Nachruf

»Ich hatte nie Angst«

Ágnes Heller (1929–2019) Foto: dpa

Noch im Frühjahr dieses Jahres empfing Ágnes Heller uns im Flur ihrer Budapester Wohnung. Ein beiger Wollmantel lag bereit, sie griff die Handtasche, und schon ging es los. Mit kleinen wippenden Schritten balancierte die zierliche alte Dame kurze Zeit später über Treppen, Bordsteine und sonstige Wagnisse zwischen Straße und Schiene. Sie nehme immer die Bahn, erklärte sie mit couragiertem Ton, »eine wunderbare Strecke die Donau entlang, eine der schönsten, die ich kenne«.

Dabei wäre ihr ebendiese Donau im Alter von 14 Jahren beinahe zum Verhängnis geworden. Die Bahn passiert das Mahnmal der »Schuhe am Donauufer«, wo ungarische »Pfeilkreuzler« 1944 bis zu 3600 jüdische Ungarn zusammentrieben und erschossen. Sie habe Glück gehabt, sagte Ágnes Heller an diesem Nachmittag in Budapest, denn jedes Mal, kurz bevor sie an der Reihe sein sollte, war die Munition alle.

GHETTO Später sollte es Ágnes Heller gelingen, auf dem Weg zum Ghetto zusammen mit ihrer Mutter zu fliehen – sie sprangen kurzerhand in eine offene, überfüllte Straßenbahn. Die Menschentraube öffnete sich, ließ die beiden Flüchtenden ein und umschloss sie in dem sicheren Kreis der anonymen Menge. Bewaffnete und Aufsichtspersonen trauten sich nicht, von außen hinein zu schießen. »Mit dieser Straßenbahn sind wir Auschwitz entkommen«, erinnerte sich Heller.

Ágnes Heller war auch im Alter neugierig geblieben auf Menschen, auf Wissen, auf Bücher, auf das Denken überhaupt.

Für ihren Vater galt das nicht, er wurde deportiert. Dabei war gerade er es, der die Tochter prägte und motivierte, mit ihr Politik besprach und Zeitung las. Irgendwann stellte er fest, seine Tochter solle später beruflich etwas anderes machen, auf jeden Fall nichts Typisches für Mädchen, vielleicht etwas mit Politik oder Philosophie. Ihr Vater war ihr großes Ideal: »Alles, was ich später über Moralphilosophie geschrieben habe, habe ich von meinem Vater gelernt, obwohl er es gar nicht so genannt hat«, sagte sie. »Er war ein guter und ehrlicher Mensch.«

»Mit 15 war ich schon erwachsen«, sagte die Philosophin bei unserem Treffen knapp und kniff die Lippen zusammen. Ihr Gesicht war ernst, die braunen Augen wach, der Blick liebevoll. Ágnes Heller war auch im Alter neugierig geblieben auf Menschen, auf Wissen, auf Bücher, auf das Denken überhaupt. Es faszinierte sie, wenn jemand seine Gedanken exakt ausdrückt, um zu erklären, was ihn umtreibt. Sie war ein politischer Mensch, ein unbequemer Mensch.

PLATTENSEE Nun, knapp zwei Monate nach diesem Treffen in Budapest und kurz nach ihrem 90. Geburtstag, ist Ágnes Heller am Freitagabend gestorben. Nach Angaben des ungarischen Portals »444.hu«, das sich auf Augenzeugen beruft, schwamm sie im Plattensee‐Bad Balatonalmadi hinaus und kehrte nicht mehr zurück.

Und so viel steht schon jetzt fest: Ágnes Heller war die letzte Grande Dame der Philosophie, die bedeutendste Intellektuelle ihrer Generation, und eine der überzeugtesten und überzeugendsten, leidenschaftlichsten und auch wirkmächtigsten Europäerinnen überhaupt.

Sie tauschte gern kluge Gedanken und Lebensweisheiten aus – und konterte gern auch mal mit Klartext, wenn Small Talk erwartet wurde.

Dabei war ihr beruflicher Weg zu keiner Zeit ein einfacher: Sie studierte zunächst Naturwissenschaften – ihr großes Vorbild war die Physikerin und Chemikerin Marie Curie. Als sie durch Zufall eine Vorlesung von Georg Lukács in Philosophie hörte, wechselte sie das Studium, blieb diesem Fach treu und promovierte später bei Lukács, der beruflich ihr Leben prägen sollte.

NEW YORK Doch Ágnes Heller kannte auch lange Durststrecken. Die Einladung, ab 1977 in Australien Philosophie zu lehren, war ein Rettungsanker in jeglicher Hinsicht. Für den unangepassten Freigeist war es damals viel zu eng in Ungarn geworden. Später wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt am Lehrstuhl für Philosophie der New School for Social Research in New York. Trotz allem war sie vor Kurzem wieder in ihre ungarische Heimat zurückgekehrt und wurde eine gefragte und geschätzte Gesprächspartnerin.

Ihr Verhältnis zum Judentum beschrieb Ágnes Heller so: »Das Judentum ist für mich eine wichtige Religion geworden. Ich habe etwas vom Judentum gelernt – es ist eine Religion, in der es kein ›Credo‹ gibt: Es ist nicht obligatorisch, an etwas zu glauben. Wenn man nicht alle Gesetze einhält, ist man noch immer ein guter Jude. Es ist eine hermeneutische Religion: Es gibt heilige Texte. Ein wenig wie in der Philosophie, wo Aristoteles, Platon und Kant in einer Weise heilige Texte sind. Aber wir alle können sie interpretieren, wie sie sind. Ich glaube, dass das Judentum unter den Religionen sehr nah an der Philosophie ist.«

Jeder noch so kleine Dialog wurde für Ágnes Heller eine Einladung zum Philosophieren – sie tauschte gern kluge Gedanken und Lebensweisheiten aus und konterte gern auch mit Klartext, wenn Small Talk erwartet wurde. Komplizierte Fragen beantwortete sie keineswegs mit medial geschmeidigen Formeln. »Ich habe lange nachgedacht, worauf man eine moderne Ethik aufbauen kann. Da habe ich Kant recht gegeben: Auf Tugenden kann man sie nicht aufbauen«, sagte sie einmal. Denn die Interpretationen der Tugenden würden sich mit der Zeit verändern. Was gestern eine Tugend war, sei heute ein Laster geworden.

WAHRHAFTIGKEIT Ebensowenig könne man Ethik auf Zielen gründen. Denn was für den einen Menschen gut sei, sei für den anderen das Gegenteil. »Einer mag es, wenn keine Migranten nach Ungarn kommen, für den nächsten ist es gut, wenn alle Menschen religiös sind, für den übernächsten, wenn es nur heterosexuelle Ehen gibt. Was also ist gut? Vielleicht ist nicht immer gut, was wir für wahr halten, aber wir müssen immer aussagen, was wir für wahr halten, und sollten mindestens uns selbst nicht belügen.« Philosophie sei die Suche nach der Wahrhaftigkeit. »Wer mit der Feder lügt, ist kein Schriftsteller oder Philosoph.«

Ungarns Premier Viktor Orbán »vergifte« die Seele des Volkes »mit Hass und Furcht«. Heller bezeichnete ihn als Diktator und Tyrann.

Wie dachte sie über die Gegenwart? Über Politik in Ungarn? Seit Jahren kritisierte sie den Politikstil von Premierminister Viktor Orbán. Dieser »vergifte« die Seele des Volkes »mit Hass und Furcht«. Sie bezeichnete ihn als Diktator und Tyrann, betonte aber: »Ungarn ist keine Diktatur.« Auch mit 90 Jahren nahm sie kein Blatt vor den Mund, steckte Kritik und persönliche Anfeindungen ein und betonte, um sich selbst sei sie weniger besorgt, »aber um Ungarn«. Das populistische Hetztreiben der Rechtspopulisten dieser Welt erzürnte und empörte sie zutiefst, aber Schweigen war für sie nie eine Option.

Ihr Lebensmotto: niemals Angst haben. »Ich hatte nie Angst. Ich glaube, Angst ist eine schlechte Motivation und ich glaube immer, dass das Schlechteste Menschen passiert, wenn Sie Angst haben.«

FEHLER »Ich habe im Leben nichts bereut«, sagte die Philosophin. Natürlich habe sie auch schlechte Entscheidungen getroffen, diese dann aber auch geändert. »Man kann immer Dinge zum Besseren wenden, auch wenn man einen Fehler gemacht hat.«

Noch vor Kurzem hatte sie angefangen, ein neues Buch zu schreiben. Es sollte ein Werk über Tragödie und Philosophie werden – »eine parallele Geschichte, eine europäische Geschichte – die einzige europäische Geschichte, denn Philosophie und Tragödie wurden in Europa erfunden, in Athen.« Es schien, als ginge ihr der Stoff zum Denken und Schreiben niemals aus. Ideen gab es mehr als genug, immer wieder neu befeuert durch die Frage nach der Wahrheit. Vor Jahren sagte sie einmal: »Ich will nichts Altes denken, lieber etwas Neues.«

Was einst von ihr bleiben werde, solle die Nachwelt entscheiden, sagte sie vor einigen Monaten.

In ihrem autobiografischen Werk Der Affe auf dem Fahrrad: Eine Lebensgeschichte setzte sie sich mit Auschwitz und dem stalinistischen Gulag‐System auseinander. »Ich bin meinen Toten Rechenschaft schuldig«, kommentierte sie das Buch knapp. Und eines habe sie doch nicht gemeinsam mit Hannah Arendt: »Das Böse ist nie banal.«

FUSSNOTEN Was einst von ihr bleiben werde, solle die Nachwelt entscheiden, sagte sie vor einigen Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung. »Ich habe keine großen Erwartungen. Wir sind die Letzten, die noch Philosophie betreiben. Heutzutage sehe ich keinen, der dazu fähig wäre. Alle leben von Informationen, von Fußnoten.«

Doch Fußnoten seien philosophisch verdächtig. »Wenn ich mehr als eine einzige Fußnote auf einer Seite sehe, werde ich das Buch sicher nicht lesen. Denn ich glaube keiner Information – ich glaube Gedanken.« Zumindest in der Philosophie.

Lesen Sie mehr über Ágnes Heller in unserer Ausgabe am Donnerstag.

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