Antisemitismus

Juden in Deutschland am häufigsten angefeindet

Nach Angaben der Polizei trug das Opfer zum Tatzeitpunkt eine Kippa. Foto: dpa

In Brüssel wird heute eine breit angelegte Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA vorgestellt, in der Juden zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt wurden. Im Mai und Juni hatte das Londoner Institute for Jewish Policy Research in jenen zwölf EU-Ländern, in denen 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung leben, Online-Befragungen unter mehr als 16.000 Juden durchgeführt.

EMPFINDEN Im Unterschied zu Polizeistatistiken und anderen Studien, die die gemeldeten Vorfälle widerspiegeln, fördert die neue Umfrage das subjektive Empfinden von Juden zutage. Die Dunkelziffer ist laut der Studie groß: Mehr als drei Viertel (77 Prozent) derer, die Opfer antisemitischer Belästigungen werden, melden solche Vorfälle weder bei der Polizei noch bei anderen Stellen.

85 Prozent der Befragten bezeichnen den Antisemitismus als das größte gesellschaftliche oder politische Problem in ihren jeweiligen Ländern. Neun von zehn Teilnehmern der Befragung gaben an, dass der Judenhass seit der ersten EU-Studie im Jahr 2012 angestiegen sei. 89 Prozent nannten das Internet und die sozialen Netzwerke als einen Ort, an dem sich Antisemitismus manifestiere, 73 Prozent den öffentlichen Raum, 71 Prozent die Medien und 70 Prozent die politische Debatte.

Drei Viertel der Opfer melden antisemitische Vorfälle nicht der Polizei.

Mehr als ein Viertel (28 Prozent) aller Befragten gaben an, im vergangenen Jahr ein oder mehrere Male antisemitischen Belästigungen oder Kommentaren ausgesetzt gewesen zu sein. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Teilnehmer erwartet, dass ihnen so etwas in den kommenden zwölf Monaten passieren wird. Zwei Fünftel der Befragten haben sogar Angst, Opfer gewalttätiger antisemitischer Angriffe zu werden, und ein Drittel vermeidet es zum Schutz der eigenen Sicherheit, jüdische Orte oder Veranstaltungen aufzusuchen.

Die Umfrage zeigt auch: Gerade in Deutschland gaben besonders viele Befragte an, als Juden unter Antisemitismus zu leiden. In den vergangenen fünf Jahren spürte mehr als die Hälfte (52 Prozent) der in Deutschland lebenden Teilnehmer den Judenhass am eigenen Leib, 41 Prozent der Befragten in Deutschland gaben sogar an, im vergangenen Jahr mindestens einmal eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben. Im EU-Durchschnitt waren dies deutlich weniger. Beide Werte liegen weit über dem EU-Schnitt von 39 beziehungsweise 28 Prozent.

46 Prozent der Juden in Deutschland vermeiden es dem Bericht zufolge, gewisse Gegenden in ihrer Umgebung aufzusuchen.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte der »Bild«-Zeitung: »Vor dem Hintergrund unserer Geschichte sind antisemitische Vorfälle in Deutschland ganz besonders schwerwiegend. Wir müssen alles daransetzen, diese traurige Spitzenreiterposition wieder loszuwerden.«

SYMBOLE Der Erhebung zufolge würden 75 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten manchmal, häufig oder immer auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit verzichten. 46 Prozent der Juden in Deutschland vermeiden es dem Bericht zufolge, gewisse Gegenden in ihrer Umgebung aufzusuchen.

Unzufriedenheit herrscht auch mit der Politik: Sieben von zehn der befragten europäischen Juden finden, dass ihre Regierungen im Kampf gegen den Antisemitismus nicht effektiv genug vorgehen. Bei der Bewertung der staatlichen Anstrengungen in Bezug auf den Schutz jüdischer Einrichtungen gehen die Ansichten dagegen auseinander: Während in Belgien, Dänemark und Italien mehr als drei Viertel der Befragten mit ihren Regierungen zufrieden sind, äußern Teilnehmer aus Polen und Schweden deutliches Missfallen.

Wenig überraschend ist die Bedeutung des Themas »Israel« für die Wahrnehmung der eigenen Sicherheit. In neun der zwölf EU-Länder gab eine Mehrheit der Befragten an, der arabisch-israelische Konflikt spiele eine wichtige Rolle.

Besonders in Belgien und Frankreich gaben mehr als 85 Prozent der Umfrageteilnehmer an, der Nahostkonflikt habe indirekt Auswirkungen auf ihre persönliche Sicherheit. In Deutschland waren es immerhin 73 Prozent, die dies so sahen.

Die Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte ist die zweite dieser Art, die die Erfahrungen von Juden mit Antisemitismus in der EU untersucht. (mit epd)

Mehr dazu lesen Sie in der nächsten Printausgabe am Donnerstag.

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  13.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

USA

Aus dem »Deep Shtetl« zur »New York Times«

Yair Rosenberg soll es richten. Der Journalist schreibt fortan über jüdisches Leben und Antisemitismus in den Vereinigten Staaten

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Nachruf

Louise Lasser, die Frau, die Mary Hartman erfand, ist tot

Die Schauspielerin vertrat Barbra Streisand auf dem Broadway und war mit Woody Allen verheiratet. Sie wurde 87 Jahre alt

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026