Rumänien

Jüdisch in »Klein-Wien«

Mindestens zwei Städte werden jedes Jahr von der EU als Kulturhauptstädte Europas betitelt. Die Benennung soll den Reichtum des kulturellen Erbes unseres Kontinents herausstellen und zu einem besseren Völkerverständnis beitragen. In diesem Jahr ist neben dem ungarischen Veszprém und dem griechischen Elefsina auch Timișoara im Westen Rumäniens Kulturhauptstadt Europas.

Es gibt kaum einen Ort, der als Kulturhauptstadt besser geeignet wäre als Timișoara (deutsch: Temeswar). Die Stadt, die 1989 Ausgangspunkt des Aufstands gegen die kommunistische Diktatur unter Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceaușescu war, ist im Laufe ihrer Geschichte zu einem wahren Schmelztiegel der Kulturen geworden und zur Heimat verschiedenster Gemeinschaften. Darunter sind eine Reihe von Nationalitäten wie Rumänen, Ungarn, Deutsche, Roma und Serben oder Konfessionsgruppen wie Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Juden und neuerdings auch Muslime.

facetten An diesen Reichtum an Facetten knüpfen die Programmgestalter des Kulturhauptstadtjahres an und lassen Temeswar mit dem Slogan »Lass dein Licht leuchten – Erhelle deine Stadt« in seiner Buntheit aufscheinen. Helligkeit hat hier zudem eine sinnbildliche Bedeutung, denn Temeswar – auch »Klein-Wien« genannt – war die erste europäische Stadt, die Ende des 19. Jahrhunderts eine elektrische Straßenbeleuchtung einführte. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Luciana Friedmann, stellt einen weiteren Bezug her: »Dieses schöne Motto spricht uns besonders an, denn das Licht hat in unserer Liturgie einen hohen Stellenwert.«

Im Zentrum Temeswars bestimmen Barock und Jugendstil das Stadtbild. Skulpturen und Putten bevölkern die erst kürzlich restaurierten Fassaden, dazu zahlreiche Verzierungen aus Keramik. In der Stadt am Fluss Bega pulsiert in diesem Jahr das Leben bis spät in den Abend. Die Menschen eilen von einer Kulturveranstaltung zur nächsten, genießen den angenehmen Sommerabend auf einer der zahlreichen Caféterrassen oder flanieren entspannt auf der majestätischen Fußgängerzone. Die Veranstalter haben auf große Namen verzichtet und luden stattdessen international weniger bekannte Künstler ein.

In diesen Tagen trifft man in Temeswar nicht nur Einheimische, sondern Scharen von Touristen aus ganz Europa. »Das Angebot ist so überwältigend, dass wir gar nicht wissen, womit wir uns zuerst befassen sollen: Musik, Theater, Wissenschaft?«, sagt ein Ehepaar aus Holland.
Zu diesem Dilemma steuert auch die örtliche jüdische Gesellschaft bei, denn etliches im Programm wird von ihr angeboten. Unter den Bevölkerungsgruppen, die in der k. u. k. Monarchie die multikulturelle Identität der Stadt prägten, trugen die Juden bis ins 20. Jahrhundert entscheidend bei und hinterließen ein reiches kulturelles und architektonisches Erbe.

Juden prägten die multikulturelle Identität der Stadt entscheidend mit.

»Die jüdische Gemeinschaft ist ein wesentlicher Bestandteil des Programms im Kulturhauptstadtjahr«, bestätigt Bürgermeister Dominic Fritz der Jüdischen Allgemeinen. »Gemeinsam organisieren wir in diesem Jahr verschiedene Kulturveranstaltungen, die die enge Verbundenheit der Temeswarer Bürger mit dieser Gemeinschaft unterstreichen.« Fritz, der in Lörrach geboren wurde und deutscher Staatsbürger ist, lebt seit einigen Jahren in Temeswar und steht der Stadt seit 2020 vor.

Er freue sich »über die Begeisterung, mit der die Menschen denken, planen und kulturelle Veranstaltungen organisieren«. Die jüdische Gemeinde mache da keine Ausnahme, lobt er.

RESTAURIERUNG Wegen der zentralen Lage und ihrer guten Akustik eignet sich die von dem Wiener Architekten Carl Schumann im eklektischen Stil erbaute, 1865 eröffnete Zitadellensynagoge gut für Kulturveranstaltungen. »Wir haben mit Freuden zugestimmt, hatten aber auch Bedenken, denn das Gebäude war damals noch in einem schlechten Zustand«, schildert die Gemeindechefin die anfänglichen Bedenken. »So komisch es klingen mag, aber eigentlich kam es uns gelegen, dass das Kulturhauptstadtjahr wegen der Covid-Pandemie von 2021 auf 2023 verschoben werden musste, denn so blieb mehr Zeit für die Restaurierung«, fährt sie fort. Inzwischen sind die wichtigsten Arbeiten beendet, und die zweitgrößte Synagoge Rumäniens wurde im Mai 2022 wiedereröffnet.

Seitdem fanden dort Konzerte der Banater Philharmonie statt, und es wurden Kunstausstellungen gezeigt. »Alles im Einklang mit den religiösen Vorschriften, denn es handelt sich um ein aktives Bethaus«, betont Friedmann. So werden zum Beispiel Kunstwerke, die Menschen oder Tiere darstellen, nicht gezeigt. Dieser Bedingung entsprachen die futuristischen Gemälde des lokalen Künstlers Camil Mihăescu, in deren Zentrum die Spirale als Leitmotiv stand. Dieser Tage sind nun Skulpturen der Wiener Künstlerin Veronica Taussig zu sehen, einer gebürtigen Temeswarerin.

Die Gemeinde hat sich auch selbst einiges einfallen lassen. So wurde am 30. Mai in Temeswar der »Tag der jiddischen Sprache und des Theaters« begangen. Er ist auf den Geburtstag des 1901 geborenen Meisters der jiddischen Literatur, Itzik Manger, gelegt worden. An jenem Tag wurde in der Synagoge eine Judaika-Ausstellung eröffnet, gefolgt von einer Theateraufführung mit Texten von Manger. Am Abend fand am Hauptplatz der Stadt, der Piața Unirii, das Konzert der Budapest Klezmer Band statt, die dem Publikum eine Reise in die Welt der jüdischen Folklore bot.

highlight Ende Juni folgte ein kleines Highlight: Fußballfans kamen auf ihre Kosten, als der aus Temeswar stammende, einst international tätige israelische Schiedsrichter Abraham Klein die Stadt besuchte. Der 89-Jährige gab spannende Einblicke in die Welt vergangener Weltmeisterschaften und erzählte über seine Freundschaften mit weltberühmten Fußballern wie Pelé oder Puskás.

Bei den jüdisch geprägten Ereignissen sind Juden und Nichtjuden gleichermaßen willkommen. »Diese Events sind hervorragende Gelegenheiten, um unseren europäischen Mitbürgern vor Augen zu führen, dass wir uns nur in unserer Religion von ihnen unterscheiden«, so Friedmann, eine gelernte Journalistin. Sie betont, man müsse erkennen lassen, dass Judentum nicht nur mit der Schoa zu tun hat, sondern es ein bunter, lebhafter Teil der Gesellschaft war und auch heute ist.

Ein besonderes Ereignis wird demnächst die gemeinsame Aufführung des Jüdischen Theaters Bukarest und des Temeswarer Deutschen Staatstheaters sein. Sie wird mit einem Schauspiel an das antisemitische Granatenattentat der rechtsextremen Terrorgruppe »Eiserne Garde« 1938 im Theater erinnern. Zwei Zuschauer kamen dabei ums Leben, viele wurden verletzt.

In der Zitadellensynagoge finden zahlreiche Konzerte und Ausstellungen statt.

Der Anschlag galt der berühmten jiddischsprachigen Schauspielerin Sidy Thal, die glücklicherweise unversehrt blieb. Den Zeitungen wurde damals untersagt, über das blutige Ereignis zu berichten; daher weiß man bis heute nur sehr wenig darüber. Die Autoren mussten tiefgründig in den Archiven recherchieren, um Details zu erfahren. Besonderheit des Stücks ist, dass nur Teile im Theater aufgeführt werden – für einen Akt begeben sich Publikum und Schauspieler in die nahe gelegene Synagoge.

Trotz der antisemitischen Gesetze, der Unterdrückung und Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung vor und während des Holocaust erfolgten in der Stadt und ihrer Umgebung keine Massendeportationen, sodass die meisten der 13.000 Temeswarer Juden die Schoa überlebten.

sicherheit Aus Sicht vieler Gemeindemitglieder gilt heute ganz Rumänien als sehr sicher. Judenfeindliche Übergriffe sind äußerst selten und werden streng bestraft. Der Staat und die Polizei sorgen für die Sicherheit der jüdischen Organisationen, sagt Friedmann. Sicherheitsmaßnahmen, wie sie in vielen anderen Ländern üblich sind, seien in Rumänien nicht notwendig.

Dies wirke sich auch positiv auf die Besucherzahl bei Veranstaltungen aus.
Das jüdische Bürgertum war früher in Temeswar sehr bedeutsam. Dies lässt sich auch daran ermessen, dass die Gemeinde einst fünf zum Teil recht große Synagogen errichten ließ. Heute sind nur noch zwei in Betrieb, die Zitadellensynagoge und die Synagoge in der Josefstadt. Die im Jahr 1899 eröffnete kunstvoll verzierte Synagoge des Sezessionsarchitekten Lipót Baumhorn im Bezirk Fabric, der Fabrikstadt, ist seit 1985 geschlossen. Sie ist in einem vernachlässigten Zustand. Im Laufe der Jahre wurde sie durch Vandalismus, aber auch durch Witterung beschädigt, Teile der Einrichtung wurden entwendet.

Im vergangenen Jahr nahm die Organisation World Monuments Watch das Bethaus auf die Liste der 25 weltweit als besonders gefährdet geltenden Baudenkmäler auf. Laut Bürgermeister Fritz habe sich die Stadt gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde vorgenommen, die Synagoge zu retten und zu einem Kulturzentrum des Stadtteils umzugestalten.

SOZIALISMUS Während des Sozialismus sind viele Juden aus Temeswar geflohen, und der israelische Staat konnte etliche von ihnen freikaufen – ähnlich wie es die Bundesrepublik mit DDR-Bürgern tat. Manche haben im Ausland eine steile Karriere gemacht. Der wohl erfolgreichste Sohn der Stadt ist Ioan Holender, der bis 2010 fast 20 Jahre lang Direktor der Wiener Staatsoper war. Ein anderer prominenter Jude aus Temeswar ist Peter Freund (1936–2018). Er war Professor für Theoretische Physik in den USA und wurde für den Nobelpreis nominiert. Auch der 1946 geborene George Lusztig ist ein Kind der Temeswarer Gemeinde. Der Mathematiker, der am Massachusetts Institute of Technology lehrt, hat neue Konzepte in die Darstellungstheorie algebraischer Gruppen eingeführt.

Heute zählt die Gemeinde nur noch 600 Mitglieder, zudem hat sie rund 100 sogenannte assoziierte Mitglieder. Sie sind nicht jüdischer Herkunft, doch sie interessieren sich für das Judentum. Wie viele der heutigen Einwohner Temeswars jüdische Wurzeln haben und mit der Gemeinde nicht verbunden sind, ist unbekannt.

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