Kanada

Kaufen gegen den Boykott

Handgemacht: Kosmetik aus Israel Foto: Johannes Spohr

Kanada

Kaufen gegen den Boykott

Ein Seifenladen in Vancouver wird Ziel von Antizionisten – doch es gibt Gegenwehr

von Johannes Spohr  11.09.2012 17:08 Uhr

Shanie Bar Oz verkauft Seife. Vor zweieinhalb Jahren eröffnete sie ihren Laden »Lavan« im Zentrum der kanadischen Westküstenmetropole Vancouver. Erst ein gutes Jahr zuvor hatte die heute 33-jährige Unternehmerin Tel Aviv verlassen und war nach Kanada ausgewandert.

Die Produkte, die Bar Oz in ihrem Geschäft verkauft, importiert sie aus Israel. Das nehmen seit Ende vergangenen Jahres einige zum Anlass, um gegen den Laden zu protestieren. Bereits drei Mal wurde er Ziel anti-israelischer Agitation.

Unterstützer Im November 2011 erhielt Bar Oz eine Nachricht der jüdischen Föderation der Region Vancouver, die sie über eine geplante Aktion vor ihrem Laden informierte. So konnte die junge Frau Unterstützer einladen, die sich in und vor dem Laden aufhielten, während sich Anhänger der Kampagne »Boycott Israeli Apartheid« davor postierten und zur Ächtung des Geschäfts aufriefen.

Die folgenden Proteste jedoch kamen überraschend: »An einem Tag rief mich eine meiner Angestellten unter Tränen an«, erinnert sich Bar Oz. »Dutzende standen vor dem Laden und riefen Parolen. Sie hatten zwei gebastelte Puppen in der Gestalt des israelischen Außenministers Lieberman und eines Geiers dabei. Es war furchtbar.«

Vancouver gilt als vielfältige und multikulturelle Stadt. So empfindet es auch Bar Oz. Umso weniger Verständnis hat sie für die Attacken. »Ich produziere und verkaufe ganz einfach Seife und werde zu einer Repräsentantin, die den Menschen Israel erklären muss«, sagt sie. Die Boykott-Kampagne scheint das anders zu sehen: »Diese Leute behaupten, wir versuchten, durch unser Duschgel und Seife die Unterdrückung der Palästinenser aufrechtzuerhalten.«

Aktionswoche Die Proteste gegen Lavan waren Teil einer weltweiten Aktionswoche gegen »israelische Apartheid«. Charlotte Kates, eine der Beteiligten der Kampagne, ließ gegenüber der Online-Zeitung »Huffington Post« verlauten, der Boykott gegen israelische Produkte werde so lange fortgeführt, bis Israel internationales Recht einhalte. »Israel hat kein Existenzrecht. Kein rassistischer Staat hat ein Existenzrecht«, so Kates.

Nach den ersten Protesten wandte sich Bar Oz an die jüdische Gemeinde und örtliche Rabbiner. Daraufhin wurde als Gegenmaßnahme zu einem sogenannten Buycott aufgerufen. Mehrere Zeitungen berichteten darüber.

Seitdem gibt es in Vancouver wie auch international vielfältige Solidarität: eine eigene Facebook-Gruppe, Online-Bestellungen, unterstützende Anrufe. Die israelische Band »Hadag Nachash« wie auch Kanadas Einwanderungsminister Jason Kenney besuchten den Laden. Die jüdischen Gemeindezentren motivierten ihre Leute dazu, dasselbe zu tun. »Die Unterstützung, die ich erhalten habe, hat mir unglaublich viel Kraft gegeben«, sagt Bar Oz. Mittlerweile seien die Verkaufszahlen sogar gestiegen.

YouTube Zu den internationalen Unterstützern gehört auch Michael Jonas aus Florida. Als er in einem Artikel las, was Bar Oz widerfuhr, nahm er Kontakt zu ihr auf: »Was sie Shanie antaten, ging eindeutig zu weit.« Er begann damit, einen YouTube-Kanal zum Thema zu betreiben, um den Feinden des Geschäfts nicht das Internet zu überlassen. Nach wie vor wünscht er sich finanzielle Unterstützung. »Was ich gern sehen würde, wäre, dass Shanie die reichste Person Kanadas wird, damit die Agitatoren wünschten, sie hätten sie einfach in Ruhe gelassen.«

Jonas meint, es sei kein Zufall, dass ausgerechnet eine Aktionsform gewählt wurde, deren Erfolg sich nicht messen lasse. Den Boykotteuren gehe es darum, sich besser und edler zu fühlen, weil sie auf der Seite des vermeintlich Schwächeren stehen.

Auch ein Kunde, der sich im Geschäft umsieht, stellt das Anliegen der Aktivisten infrage: »Ich arbeite in einem französischen Delikatessenladen. Frankreichs Politik wird auch von vielen kritisiert – aber niemand käme auf die Idee, deshalb unseren Laden zu boykottieren.« Bar Oz fügt hinzu, Israel sei wahrscheinlich weltweit der einzige Staat, gegen den es eine »Anti-Woche« gebe.

In letzter Zeit ist es, trotz einer ganzen Reihe anti-israelischer Aktivitäten in Vancouver, zu keinen weiteren Aktionen gegen das Geschäft gekommen. Bar Oz hofft, dass dies so bleibt: »Ich habe einen Eindruck davon bekommen, welche Macht Politik hat und wie kompliziert sie ist. Ich will einfach nur Frieden und ein ruhiges Leben.«

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thadigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026 Aktualisiert

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026