Griechenland

Im Zeichen der Zedaka

Für jeden gibt es nur 60 Euro: Schlangestehen vor einem Bankautoamt in Athen Foto: dpa

Nun ist es also vollbracht. Griechenland hat sich am Montagmorgen mit den europäischen Verhandlungspartnern einigen können. Was das Ergebnis für das Land und seine Bürger bedeutet, wird man erst in den kommenden Wochen sehen. Ärmeren Griechen und den finanzschwachen Kommunen haben die vergangenen Monate stark zugesetzt. Vor allem, als vor zwei Wochen die Banken geschlossen wurden. Seitdem stehen viele Bürger oft ratlos vor den Geldautomaten.

Die geschlossenen Banken machen auch vielen griechischen Juden zu schaffen – selbst jenen, die direkt von den Gemeinden finanziell unterstützt werden. Denn auch die Organisationen im Land dürfen pro Tag nicht mehr als 60 Euro abheben.

Während die jüdischen Gemeinden in den Großstädten Thessaloniki und Athen gut für die Versorgung der älteren Mitglieder sorgen konnten, wäre ein Auskommen für viele Mitglieder von Kleinstadtgemeinden ohne die Solidarität von Familie, Freunden und Verwandten kaum möglich gewesen.

Victor Eliezer, der frühere Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Griechenland, will dennoch den Teufel nicht an die Wand malen: »Wir sind gut organisiert, und zwar in allen Gemeinden in ganz Griechenland. Wir lassen niemanden allein.« Die Gemeinden in Athen und Thessaloniki kümmern sich traditionell auch um die anderen Gemeinden im Land, zum Teil mit finanzieller Unterstützung von jüdischen Organisationen aus dem Ausland.

Überlebende Im »Resteion«, einem jüdischen Altersheim in Athen, sind heute viele der griechischen Holocaust-Überlebenden zu Hause. Die Einrichtung nimmt nicht nur jüdische Senioren auf, sondern auch griechisch-orthodoxe. Zurzeit sind von den 56 Bewohnern 15 jüdisch. Um sie kümmert sich Monis Halegoua. Er bittet Journalisten darum, die Situation nicht zu dramatisieren: »Wir sind in der gleichen Situation wie alle Griechen«, sagt er im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Eine unserer Stärken – das ist in den vergangenen Jahren immer wieder klar geworden – ist die Solidarität, und das auf allen Ebenen. Da können andere Völker von uns lernen.«

Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde betonen, dass sie neben den wirtschaftlichen noch ganz andere Probleme haben. Sie beobachten voller Sorge das Erstarken der Rechtsradikalen. Die Neonazi-Partei »Goldene Morgenröte« ist die drittstärkste Partei im griechischen Parlament. Und man befürchtet, dass sich den Rechtsextremen noch mehr griechische Bürger zuwenden werden, wenn es Ministerpräsident Alexis Tsipras nicht gelingt, der Wirtschaft auf die Beine zu helfen.

Allein schon deshalb wäre ein Austritt Griechenlands aus dem Euroraum, den Rechtsextreme immer lauter fordern, für die Juden eine große Gefahr. Denn gerade die kleinen jüdischen Gemeinden auf dem Land erlebten in den vergangenen Jahren immer wieder, wie Rechtsradikale Anschläge auf Gedenkstätten verübten. So geschehen zum Beispiel in der Kleinstadt Ioannina, der Heimatstadt des Chefs der Goldenen Morgenröte, Michalis Michaloliakos. Dort gibt es heute eine kleine jüdische Gemeinde. Aber einst war Ioannina die Hochburg der Romanioten, jener Juden, die aus der hellenistischen Epoche übrig geblieben sind. Ihre Wurzeln reichen bis zur Zeit von Alexander dem Großen zurück, also gut 2300 Jahre.

Überaltert Die meisten der 45 Gemeindemitglieder in Ioannina sind heute über 90. So auch die Mutter von Isaak Lagaris, der als Ökonomiedozent an der örtlichen Uni arbeitet. Seine 94-jährige Mutter könnte ohne seine finanzielle Unterstützung nicht überleben, ganz gleich, ob die Banken offen sind oder geschlossen. Andere Mitglieder haben keine Verwandten mehr.

Ohne die Gemeinde und dessen Vorsitzenden, den Arzt Moses Elisaf, wüssten viele Ältere nicht, was sie tun sollten. »Solidarität ist ein wichtiges Wort in diesen Tagen«, sagt Isaak Lagaris und spricht über das, was Moses Elisaf tut: »Zweimal die Woche macht er Hausbesuche bei kranken Patienten, in ganz Ioannina, und ohne Geld dafür zu verlangen.« Ob mit oder ohne Euro, bekräftigt Lagaris, alle Griechen werden es in den nächsten Jahren sehr schwer haben.

»Das Problem der geschlossenen Banken ist nicht das wirkliche Problem«, sagt John Kalef Ezra mit forscher Stimme am Telefon. Auch er ist Dozent in Ioannina. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Phänomen des Rassismus in Griechenland – und muss mit Schrecken feststellen, dass es ihn durch alle Altersgruppen und politischen Gesinnungen hindurch gibt.

Ezra gehört zu den wenigen Juden in Griechenland, die ganz bewusst in die Provinz gezogen sind. »Wir müssten uns insgesamt viel mehr darum bemühen, als Gemeinde zu wachsen«, fordert Ezra. »Doch leider folgen wir dem demografischen Schicksal ganz Griechenlands. Auch wir werden von Jahr zu Jahr weniger – und das, obwohl seit 2011 alle jüdischen Griechen im Ausland und deren Nachkommen die griechische Staatsbürgerschaft bekommen können.

Mindestrente Die kleine Industriestadt Volos bildet das Tor zur Pilionhalbinsel in Mittelgriechenland. Eine Anfrage beim Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Marcel Solomon, zur Situation seiner Gemeinde bringt ähnliche Einsichten: Die Hälfte der rund 100 Mitglieder sind Rentner und zum Teil um die 90 Jahre alt. Aber auch in Volos helfen die Jüngeren. Wer keine Kinder hat und nur die Mindestrente von 360 Euro im Monat erhält, wird von der Gemeinde finanziell unterstützt.

Ähnlich verhält es sich in der nordgriechischen Kleinstadt Trikala. Als Matathia Varuh die ersten Worte spricht, ist klar, dass der Mann noch keine Ruhe kennt. Der 70-Jährige ist einer von 30 Mitgliedern der örtlichen jüdischen Gemeinde. Sie besteht vorwiegend aus Witwen im Alter zwischen 70 und 80 Jahren, aber es gibt auch vier Familien. «Wir kennen uns alle gut und helfen uns gegenseitig. Unser Leben verläuft hier friedlich», erklärt Varuh. «Bei uns ist die Krise nicht stärker zu spüren als anderswo im Land. Geld brauchen wir immer – aber nicht für uns selbst, sondern für unsere Synagoge und den Friedhof. Wir sind die letzten Sefarden und Romanioten in dieser Region.»

Viele Juden haben Trikala nach dem großen Erdbeben 1954 verlassen. Andere sind sogenannte Mischehen eingegangen. Matathia Varuh spricht einen innigen Wunsch aus: «Ich würde es gerne noch erleben, dass die Gemeinde wieder wächst.» In den vergangenen Jahren habe der Bürgermeister von Thessaloniki viele Touristen aus Israel in die Stadt geholt. «Ich würde für sie gern Tagestouren nach Trikala anbieten», sagt Varuh. «Vielleicht entscheidet sich ja der eine oder andere dafür, hier zu leben. Mein Heimatstädtchen ist auch in der Krise sehr lebenswert.»

Interview

»Die Situation in Irland ist besonders dramatisch«

Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über seine jüngsten Besuche in Irland und Großbritannien und die Zusammenarbeit innerhalb der J7-Gruppe der großen jüdischen Gemeinden weltweit

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

London

Jüdinnen auf offener Straße angegriffen

Die Opfer wurden im Stadtteil Clapton Common ins Gesicht geschlagen

von Imanuel Marcus  21.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026