Frankreich

Mit dem Biss des Aufsteigers

In Casablanca geboren: Patrick Drahi (55) Foto: dpa

Frankreich

Mit dem Biss des Aufsteigers

Der Unternehmer Patrick Drahi ist der neue Mann an der Spitze des Auktionshauses Sotheby’s

von Ute Cohen  08.08.2019 09:44 Uhr

Allein mit Fakten lässt sich sein Werdegang nicht erfassen. Patrick Drahi kaufte kürzlich für 3,7 Milliarden Dollar das amerikanische Auktionshaus Sotheby’s. Wer ist dieser Mann?

Als geheimnisvoll bezeichnet ihn der Philosoph Bernard-Henri Lévy, der ihm 2015 den renommierten Scopus-Preis der Jerusalemer Universität verlieh. Drahi hat den Biss des Aufsteigers, der weiß, dass nur Leistung und Furchtlosigkeit zum Erfolg führen.

Biografie 1963 in Casablanca geboren, emigrierte er mit seinen jüdisch-marokkanischen Eltern in den 70er-Jahren nach Frankreich. Er studierte an der Elitehochschule »École Polytechnique«. Heute steht er an der Spitze eines Finanzimperiums, das sich von Telekommunikation über Presse bis zu Kunst erstreckt.

Er zählt zu den 200 wohlhabendsten Männern der Welt, ist einer der drei reichsten Männer Israels. In seinem Reich ist er ein absoluter Herrscher. 60 Prozent hält er an seiner Holding »Altice«. Hinzu kommt eine persönliche Holding.

Der Grundstein für Patrick Drahis Imperium wurde 1990 gelegt, als der Geschäftsmann ein kleines Kabelnetz in der südfranzösischen Stadt Cavaillon kaufte. Den vielen Immigranten dort bot er arabische Sender an.

Kredit In zwei großen Phasen vollzog sich Drahis Aufstieg: Geduldig kaufte er Kabelnetze in ganz Frankreich und investierte ab 2014 Milliarden Euro. Dafür nahm er Riesenkredite auf. Schlaflose Nächte bereitete ihm das nicht, schließlich habe er 1991 mit 50.000 Euro Schulden begonnen, sagt er.

Sein nächster strategischer Move galt der Presse: Dem Aufkauf von »Libération« und »L’Express« folgte der Aufbau von E-Kiosken.

Schulden sind wie Zahlen: Sie haben keine Aussagekraft ohne Kontext. Drahi setzt auf seine Aktiva mit hohem Cashflow. Außerdem weiß er die Finanzwelt auf seiner Seite, die Deutsche Bank, JP Morgan, die BNP. Zupass kommt Drahi die Besteuerung in der Schweiz. Zu seiner Steuersituation sagt er, wenn jemand in Frankreich lebt und in der Schweiz ein Konto hat, dann ist das Steuerbetrug. Jemand, der irgendwo auf der Welt lebe und seine Steuer optimiere, sei einfach nur schlau.

Drahi ist ein Kostenkiller. Seine Restrukturierung der aufgekauften Firmen ist berüchtigt: Seine Zulieferer hat er im Griff, Stellen werden gekürzt. Ganz koscher, oder wie man in Frankreich zu sagen pflegt »pas très catholique«, scheint es bei Drahi nicht immer zuzugehen. Konkurrenten werden schachmatt gesetzt, abhängig gemacht zum Beispiel durch Drahis Marktmacht im Glasfasernetzausbau. Auch ist von kartellrechtlichen Fragen, Absprachen die Rede.

Information sieht Patrick Drahi allumfassend: Technik und Inhalt. Deshalb galt sein nächster strategischer Move der Presse. Dem Aufkauf von »Libération« und »L’Express« folgte der Aufbau von E-Kiosken.

Tel Aviv Sein Wirkungsradius beschränkt sich nicht auf Frankreich und Amerika. Begeistert von Tel Aviv, ließ er sich im Rothschild Tower nieder. Drahi erhielt 2012 die doppelte Staatsbürgerschaft. Er finanzierte ein Hirnforschungszentrum und investierte in den israelischen Infokanal I 24. Journalisten der Altice-Gruppe interviewten auf Drahis Sender alsbald den damaligen französischen Premierminister Manuel Valls. Mit »Libération«-Journalisten reiste er nach Israel. Kritik ließ nicht auf sich warten. Wie Drahi der altbekannte Vorwurf der Weltverschwörung entgegenschallte, so werden nun Stimmen laut von Drahis »israelischer Propagandamaschinerie«.

Drahis Eindringen in den Zirkel der Milliardäre könnte weitere Überraschungen bieten. François Pinault, im Aufsichtsrat von Drahis Konkurrenten Bouygues, hat seiner Holding das Auktionshaus Christie’s einverleibt. Mit Drahis Griff nach Sotheby’s stehen sich jetzt zwei Giganten der französischen Hochfinanz gegenüber: ein Milliardär von Vaters Gnaden und ein sefardischer Jude mit Köpfchen.

Das Kopf-an-Kopf-Rennen wird stattfinden, in einem Markt, dessen Grenzen noch nicht absehbar sind, einem Markt, der sich längst von der Realität abgekoppelt hat, dem der Kunst – dem letzten unregulierten Markt der Welt.

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026