Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Oleksii Makeiev, Botschafter der Ukraine in Deutschland, erklärte, der direkte Zugang zu Archiven und der wissenschaftliche Austausch könne dazu beitragen, »historische Entwicklungen differenzierter zu verstehen«. Foto: picture alliance/dpa

Die Ukraine öffnet deutschen Forschenden den Zugang zu lange verschlossenen historischen Archiven. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten unterzeichnete dazu am Mittwoch in Berlin einen Kooperationsvertrag mit dem Historischen Archiv des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU).

Die Kooperation soll die Zeit des Nationalsozialismus, der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR umfassen. Es geht unter anderem um Forschungen zu den Konzentrationslagern und Haftorten in Sachsenhausen, Ravensbrück, Lieberose, Brandenburg an der Havel und in der Potsdamer Leistikowstraße. Auch Recherchen zur Militärspionageabwehr der Roten Armee, zum Ukrainischen Ministerium für Staatssicherheit (MGB) und zum Ukrainischen Kommissariat für Staatssicherheit (KGB) sollen künftig erleichtert werden.

Neue Perspektiven auf ukrainische KZ-Häftlinge

Die Stiftung erhofft sich »neue Perspektiven« auf Häftlingsschicksale aus der Ukraine in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Tausende Menschen aus der Ukraine als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Viele von ihnen landeten wegen eines Flucht- oder angeblichen Sabotageversuchs im KZ, darunter zahlreiche Jugendliche. Unklar ist laut Stiftung bis heute, wie viele Ukrainer im KZ Sachsenhausen und seinen Außenlagern inhaftiert waren.

Zu den Forschungsfeldern gehören auch die Schicksale sowjetischer Bürger, die nach 1945 in den Lagern der sowjetischen Besatzungsmacht inhaftiert waren, sowie die Tätigkeit der militärischen Spionageabwehr in Potsdam. Der Stiftung zufolge sind bislang rund 800 Sowjetbürger ukrainischer Nationalität im Speziallager in Sachsenhausen ermittelt worden.

Zudem erhofft sich die Stiftung aus der Zusammenarbeit neue Erkenntnisse über mutmaßliche NS-Täter, die wegen Verbrechen auf dem Territorium der Ukraine von den westlichen Alliierten 1945 bis 1947 an die Sowjetunion ausgeliefert wurden.

Forschende sollen unterstützt werden

Zentraler Bestandteil der Vereinbarung sei die Zugänglichmachung der Bestände im SBU-Archiv und die Unterstützung von Forschenden der Gedenkstättenstiftung bei ihren Recherchen, hieß es. Außerdem sieht der Kooperationsvertrag einen regelmäßigen Austausch vor, etwa gemeinsame Konferenzen und Publikationen.

 Stiftungsdirektor Axel Drecoll erklärte, es gebe bereits seit einigen Jahren einen regen Austausch mit ukrainischen Kolleginnen und Kollegen. Jetzt erhalte die Kooperation einen formalen Rahmen.

Der ukrainische Archivdirektor Andriy Kohut betonte, »in unserem Archiv wird der größte Aktenbestand des früheren KGB aufbewahrt, der für die Forschung zugänglich ist«. Bislang seien von den mehr als einer Million Fallakten erst etwas mehr als fünf Prozent des Archivbestandes digitalisiert.

»Historische Entwicklungen differenzierter verstehen«

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, erklärte, der direkte Zugang zu Archiven und der wissenschaftliche Austausch könne dazu beitragen, »historische Entwicklungen differenzierter zu verstehen«. Er hoffe, dass sich die deutsche Geschichtsforschung damit »von über Jahrzehnte prägenden russischen Deutungsmustern« löse. Aktuell gibt es in der Gedenkstätte auch ein Forschungsprojekt mit Jugendlichen, die sich mit Archivquellen zum »Speziallager« beschäftigen. epd

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