USA

Little Odessa


Wenn Toby Levy aus ihrem Fenster im achten Stock eines Apartmenthauses an der Coney Island Avenue hinausblickt, dann sieht sie vor allen Dingen eines: Weite. Zwei Straßenzüge von dem Gebäude entfernt beginnt der Strand, dahinter glitzert der Atlantik in der Sonne, und die Küste von New Jersey auf der anderen Seite der Bucht ist nur ein vager Umriss am Horizont.

Der Blick und die Weite sind mit die wichtigsten Gründe, warum die 89-Jährige seit mehr als 60 Jahren hier lebt und wohl auch bis zu ihrem Lebensende bleiben möchte. Als kleines Mädchen, in den Jahren 1942 bis 1944, war Toby Levy in einer Scheune in der Nähe der galizischen Stadt Chodorow eingesperrt. Hier hatte sich ihre Familie vor den Nazis versteckt und so den Holocaust überlebt.

Seitdem braucht sie die Weite, und die hat sie in Brighton Beach, am äußersten Ende von Brooklyn, gefunden, seit sie Anfang der 60er-Jahre hierherkam. Bei einem Sommerurlaub von New Orleans aus, wo ihr Vater als Gemischtwarenhändler arbeitete, lernte sie hier ihren späteren Mann kennen und blieb.

Rund ein Dutzend Synagogen gibt es in dem kleinen Viertel.

Brighton Beach ist der östliche Teil jener schmalen Halbinsel, an deren anderem Ende der berühmte New Yorker Strand Coney Island im Sommer die Massen ans Meer lockt. Das Viertel beherbergt die größte Dichte an Holocaust-Überlebenden in ganz New York. Vor zehn Jahren waren es noch knapp 60.000, seither hat man nicht mehr gezählt. In einem kleinen Park im Westen von Brighton Beach, an der Grenze zu Sheepshead Bay, gedenkt ein Mahnmal ihrer Familien und Angehörigen, es ist der einzige Holocaust-Gedenkpark in den USA.

FLÜCHTLINGE Schon während der Jahre des Holocaust strömten sie hierher in das Viertel, das damals eine kleinbürgerliche jüdische Wohngegend war. Viele Juden aus den Einwanderervierteln in Manhattan, die es zu ein wenig Geld gebracht hatten, konnten sich ein kleines Häuschen am Meer leisten. Und sie nahmen mit offenen Armen Flüchtlinge aus Europa auf. Hinter der Brighton Avenue sind diese Straßenzüge mit den hölzernen bescheidenen Einfamilienhäuschen meistens noch intakt.

So ist die jüdische Prägung von Brighton Beach unübersehbar. Wenn man mit der U-Bahn der Linie Q, die auf Stelzen über die Brighton Avenue rattert, von Manhattan kommend das Meer erreicht, sticht als Erstes eine große Menora ins Auge, die das jüdische Gemeindezentrum markiert. Über die kaum einen Kilometer lange Nachbarschaft sind ein rundes Dutzend Synagogen verteilt, und am Schabbat sieht man auch in der Sommerhitze auf dem Boardwalk, der berühmten Bretterpromenade, die Coney Island mit Brighton verbindet, orthodoxe Männer unter ihren Schtreimeln schwitzen.

SOWJETUNION Doch nicht alle Juden von Brighton Beach sind Kinder und Enkel der Holocaust-Überlebenden, die hier in den 40er- und 50er-Jahren ankamen. Im Gegenteil, sie bilden heute die Minderheit der Juden des Viertels. Die Mehrheit kam ab Ende der 70er-Jahre. Mit den ersten Lockerungen der Ausreisebestimmungen setzte ein wahrer Exodus von Juden aus der Sowjetunion ein, und viele von denen, die nach Amerika auswanderten, landeten zunächst einmal hier in Brighton Beach.

Sie prägen heute vor allem das Bild des Viertels, das deren amerikanisierte Kinder und Enkel auch als »verkitschte, nostalgische Version« der Sowjetunion bezeichnen. Die Geschäfte entlang der Brighton Avenue, über die im Sieben-Minuten-Takt wie früher an vielen Orten in New York die U-Bahn als Hochbahn donnert, bewerben ihre Produkte beinahe sämtlich in kyrillischen Lettern. An den Ecken verkaufen Frauen mit auftoupiertem Haar hausgemachte Pelmeni, aus den Läden dröhnt schmalziger Russland-Pop. Im Hauptsaal des berühmten »Tatiana«-Grills hängt ein gigantischer Disco-Glitzerball, der bei den ausufernden Dinner-Gelagen zum Einsatz kommt, bei denen der Wodka stets in rauen Mengen fließt und an dessen Ende die Nacht durchtanzt wird.

ZENTRALASIEN Es macht sich allerdings auch schon lange die Präsenz der nächsten Einwandererwelle bemerkbar. Der jüngste Supermarkt mit zentralasiatischen Köstlichkeiten, zu dem Gourmets aus ganz New York pilgern, heißt »Taschkent«. Eines der beliebtesten Restaurants an der Brighton Avenue ist das »Little Georgia«, das Köstlichkeiten aus der ehemaligen Sowjetrepublik am Rande des Kaukasus bietet. Erst im vergangenen Jahr kam »Brigthon 4th« in die Kinos, ein Film, der die Geschichte einer georgischen Einwandererfamilie hier draußen erzählt.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Viertel die Filmindustrie inspiriert hat. Bereits 1994 wurde hier »Little Odessa« mit Tim Roth und Vanessa Redgrave gedreht, ein Krimi im Milieu der russischen Mafia, die damals in Brighton noch spürbar präsent war.

Zuletzt kam im Jahr 2021 »The Survivor« in die Kinos, der die wahre Geschichte des Auschwitz-Überlebenden Harry Haft aus Brighton erzählt. Haft machte nach der Schoa in den USA eine Karriere als Box-Champion, nachdem die Nazis ihn im KZ dazu gezwungen hatten, um sein Leben zu boxen.

Angesichts dieser Geschichte des Viertels müsste man meinen, die Ablehnung von Putins Invasion der Ukraine sei hier einhellig. Und tatsächlich sieht man seit vier Monaten in vielen Schaufenstern an der Brighton Avenue ukrainische Fahnen. In den ersten Wochen der Invasion gab es gleich mehrere Solidaritätskundgebungen mit dem ukrainischen Volk auf dem Boardwalk.

Nirgendwo in New York leben so viele Schoa-Überlebende wie hier.

Doch beim genaueren Hinschauen zeigt sich ein komplizierteres Bild. Vor der Invasion waren in Brighton Beach die Zustimmungsraten für Putin und auch für Donald Trump verblüffend hoch. Seit der Invasion traut man sich nicht mehr, das allzu laut zuzugeben, doch die politische Grundeinstellung, insbesondere bei den Älteren, ist geblieben.

Die Journalistin Avital Chizhik-Goldschmidt, die als Tochter einer Einwandererfamilie in Brighton lebt, erklärt sich das so: »Als Produkte der Sowjetunion brauchen wir Ikonen. Manche finde diese im Lubawitcher Rebben, andere suchen sie in autoritären Figuren wie Trump oder Putin.«
Viele der Älteren beziehen ihre Nachrichten noch immer aus russischen Staatsmedien. »Das amerikanische Fernsehen schalten sie nur wegen des Wetterberichts ein.«

So wie Chizhik-Goldschmidt kommen Jüngere, die längst weggezogen sind, trotzdem noch immer gern nach Brighton Beach. Aus demselben Grund, aus dem immer mehr New Yorker Brighton Beach als exotischen, spannenden Ort entdecken. Wegen des Schwarzbrots und der moldawischen Kirschen, wegen des Borschtschs bei »Tatiana«, wegen des Flairs eines alten, eigentlich schon untergegangenen New York auf der Brighton Avenue und wegen der Meeresbrise am Boardwalk.

Brighton Beach ist eine Enklave, die ganz anders ist als alles andere in New York, mit einer unverwechselbaren Identität. Und genau deshalb ist das Viertel so newyorkerisch wie Bagels, der Times Square oder die Freiheitsstatue.

Der Autor lebt in New York. Im Juni erschien von ihm das Buch »Lesereise New York: Stories aus einer Stadt im Umbruch«. Picus, Wien 2022, 132 S., 16 €

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