Ukraine

Jüdisch in Dnipro

Die Stadt Dnipro in der Ukraine Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Große Synagoge »Goldene Rose« in Dnipro ist an Feiertagen immer gut gefüllt, in diesem Jahr war sie jedoch regelrecht überfüllt. In der Synagoge und dem benachbarten riesigen Menora-Gemeindezentrum hielten sich Hunderte Flüchtlinge, vor allem aus Charkiw und Städten in der Region Donezk, auf.

Die Gemeinde in Dnipro nimmt alle Flüchtlinge auf, man fragt nicht nach Herkunft und Religion. Doch kommen vor allem auch jüdische Flüchtlinge, sie zieht es in der Fremde zuerst in die Synagoge. Und so haben viele von ihnen vergangene Woche zum ersten Mal in ihrem Leben die Lesung der Megillat Esther gehört, denn das postsowjetische Judentum ist normalerweise wenig religiös.

Der Karnevalsbezug des Feiertags wurde in diesem Jahr auf ein Minimum reduziert. In Anwesenheit von Flüchtlingen und vor dem Hintergrund täglicher Berichte von Tod und Zerstörung ist es schwierig, sich ungezügelter Freude hinzugeben.

Eine traditionelle Purim-Atmosphäre zu schaffen, wurde auch dadurch erschwert, dass es seit Beginn des Krieges im ganzen Land verboten ist, Alkohol zu verkaufen. Doch dies hinderte die Anwesenden nicht daran, aus tiefstem Herzen »Verdammter Haman!« auszurufen. Diesmal war mit dem Bösen Russlands Präsident Wladimir Putin gemeint, der gerade ein grausames Menschheitsverbrechen begeht.

KNESSET In seiner Rede am Sonntag vor der Knesset hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Parallelen zum Holocaust gezogen. Man spreche in Moskau von »Endlösung« und von der »Ukrainischen Frage«, sagte er. In Israel stießen Selenskyjs Worte auf Zurückhaltung.

Vielleicht ist er tatsächlich zu weit gegangen. Aber kann man es ihm angesichts der aktuellen Situation verdenken, dass er überall, wo er Politiker um Unterstützung anfleht, einen für das entsprechende Land charakteristischen Kern hervorhebt? Die Amerikaner erinnert er an Pearl Harbor, vor dem britischen Publikum zitiert er Winston Churchills berühmte Rede »Wir werden niemals kapitulieren«, die Deutschen erinnert er an »Nie wieder!« und die Mauer.

Selenskyjs Appell ist weit mehr als der Wunsch, ein passendes Bild zu finden. Und es geht auch nicht nur um die jüdische Herkunft und Identität von Wolodymyr Selenskyj. »Jüdisch« und »ukrainisch« vermischen sich in diesem Krieg. Nicht nur in Dnipro, sondern im ganzen Land sind Synagogen zu Zufluchtsorten für Flüchtlinge geworden, und jüdische Organisationen haben sich innerhalb weniger Wochen zu aktiven Teilen der ukrainischen Zivilgesellschaft entwickelt. Sie reagieren manchmal stärker auf die kriegsbedingten Bedürfnisse der Menschen als der Staat.

widerstand Das Land ist zu einem riesigen Ameisenhaufen geworden, in dem sich Menschen aus eigener Initiative selbst organisieren und Netzwerke des zivilen Widerstands schaffen. Jüdische Aktivisten helfen in Aufnahmezentren für Flüchtlinge und bringen Medikamente in Krankenhäuser. Jüdische Gemeindegruppen organisieren die Evakuierung von schwer zugänglichen Orten, an denen Kämpfe stattfinden. Jüdische Freiwillige liefern Helme und kugelsichere Westen an Einheiten der Territorialverteidigung. Vergangene Woche haben sie die Kämpfer, unter denen auch Juden sind, mit Hamantaschen bewirtet.

Russische Bomben und Granaten fliegen auf Synagogen, auf jüdische Schulen und auf Jeschiwot. In Charkiw, Mariupol, Tschernihiw und in Sumy. Die russische Armee wählt nicht speziell jüdische Objekte zur Zerstörung aus. Sie macht einfach systematisch ukrainische Städte dem Erdboden gleich. Russische Bomben haben es nicht speziell auf Juden abgesehen. Sie machen sich nicht die Mühe zu zielen, sie töten wahllos.

Der Autor ist Historiker und Journalist. Er dokumentiert die aktuellen Kriegsverbrechen in der Ukraine.

Den ganzen Text lesen Sie am Donnerstag in unserer Printausgabe.

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