USA

»Ich habe sie alle umgebracht«

Der Multi-Millionär stammte aus einer Immobilien-Dynastie, aber jahrzehntelang schwelte Mord-Verdacht gegen Robert Durst. Jetzt ist er mit 78 Jahren gestorben. Er hinterlässt einen ungeklärten Fall

von Benno Schwinghammer, Christina Horsten  11.01.2022 15:44 Uhr

»Was zur Hölle habe ich getan?«: Robert Durst (1943–2022) Foto: imago images/ZUMA Press

Der Multi-Millionär stammte aus einer Immobilien-Dynastie, aber jahrzehntelang schwelte Mord-Verdacht gegen Robert Durst. Jetzt ist er mit 78 Jahren gestorben. Er hinterlässt einen ungeklärten Fall

von Benno Schwinghammer, Christina Horsten  11.01.2022 15:44 Uhr

Die wohl berühmtesten Sätze von Robert Durst waren eigentlich nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Nach einem Interview für eine Dokumentarserie blieb das Ansteckmikrofon des exzentrischen US-Millionärs unbemerkterweise angeschaltet, während er zur Toilette ging.

Zwischen Wasserrauschen und Papierzerknüllen sprach er mit sich selbst. »Nun ist es so weit. Sie haben dich. Was für ein Desaster«, murmelte Durst bei den Aufnahmen für die 2015 erschienene HBO-Dokumentarserie »The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst«. »Was zur Hölle habe ich getan? Na klar - ich habe sie alle umgebracht.«

Die dahingemurmelten Sätze ließen Amerika den Atem anhalten - und gaben den Ermittlungen gegen den seit Jahrzehnten unter mehrfachem Mord-Verdacht stehenden Durst neuen Schwung. Im vergangenen Herbst wurde der Sohn einer der bekanntesten New Yorker Luxus-Immobilien- Dynastien wegen des Mordes an einer Freundin vor mehr als 20 Jahren zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. Kurz darauf wurde eine weitere Mordanklage gegen Durst eingereicht - fast 40 Jahre nach dem aufsehenerregenden Verschwinden seiner Ehefrau.

Doch zu diesem Prozess wird es nun nicht mehr kommen: Am Montag starb Durst im Alter von 78 Jahren in Kalifornien, wie sein Verteidiger Chip Lewis mitteilte. Durst habe sich im Gewahrsam der Justiz befunden und sei an natürlichen Ursachen gestorben. Der Millionär war schon länger gesundheitlich angeschlagen gewesen. Im Gericht war der unter anderem an Blasenkrebs erkrankte Durst im Rollstuhl erschienen, zwischenzeitlich war er auch an Covid-19 erkrankt.

Die Staatsanwaltschaft in Westchester (New York) zeigte sich angesichts des geplatzten neuen Prozesses gegen Durst wegen des Verschwindens seiner Ex-Partnerin Kathie McCormack Durst 1982 enttäuscht. »Nach 40 Jahren Suche nach Gerechtigkeit für ihren Tod weiß ich, wie bestürzend diese Nachricht für Kathleen Dursts Familie sein muss«, teilte Bezirksstaatsanwältin Miriam Rocah mit. Man habe der Familie mit der Klage Gelegenheit geben wollen, um mit der Sache abzuschließen. In den kommenden Tagen wollen die Ankläger dennoch neue Informationen über den Fall veröffentlichen.

Durst sei ohne Reue für sein Tun gestorben, zitierte der US-Sender NBC aus einer Erklärung von John Lewin, dem stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles County. Lewin hatte 2021 gegen den Immobilienbaron wegen des Mordes an seiner engen Freundin Susan Berman erfolgreich Prozess geführt. »Bis zum Schluss war er feindselig, reuelos und unerbittlich«, schrieb Lewin demnach. »Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei seinen Opfern.«

Die Geschichte des 1943 in New York geborenen Durst ist gruselig, aber auch tragisch: Als ältestem Sohn einer New Yorker Immobilien- Dynastie war ihm ein Leben in Reichtum gewiss, doch Glück kam nicht dazu. Seine Mutter starb, als er sieben Jahre alt war. Mit seinem Bruder Douglas stritt er ständig - und der Konflikt eskalierte, als der Vater Douglas dem älteren und eigentlich als Nachfolger an der Spitze des Familien-Imperiums vorgesehenen Robert vorzog.

Zuletzt war Robert Durst mit dem Rest seiner jüdischen Familie vollständig zerstritten und verfeindet gewesen. Er sei schon immer sicher gewesen, dass sein Bruder schuldig an den Morden sei, sagte Douglas Durst einmal der »New York Times« - und er habe Angst vor ihm. »Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass - wenn er die Möglichkeit dazu hätte - er mich umbringen würde.«

Mit drei Morden wurde Robert Durst in Verbindung gebracht: 1982 verschwand seine Ehefrau Kathleen McCormack spurlos im US-Bundesstaat Vermont. Die Polizei geht davon aus, dass sie tot ist, auch wenn die Leiche der damals 29-Jährigen nie gefunden wurde. 2000 wurde Dursts enge Freundin Susan Berman ermordet in ihrem Haus in Kalifornien entdeckt. Ein Jahr später wurden Leichenteile von Morris Black gefunden, einem damaligen Nachbarn von Durst in Texas.

In allen drei Fällen wurde Durst verdächtigt und auch mehrfach befragt - aber lange nicht verurteilt. Im Fall von Blacks Ermordung kam er vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Durst gestand, den Nachbarn getötet und zerstückelt zu haben. Laut Staatsanwaltschaft wollte Durst die Identität des Mannes stehlen, um den Ermittlungen zum Verschwinden seiner Frau zu entgehen. Die Tötung sei in Notwehr erfolgt, verteidigte sich Durst - und bekam Recht.

Danach versuchte er immer wieder, den Justiz-Behörden zu entkommen - floh durch die gesamte USA, checkte unter falschen Namen in Hotels ein und soll sich zeitweise sogar als taube Frau verkleidet haben. Erst im vergangenen Jahr fand dieser Krimi mit der Verurteilung wegen Mordes an Susan Berman ein Ende. Die Geschworenen sahen es als erwiesen an, dass Durst sie in der Weihnachtszeit im Jahr 2000 in ihrem Haus in Beverly Hills erschoss.

Die berühmten Sätze aus der HBO-Dokumentation brachten diesen Mordprozess zwar in Gang - der Schuldspruch basierte dann aber letztendlich nicht darauf. Die Abschriften der Tonaufnahmen vor Gericht zeigten nach Medienberichten, dass die Zitate zusammengefügt und bearbeitet worden waren, um sie in eine andere Reihenfolge und einen anderen Kontext zu bringen.

Buenos Aires

Jüdische Gemeinde erinnert an Amia-Anschlag vor 30 Jahren

Die Schiiten-Miliz Hisbollah soll das Attentat vor 30 Jahren auf das Gemeindehaus Amia verübt haben

 18.07.2024 Aktualisiert

Moskau

So viele Russen sind seit Kriegsbeginn nach Israel geflüchtet

Russlands Angriffskrieg hat Millionen Ukrainer zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Aber auch Hunderttausende Russen haben das eigene Land verlassen - und die Dunkelziffer könnte noch höher sein

von André Ballin  18.07.2024

Argentinien

Warten auf Gerechtigkeit

Auch 30 Jahre nach dem tödlichen Anschlag auf das Gemeindezentrum von Buenos Aires finden Angehörige und Opfer keine Ruhe

von Andreas Knobloch  18.07.2024 Aktualisiert

Moskau

Masha Gessen in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt

Gessen stammt aus einer jüdischen Moskauer Familie und ist eine langjährige Kritikerin Putins

von Mascha Malburg  17.07.2024

USA

Auf das Leben und die Liebe!

Ruth Westheimer entkam als Kind der Schoa, kämpfte als Scharfschützin für Israels Unabhängigkeit und wurde als Sextherapeutin weltberühmt. Ihr Vermächtnis ist Lebendigkeit. Ein Nachruf

von Sophie Albers Ben Chamo  17.07.2024

J7 meets in Argentina

Jews worldwide »in the crosshairs« after 7 October

Representatives of the biggest Jewish communities are meeting in Buenos Aires to commemorate the victims of the AMIA attack 30 years ago

von Leticia Witte  17.07.2024

J7-Treffen in Argentinien

Juden stehen nach 7. Oktober weltweit »im Fadenkreuz« 

Sie treffen sich in Buenos Aires, um an die Opfer des Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum Amia vor 30 Jahren zu erinnern. Mit Blick auf heutigen Antisemitismus findet die Initiative »J7« deutliche Worte

von Leticia Witte  16.07.2024

Einblicke

Umfrage: Viele Juden in der EU haben Angst - und verstecken ihre Identität

Nach den vorliegenden Daten weicht auch Deutschland nicht vom negativen Trend ab

 15.07.2024

USA

Nach DNA-Test: Holocaust-Waise trifft erstmals Verwandte

Schalom Korai verlor seine Familie und wusste wenig über seine Herkunft

von Jeffrey Collins  15.07.2024