Bronx 1941. Als am 7. Dezember japanische Bomben auf Pearl Harbor fallen, stellt sich die Jugendmannschaft des »New World Club« (NWC) auf der Teller Avenue dem Fotografen. 20 aufgekratzte Teenager tanzen Trainer und Betreuer auf der Nase herum, und auf dem staubigen Bolzplatz tobt das Leben. Es ist Sonntag. Am Maschendraht vor den Mietskasernen stehen Mütter, die sich sorgen: um die Schienbeine ihrer Jungen, die schmutzigen Trikots, das Abendessen, die nächste Miete. »Oy way …«, klingt ein Seufzer. Doch die Sorgen gehören zum Leben, nicht zum Tod. Sie alle sind Krieg und Konzentrationslagern entkommen, haben das Grauen überlebt. Alltag bedeutet Segen.
Im Pub gegenüber versammeln sich die Väter. Sie tragen Nadelstreifen und Fedora, die modischen Abzeichen der Neuen Welt. Das bestickte Taschentuch in der Brusttasche, in der Hand ein kühles Bier. »Für das winterliche Datum war das Wetter überraschend mild. Unbesiegt beendete die Jugend des Clubs ihre Spielsaison«, schreibt ihr Trainer Eric Stoerger später in der deutsch-jüdischen Zeitung »Aufbau«. An diesem Nachmittag holt sich das Team zu den »Play offs« in der Bronx die Jugendmeisterschaft des Staates New York. Ihr Gegner ist der »Prospect Unity Club«: Kinder deutscher Juden New Yorks gegen Kinder deutscher Juden aus New Jersey.
Nach dem Spiel gibt es koschere Krakauer auf Sauerkraut im Brötchen, »Hot Dogs«.
Im Hauptspiel des Nachmittags treffen die beiden Ersten Mannschaften der Fußballclubs aufeinander. Die Nadelstreifen ruhen währenddessen im Hinterzimmer des Lokals. Jetzt schlägt »Prospect« den »New World Club« mit 1:0. Die Ehre ist wiederhergestellt. Gefeiert wird mit koscheren Krakauern auf Sauerkraut im Brötchen, »Hot Dogs«. Es geht hoch her im Pub. Die Mütter zerren an den Ärmeln ihrer Männer, es ist spät geworden. Erst später erfahren sie, was an diesem Tag auch passiert ist: Amerika wird bald in den Krieg ziehen. Viele Väter werden sich freiwillig melden.
Berlin, 2026. Ich war nie ein großer Fußballspieler. Aber 1989 war ich im Alter von 26 Jahren über ein Stipendium nach New York und zum »Aufbau« gelangt. Dort, zwischen der 72. und 73. Straße, lag im dritten Stock eines alten Fabrikgebäudes die Redaktion. Eine Zeitung in deutscher Sprache, die 14-tägig erschien und 1934 von deutschen Jüdinnen und Juden im Exil gegründet worden war.
Albert Einstein, Thomas Mann und Theodore Roosevelt
In den Büroräumen hingen die Schwarz-Weiß-Porträts von Albert Einstein, Thomas Mann und Theodore Roosevelt. Auf den Schreibtischen standen zentnerschwere Schreibmaschinen der Marke »Remington«. Bertolt Brecht, die Philosophin Hannah Arendt, der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, sie alle hatten schon für diese Zeitung geschrieben.
Bald nahm mich mein leitender Redakteur beiseite. Hermann Pichler stammte aus Graz, Österreich. »Weißtʼ was? Mir ham a bissl wenig Sport im Blatt. Eben gar keinen. Aba unsre Leut’ haben immer Fußball gʼspielt in der neuen Welt. I wollt scho lang a Gschicht drüber machen, hab’ aber nie Zeit gʼhabt dafür.«
Er stand auf und holte eine verstaubte Schachtel aus einem Aktenschrank. »Du schreibst ma jetzt a Gschicht, so von heut aus in die alte Zeit hinein. Lass dir was einfallen, und wannʼs guad is, kriagst a Doppelseitn.« Er lachte, deutete auf seine leere Kaffeetasse, drückte mir ein paar Dollar in die Hand und schickte mich hinunter auf den Broadway, einen Flachmann »Rye« holen. »Weißt eh, was ma hier für an Verlängerten trinkʼn.«
Kicker mit einem stolzen Davidstern auf der Brust
In der Schachtel fand ich alte Spielberichte, vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Mannschaften, die »New York Hakoah« oder »New World Club Tigers« hießen. Ein Mannschaftsbild packte mich sofort: »Bronx, 1941, Teller Avenue«, war auf der Rückseite vermerkt. Kicker mit einem stolzen Davidstern auf der Brust waren darauf zu sehen, stehend und kniend auf einem Staubplatz.
Ich hatte eine Adresse und eine Idee. Vielleicht würde ich diesen Fußballplatz wiederfinden? Ich nahm zuerst den Bus und lief dann die Avenue Richtung Park hinauf. Die wenigen Läden und Pizzerien hier sahen eher nach einem italienischen Viertel aus. Dann, auf dem Rückweg, fand ich einen Spielplatz. Eine Wippe, eine Schaukel und eine Rutsche waren im Beton verankert. Ich lief um den Platz herum, bis ich glaubte, eine Ecke gefunden zu haben, die mit den Fotos übereinstimmen könnte. Ja. Das mochte einmal ein Spielfeld gewesen sein. Ich konnte aber beim besten Willen nichts ausmachen, das an ein jüdisches Viertel erinnerte. Enttäuscht stieg ich in den Bus.
»Teller Avenue? Was? Da bist gʼwesen? Wirklich?« Hermann sah mich über seine Lesebrille hinweg erstaunt an. Er nickte, dass seine Locken wippten. »Hey, schau her. Traust dich was! Da ist aber nix mehr von unsere Leut’, leider. Aber wart amal! Da fällt mir ein, da hat der Will Schaber früher gʼwohnt. Das weiß i no. Und der hat immer mal über Fußball gʼschriebn im ›Aufbau‹.«
Diesen Mann kannte ich. Er betreute und verfasste, bereits 90-jährig, die Kolumne »Angelpunkte der Exilforschung«. Ich besuchte ihn in Washington Heights an der Nordspitze Manhattans. Ein stolzer Sozialdemokrat aus Heilbronn, Nichtjude, der aus Protest und einer festen Haltung heraus zusammen mit seiner Frau 1934 in die USA emigriert war. Sie empfingen mich, den deutschen Praktikanten, mit Spritzgebäck und englischem Tee.
Eingefädelt hatte den PR-Termin Monroes Ehemann, der jüdische Dramatiker Arthur Miller.
Am Ende eines langen Abends hatte ich alles beisammen: Namen, Daten, Eindrücke, Spielberichte – und die Adresse eines Anwalts auf Long Island, des Sohns des früheren Präsidenten des Amerikanischen Fußballverbands (USSF), Jack Flamhaft. In dessen Archiv fand ich weiteres Material und tatsächlich die Aufnahme, von der Schaber zu später Stunde geschwärmt hatte wie ein Teenager. Mir stockte der Atem, als ich den Schwarz-Weiß-Abzug der Größe 18 x 24 cm in Händen hielt: Marilyn Monroe war darauf zu sehen, die 1957 beim Kick off der »American Soccer League«-All-Stars gegen Hapoel Tel Aviv auf dem Brooklyner Ebbets-Field in Stöckelschuhen einen Fußball kickte. Sie trug ein enges, helles Kleid mit Blümchen im Dekolleté. Eingefädelt hatte die PR-Aktion ihr Ehemann, der jüdische Dramatiker Arthur Miller. Tel Aviv gewann 6:4, die Einnahmen flossen in israelische Kriegsanleihen.
Das amerikanische Fußballfieber hatte mich endgültig gepackt. Der Sport war in den USA zur gleichen Zeit wie in England geboren worden, mehr als 100 Jahre spielten Einwanderer – und der Sage nach zuvor schon die indigene Bevölkerung – begeistert Fußball. Warum der Sport dennoch nicht zu den »Großen Dreieinhalb« – Football, Baseball, Basketball und Eishockey – aufschließen konnte, war unter anderem Gegenstand meines Buches Fußball in den USA gewesen, das 1994 zur ersten WM dort erschien. Es verkaufte sich nur mäßig. Das hat mich immer gewurmt. 2024 meldete sich Oskar Rauch von dtv angesichts der neuen Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada im kommenden Sommer. Wir beschlossen, das Buch nach 30 Jahren kurzerhand neu anzugehen. So etwas passiert, wenn man nur lange genug rumhängt. Jetzt erscheint The Ball is Round – und ich bin dankbar. Es gibt kaum etwas Spannenderes als diesen irren Krimi um Big Business, verpasste Chancen und wundersame Wiederauferstehungen. Im Frauenfußball sind die USA längst das Maß der Dinge.
Auch Kissinger kickte einst bei Maccabi
Brooklyn, 1949. Wieder stellt sich eine jüdische Mannschaft dem Fotografen, im Vordergund ist ein Junge mit Fliegerjacke und Bomberhaube zu sehen. Spieler der legendären Wiener »Hoppauf Hakoah« holten unter dem Namen der 1948 in Brooklyn gegründeten »New York Hakoah« zwischen 1957 und 59 dreimal in Folge den Landestitel der American Soccer League (ASL). Die neue Welle des US-Soccers erforderte auch eine zweite Mannschaft des NWC. Sie erhielt den Namen »New World Club Tigers«. Die erste Mannschaft, deren Väter aus dem Krieg heimgekehrt waren, nahm die alte Fehde mit »Prospect« wieder auf – und holte sich endlich den lang ersehnten Meistertitel. Dann verstreuten sie sich. »Sie versuchten, ihr Leben wieder entsprechend zu organisieren – und spielten nebenbei einen ausgezeichneten Fußball«, schrieb der »Aufbau« 1966 in einer Hommage an die Wildkatzen.
Einige der jüdischen Amateure machten dennoch Karriere – nur in anderer Form. Der Rechtsaußen des »New World Clubs«, Erwin Weilheimer, ging 1946 nach Palästina. Dort eroberte er unter dem Namen Aharon Doron 1956 den Gazastreifen. Moshe Dayan beförderte ihn zum General. Und da war noch der zarte jüdische Junge aus Fürth, Heinrich Alfred. Bebrillt und mit abstehenden Ohren kickte er scheu in der zweiten Garde des New Yorker Maccabi-Clubs. Später hatte er nicht nur einen neuen Vornamen, sondern auch ein paar kleidsame Titel auf seiner Visitenkarte: Dr. Henry A. Kissinger, Außenminister a. D., Friedensnobelpreisträger.
Helmut Kuhn: »The Ball is Round. Fußball in den USA«. dtv, München 2026, 224 S., 15 €