Spanien

Madrid ist raus

Proteste in Madrid im März 2026 Foto: picture alliance / Sipa USA

Seit Monaten prägen anti-israelische Proteste das Bild spanischer Städte. Zehntausende ziehen mit Palästina-Flaggen durch die Straßen, skandieren: »Das ist kein Krieg, das ist ein Genozid« und fordern »Freiheit für Palästina«. Unter den Demonstranten finden sich immer wieder führende linke Politiker, wie zum Beispiel Ione Belarra. Die Generalsekretärin der Podemos-Partei verlangt den Abbruch der diplomatischen Beziehungen Spaniens zu Israel und wirtschaftliche Sanktionen gegen Premier Benjamin Netanjahu, den sie vor dem Internationalen Strafgerichtshof sehen will.

Nachdem Sánchez ein Waffenembargo gegen Israel verhängt hat, nach einem Importverbot für Produkte aus israelischen Siedlungen im Westjordanland und der finanziellen Unterstützung der UNRWA, der Verbindungen zur Hamas nachgesagt werden, wurde denn auch die spanische Botschafterin aus Israel zurückbeordert. An Israels Botschaft in Madrid wiederum gibt es nur noch eine Interims-Konsularin. Als die USA und Israel am 28. Februar den Iran angriffen, verweigerte die Regierung Sánchez der U.S. Air Force Angriffsflüge von spanischen Stützpunkten aus. In einer jüngsten Entscheidung bleibt nun der gesamte spanische Luftraum für US-Militärflüge in den Nahen Osten geschlossen.

»Fehlt nur noch der Beifall aus Nordkorea«

Eine lang erwartete Parlamentsdebatte zu Spaniens Position zum Krieg in Nahost wurde zum Schlagabtausch. Wie die Madrider Tageszeitung »El Mundo« schreibt, gerierte sich der sozialistische Premier Pedro Sánchez »als internationaler Maßstab für Frieden und als Vorbild für die übrigen europäischen Staats- und Regierungschefs in seiner Rolle als Gegenspieler Donald Trumps«. Oppositionsführer Alberto Feijóo, Chef der konservativen Partei PP, konterte mit dem Vorwurf, es wäre so, als prange auf den Raketen, die das Mullah-Regime gegen Israel abfeuert, Sánchezʼ Gesicht. »Ihm fehlt nur noch der Beifall des nordkoreanischen Regimes«, so Feijóo.

In den Ohren der jüdischen Gemeinschaft klingen die anti-israelischen Parolen bedrohlich. Isaac Benzaquen, Vorsitzender der Vereinigung jüdischer Gemeinden in Spanien, sagte: »Es ist wirklich schwierig für mich, diese Art von Demonstrationen zu verstehen. Ich möchte eines klarstellen, auch wenn die Welt das vielleicht nicht verstehen will oder sich nicht dafür interessiert: Israel will Frieden.«

»Die spanische Regierung hat sich von ihrer Geschichte und der Realität abgewandt«

Meir Javedanfar

Das machte auch die geschäftsführende Leiterin der israelischen Botschaft in Madrid deutlich. Dana Erlich betonte im Gespräch mit »El Mundo«: »Nach internationalem Recht hat jeder, der angegriffen wird, das Recht, sich zu verteidigen. Wir haben die Pflicht, unsere Bevölkerung zu schützen.« Als die Hisbollah im Libanon Anfang März den Waffenstillstand brach, habe Spanien Israels Reaktion verurteilt, nicht aber die Raketen der Terrormiliz auf Israels Zivilbevölkerung. »Für die aktuelle Regierung scheint Israel an allem schuld zu sein – an allen Konflikten, an jeder Preissteigerung«, so Erlich weiter. Die Verharmlosung der Bedrohung durch den Iran und das populäre »Nein zum Krieg« seien »eine simple Art, an das Grundgefühl der Menschen zu appellieren, die natürlich in Frieden leben möchten«, fügte sie hinzu. Aber das wolle Israel eben auch.

Lesen Sie auch

»Die spanische Regierung hat sich von ihrer Geschichte und der Realität abgewandt«, kritisiert denn auch der iranisch-israelische Analyst Meir Javedanfar die Madrider Regierung. Das iranische Regime sei der größte Feind von Frauen und Minderheiten – »Werte, die der spanische Sozialismus angeblich verteidigt«.

Ausschluss aus dem zivil-militärischen Koordinationszentrum für Gaza

Nun folgen Konsequenzen: Angesichts seiner »anti-israelischen Obsession« und diverser Boykotte kündigte Israels Außenminister Gideon Saʼar an, dass Spanien nicht mehr Teil des multinationalen zivil-militärischen Koordinationszentrums (CMCC) sein dürfe, das den Waffenstillstand in Gaza überwacht. Madrid habe »jede Fähigkeit verloren, als nützlicher Akteur bei der Umsetzung von Präsident Trumps Friedensplan zu fungieren«, so Saʼar.

Nur Erlich gibt sich noch optimistisch: »Es stimmt, dass wir derzeit einige Differenzen mit der Madrider Regierung haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, was wir mit ihren Vorgängern erreicht haben – und was wir noch erreichen können«, so die Diplomatin.

Reaktion

Europäische Rabbiner: Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist Weckruf

Das Abschneiden der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt mit über 40 Prozent sorgt auch im Ausland für Besorgnis. Was orthodoxe europäische Rabbiner dazu sagen

von Leticia Witte  07.09.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  07.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026