Österreich

Jugend und Schicksal eines 106-Jährigen

Marko Feingold (1913–2019) Foto: BlackboxFilm & MedienProduktion GmbH

Österreich

Jugend und Schicksal eines 106-Jährigen

Ein Kinofilm erzählt das Leben des langjährigen Präsidenten der Salzburger Gemeinde, Marko Feingold

von Peter Bollag  27.10.2021 08:39 Uhr

Seit einigen Monaten wird Marko Feingold, der langjährige Präsident der Israeli­tischen Kultusgemeinde Salzburg, an zen­traler Stelle der Stadt geehrt: Der bisherige Makartsteg über die Salzach wurde im Frühjahr in einer feierlichen Zeremonie in Marko-Feingold-Steg umbenannt. Damit würdigt die Festspielstadt ihren langjährigen Einwohner, der im September 2019 im Alter von 106 Jahren starb.

Seit Anfang des Monats gibt es nun auch ein filmisches Denkmal für den Mann, der vier Konzentrationslager überlebte und bis ins hohe Alter immer und immer wieder Zeugnis darüber ablegte: Ein jüdisches Leben heißt der Film von Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer und Roland Schrotthofer, der seit Anfang des Monats in österreichischen Kinos zu sehen ist.

schicksal Der im ungarischen Neusohl, dem heutigen Banská Bystrica in der Slowakei, geborene und in Wien aufgewachsene Feingold erzählt in knapp zwei Stunden sein Schicksal in Zeiten, in denen ein sogenanntes normales Leben für einen jüdischen Jungen in der ehemaligen Hauptstadt der Donaumonarchie nicht möglich war.

Der Film konzentriert sich dabei ganz auf die Person des Porträtierten, der zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 105 Jahre alt war: Die Einstellung ist fast die ganze Zeit auf ihn gerichtet und verzichtet vollständig auf Kamerafahrten. Nur ab und zu ist Feingold in einer Schwarz-Weiß-Einstellung von der Seite zu sehen.

So wie sich die Regisseure Zeit nehmen für das Bild, so nimmt sich Feingold Zeit, seine Geschichte zu erzählen: beginnend mit seiner Jugend in einem orthodoxen Elternhaus mit drei Geschwistern.

So wie sich die Regisseure Zeit nehmen für das Bild, so nimmt sich Feingold Zeit, seine Geschichte zu erzählen.

gier Dabei spürt man aus Feingolds Schilderungen seiner Jugend und seines Lebens als junger Erwachsener selbst jetzt noch die Gier und den Wunsch nach einem »normalen« Leben. Von seiner Jugend im verarmten Wien der 20er- und 30er-Jahre, in denen die drei Feingold-Brüder ebenso ihrem Vergnügen als auch ihrem Broterwerb als Vertreter für Hygieneartikel aller Art nachgehen – der politischen Unrast jener Jahre zum Trotz –, berichtet Feingold: »Politik war eben nicht so intensiv in den Menschen drinnen.« Und von der Falle, in die sie tappen, als sie im Februar 1938 aus dem damals für Jüdinnen und Juden noch halbwegs sicheren Italien nach Wien zurückreisen, weil ihre Pässe abgelaufen sind.

Dort werden sie vom »Anschluss« ebenso überrascht wie Tausende andere, was Feingold dazu veranlasst, sich die Rede Hitlers auf dem Heldenplatz anzuhören, weil er sich den Spuk einmal aus der Nähe ansehen wollte.

flucht Es bleibt die Flucht in die Tschechoslowakei und sogar nach Polen, doch nützt es alles nichts: Marko Feingold landet in Auschwitz, wo sein Martyrium beginnt, und später in den Konzentrationslagern Neuengamme, Dachau und schließlich Buchenwald.

Dort erlebt der zum Skelett abgemagerte Häftling 1945 die Befreiung durch die Amerikaner, doch wird er seiner Befreiung angesichts des allgemeinen Sterbens nicht froh: Zudem wird er bald erfahren, dass seine Brüder und seine Schwester ermordet wurden, was ihn im Film sagen lässt: »Nichts ist übrig geblieben, und mit dem Nichts muss ich leben.«

Vor allem von solchen Sätzen, die Feingold ruhig und scheinbar teilnahmslos in die Kamera sagt, lebt der Film, der hier seine stärksten Momente hat. Sie wirken überzeugender als die eingestreuten Wochenschau-Ausschnitte und Propaganda-Filme der US-Armee im besetzten Nachkriegsdeutschland.

Die Macht der Worte, mit denen Marko Feingold sein Leben schildert, aber auch die ebenfalls eingestreuten antisemitischen Beleidigungen, die er bis zu seinem Tod immer wieder erhielt, machen Ein jüdisches Leben zu einem bleibenden Zeitdokument.

London

Messerangriff auf Juden: Steckt erneut der Iran hinter der Tat?

Wieder ist es in der britischen Hauptstadt zu einem schweren antisemitischen Vorfall gekommen

von Michael Thaidigsmann  29.04.2026 Aktualisiert

Sydney

Benefizkonzert abgesagt: Griechischer Chor verweigert Auftritt mit jüdischem Ensemble

Sowohl der Leiter des Chors als auch jüdische Organisationen sind entsetzt

 29.04.2026

Italien

Nächstes Jahr in Palermo

Über Jahrhunderte war das Judentum fester Bestandteil Siziliens. Dann wurde es mehr als 500 Jahre lang dem Vergessen preisgegeben. Die Geschichte einer Wiederentdeckung

von Mark Feldon  28.04.2026

Vereinte Nationen

Welche Chancen hat diese Frau?

Erstmals könnte eine Frau neue UN-Generalsekretärin werden. Mit im Rennen ist Rebeca Grynspan aus Costa Rica. Sollte sie gewählt werden, wäre sie auch die erste jüdische Person im Amt

von Michael Thaidigsmann  28.04.2026

Universität Gent

»So weit ist es also gekommen«

Israelfeindliche Aktivisten haben erneut ein Fakultätsgebäude besetzt - obwohl die belgische Uni bereits vor zwei Jahren die Kooperation mit drei israelischen Hochschulen beendet hatte

von Michael Thaidigsmann  27.04.2026

Kirgistan

Hotel verbietet »Juden und Tieren« den Zutritt

Eine erst vor wenigen Wochen eröffnete Unterkunft in der kirgisischen Stadt Osch musste nach Intervention der israelischen Botschaft ein Schild wieder abhängen

 27.04.2026

Nachruf

Dirigent Michael Tilson Thomas mit 81 Jahren gestorben

Als Chefdirigent der San Francisco Symphony wurde er berühmt. Doch er arbeitete mit Orchestern in aller Welt. Nun ist der Musiker mit 81 Jahren gestorben

 24.04.2026

Österreich

Der geneigte Antisemit

In Wien soll das Denkmal des einstigen Bürgermeisters Karl Lueger um 3,5 Grad gekippt werden. Die jüdische Gemeinde sähe die Bronzestatue lieber im Museum. Ein Ortsbesuch

von Tobias Kühn  24.04.2026

Tschernobyl

Damals in Tschernobyl

Im März 1987 arbeitete unser Autor zwei Wochen lang im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine persönlicher Bericht über die Zeit in der Sperrzone und wie es danach weitergeht

von Vitalii Miasnikov  24.04.2026