizona Corporation Commission (AZCC) stellte hingegen fest, dass es nie mehr als 500.000 Dollar waren – für 13 Investoren.
Einer von ihnen ist David Diedrich. Er investierte 75.000 Dollar in Wohls Hedgefonds. Aus denen wurden laut Wohl 89.500 Dollar.

Als Diedrich sein Geld zurückwollte, erhielt er das trotz mehrfachen Nachhakens nicht. Selbst nach juristischen Anstrengungen bekam er nur 44.000 Dollar zurück. Die AZCC klagte Wohl unter anderem wegen Investorenbetrugs an. Man einigte sich auf einen Vergleich über 16.000 Dollar, die er, wie seine Anwälte sagten, aber »nicht hatte« und deshalb um Aufschub bat.

Diese Art von Geschäftsgebaren mag Wohl auch bewogen haben, eine eigene Nachrichtenseite, den »Washington Reporter« zu betreiben, mit der er gegen sogenannte Fake News kämpft. Von seriösen »Fake News«-Bekämpfern wie Medias Bias/Fact Check wird diese Seite jedoch als »fragwürdige Quelle« eingestuft.

Dort, auf Twitter, einem Podcast, der »Nr. 1 für jüdische Trump-Unterstützer«, sowie ab und zu beim Trump-nahen Sender »Fox News« verbreitet Wohl seine Sicht der Dinge. Dort behauptet er etwa, etliche Bürger aus dem Iran hätten ihm geschrieben und ihm gesagt, sie würden es begrüßen, wenn die USA ihr Land bombardierten. Beweise: keine. Er behauptete, Puerto Rico, die karibische Insel, die zu den USA gehört, habe »eine sozialistische Regierung«, was erwiesenermaßen grober Unfug ist. Er beleidigt FBI-Sonderermittler Robert Muel­ler und pöbelt sich ähnlich argumentations- und anstandsfrei durch die sozialen Medien wie sein Vorbild Trump.

Migranten In 90 bis 95 Prozent der Ansichten, so Wohl, stimme er mit Präsident Trump, »dem größten Freund des jüdischen Volkes, der je im Weißen Haus saß«, überein – vor allem in Sachen Immigration. So habe die »illegale Einwanderung ganze Gemeinden zerstört« – und dazu geführt, dass in Wohls südkalifornischem Bezirk Orange County, wo der junge Mann nach eigenen Angaben zur Schule gegangen ist, die meisten seiner Mitschüler in der zweiten Klasse »keine Silbe Englisch« gesprochen hätten. Das habe sein Bildungsfortkommen behindert.

Den früheren US-Präsidenten Barack Obama will Wohl »nach Israel ausweisen lassen«, damit ihm dort der Prozess gemacht werde. Warum? Weil ein ehemaliger Mitarbeiter der Obama-Regierung vor einigen Jahren eine regierungskritische Organisation in Israel vertreten habe.

Wohl weiß offenbar nicht, dass Amerikaner überhaupt nicht an andere Länder ausgeliefert werden dürfen. Seine Forderung sagt viel über ihn, den selbst ernannten Anführer der jungen Juden für Trump, von denen niemand weiß, ob es sie überhaupt gibt und wie viele sie sind.

Insofern passen sie schon gut zueinander in ihrer Art, Fakten zu ignorieren: der alte Mann im Weißen Haus und sein junger Paladin auf Twitter.

Geschichte

»Staatsmann ohne Staat«

Heute vor 125 Jahren wurde der Zionist Nahum Goldmann geboren

 10.07.2020

Rituelles Schlachten

Religionsfreiheit in Gefahr

In einer spektakulären Anhörung legten Vertreter jüdischer Gemeinden ihre Standpunkte dar

von Anina Valle Thiele  09.07.2020

ZOOM

Virtuell gedenken

In einem Online-Gottesdienst erinnerten Europas jüdische Gemeinden an die Toten der Corona-Pandemie

 09.07.2020

Brasilien

Verteidiger der Demokratie

Mit Luiz Fux wird erstmals ein jüdischer Jurist Präsident des Obersten Bundesgerichts

von Andreas Knobloch  09.07.2020

Osteuropa

Geste der Anerkennung

Ein neues Rentenprogramm von Claims Conference und Auswärtigem Amt unterstützt bedürftige »Gerechte unter den Völkern«

von Jérôme Lombard  09.07.2020

Schwerin

Trauer um Rabbiner William Wolff

Der langjährige Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern ist im Alter von 93 Jahren gestorben

 08.07.2020 Aktualisiert

Interview

»Zum Glück war ich unausgeglichen«

Der Psychiater Boris Cyrulnik über Trauma und Resilienz aus psychiatrischer Sicht und Corona-Lockerungen in Frankreich

von Ute Cohen  08.07.2020

Vor EuGH-Termin

Juden und Muslime kritisieren Schächtverbot

Mündliche Verhandlung zum Verbot der koscheren Schlachtung in der Flämischen Region Belgiens geplant

 07.07.2020

Würdigung

Österreich schafft Auszeichnung gegen Antisemitismus

Die Ehrung wird nach dem Publizisten und Schoa-Überlebenden Simon Wiesenthal benannt

 07.07.2020