Ukraine

»Meiner Heimat nutzen«

Hofft auf amerikanische Waffen, mit denen man sich am Ende auch die Krim zurückholen werde: Borislaw Bereza Foto: dpa

Zum Interview kommt Borislaw Bereza (40) in ein Café in der Nähe des ukrainischen Parlaments in Jeans und mit schwarzem Jackett. Am Revers trägt er einen Anstecker mit einer Dill-Pflanze und dem Wort »Ukrop«. Das Wort bedeutet »Dill« und ist neuerdings ein russisches Schimpfwort für Ukrainer. Und es ist der Name einer Gruppe von unabhängigen Abgeordneten, darunter Dmytro Jarosch, Chef des Rechten Sektors. Die Selbstbezeichnung zeugt von Humor.

Berezas Weg in den Rechten Sektor und die ukrainische Politik ist eng verbunden mit den Ereignissen, die sich dieser Tage jähren: das Blutbad auf dem Maidan und der Sturz des Präsidenten. 1974 in Kiew geboren, war Bereza nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit seinen Eltern nach Israel ausgewandert, aber schon 1993 kehrten sie zurück nach Kiew. »Israel gefällt mir, aber ich will meiner Heimat Nutzen bringen«, sagt er heute zur Erklärung.

Bis zum Beginn der Maidanproteste war Bereza kaum politisch aktiv, zusammen mit Partnern betrieb er eine erfolgreiche Firma im Bereich Kommunikationstechnik. Bereza verbrachte viel Zeit auf Reisen mit seiner Frau und seinen Kindern, insbesondere durch Europa.

Proteste Dem Sog des Maidans konnte er sich nicht widersetzen: Vom ersten Tag an demonstrierte er mit gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, von dem er sich um den europäischen Traum betrogen sah. Lange sah sich Bereza als »Friedensstifter«: »Ich glaubte an die Kraft friedlicher Proteste. Aber als ich am 18. Februar sah, wie in der Nähe des Parlaments Aktivisten von der Polizei getötet wurden, da wusste ich: Man muss die Jungs vom Rechten Sektor unterstützen, weil die wirklich etwas tun.«

Bereits im Januar 2014 war er aus seiner Firma ausgestiegen, nun stürzte er sich in den Kampf – allerdings auf seine Weise. »Nach diesem Erlebnis bin ich zum Rechten Sektor gegangen und habe ihnen gesagt, dass ich ihnen mit der Öffentlichkeitsarbeit helfen kann. Das war ihre Schwachstelle. Das haben sie gerne angenommen«, sagt er. Dem Chef des Rechten Sektors, Dmytro Jarosch, erklärte er gleich zu Anfang: »Ich bin Jude.« Worauf dieser lachte und fragte: »Na und?« Der Maidan, so Bereza, sei ein »Schmelztiegel« für die ukrainische Nation gewesen. Er selbst, russischsprachig wie die meisten ukrainischen Juden, spricht seit dem vergangenen Jahr erstmals fließend Ukrainisch.

Nicht alles gefällt ihm am Rechten Sektor: von der Intoleranz gegenüber sexuellen Minderheiten bis zu rassistischen Tendenzen. Aber mit dem Grundsatz der Organisation, den sie von dem Nationalisten Stepan Bandera (1909–1959) übernommen hat, kann er sich identifizieren. Er heißt: »Wenn du mir hilfst, eine freie Ukraine zu errichten, dann bist du mein Bruder. Wenn du mir nicht hilfst, dann kannst du hier leben, doch störe mich nicht. Aber wenn du mich behinderst, dann bist du mein Feind und musst zerstört werden.«

Bataillon Der führende ukrainische Rechtsextremismus-Experte Anton Schechowtsow bestätigt, dass die Ideologie des Rechten Sektors eher ungewöhnlich für die extreme Rechte ist. »Ihre Interpretation der Nation ist nicht rassisch oder ethnisch, sondern bürgerlich.« Das heißt: Jeder, ob Armenier, Tschetschene, Jude oder auch Russe, der für eine freie Ukraine kämpft, ist willkommen. Das spiegelt sich auch in der bunten ethnischen Mischung einiger ukrainischer Freiwilligenbataillone im Osten des Landes wider. Bereza erinnert zudem daran, dass sich der Rechte Sektor nach dem Sieg des Maidans von offen rassistischen Gruppierungen wie »Weißer Hammer« oder der »Sozialnationalen Assemblée« trennte.

Im Februar 2014 beginnt Berezas Aufstieg zum Politiker: Nachdem Jarosch Kiew verlassen hat, um im Osten gegen die Separatisten zu kämpfen, ist Bereza der »talking head«, die wichtigste öffentliche Figur des Rechten Sektors. In den vielzähligen ukrainischen Talkshows ist der redegewandte Bereza gern gesehener Gast. Regelmäßig staucht er dort verbal Vertreter des alten Regimes zusammen. Damit und mit seinem an die ukrainischen Feldkommandeure erinnernden Erscheinungsbild steigert Bereza seine Popularität über das vergangene Jahr: Mit seiner kräftigen Gestalt, seiner kurz rasierten Halbglatze und dem Dreitagebart sieht er Jarosch verblüffend ähnlich.

Bei den Parlamentswahlen im Oktober münzt er das in politisches Kapital um: In seinem Kiewer Wahlkreis setzt sich der parteilose Kandidat gegen einen Millionär durch, der für den Block von Präsident Petro Poroschenko kandidierte.

Ende Dezember gibt der Rechte Sektor zwar bekannt, dass Bereza aus Zeitgründen nun nicht mehr Sprecher der Bewegung sei. Allerdings ist Bereza der Organisation bis heute eng verbunden. Während des Interviews sitzt am Nachbartisch ein Leibwächter vom Ukrainischen Freiwilligenkorpus, dem militärischen Flügel des Rechten Sektors.

business Berezas besonderen Humor merkt man auch seiner Facebook-Seite an. Als vorige Arbeitsstelle hat er dort angegeben: »Gescheft LTD«, das jiddische Wort für Business. Wie andere ukrainische Politiker nutzt Bereza sein Profil in dem sozialen Netzwerk als politisches Instrument. Seine Seite gehört zu den populärsten in der Ukraine: Seine Posts werden 1000fach geteilt und 10.000fach geliked.

Bereza nennt sich selbst im Gespräch einen Demokraten, aber seine öffentlichen Äußerungen zeigen ihn als Hardliner und Populisten. Er spielt die Rolle eines Renegaten, der im politischen Establishment ohne Rücksicht auf Loyalitäten für das Gute kämpft: Er schimpft auf die Macht der Oligarchen, den zahnlosen Westen, der immer nur seine »Besorgnis« zum Ausdruck bringe. Und er hofft auf amerikanische Waffen, mit denen man sich am Ende auch die Krim zurückholen werde.

Nach den jüngsten Kämpfen der von Russland unterstützten Separatisten im Osten der Ukraine hat er geschrieben: »Die russischen Fressen töten weiterhin Ukrainer. Und wenn mir jemand erzählt, dass das unser Brudervolk ist, dann kann er mich mal. Lieber Waisenkind sein als einen solchen Verwandten haben.« An Israel, so schreibt er weiter, sollten sich die Ukrainer in Zukunft ein Beispiel nehmen: Trotz hervorragender diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen mit Deutschland vergesse Israel niemals den Holocaust. »Diese Erfahrung sollten wir übernehmen. Und nicht nur diese ...«

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