Affäre

Hart ins Gericht

Guter Strauss-Kahn, böser Strauss-Kahn? Auch französische Intellektuelle wie Gisèle Halimi, Jack Lang, Éric Zemmour und Bernard Henri-Lévy (v.l.n.r.) sind sich uneins. Foto: Frank Albinus

Vor einer guten Woche machten sich noch viele Juden in Frankreich die Hoffnung, Dominique Strauss-Kahn könnte im nächsten Jahr zum ersten Präsidenten mosaischen Glaubens gekürt werden. Nach der Anschuldigung versuchter Vergewaltigung und dem sich anschließenden Gerichtsverfahren ist daran nicht mehr zu denken. Ähnlich wie die französische Gesamtgesellschaft sind auch die Juden gespalten: Während einige auf die Unschuldsvermutung pochen und von Strauss-Kahns Behandlung durch amerikanische Justiz und Medien entsetzt sind, echauffieren sich andere über die augenzwinkernde Toleranz und den frauenfeindlichen Konsens der politischen Klasse. Wir dokumentieren einige Stimmen prominenter französischer Juden zum Fall Strauss-Kahn.

Der ehemalige Justizminister Robert Badinter, Ehemann der international bekannten Feministin Élisabeth Badinter, die ihrerseits Trauzeugin von Strauss-Kahn und dessen Frau Anne Sinclair war, schimpfte über die »willentliche mediale Hinrichtung« seines Parteikollegen. In Bezug auf die Fernsehbilder, die die Überführung des Angeklagten in Handschellen zeigten, kommentierte er: »Wenn man jemanden so erniedrigt, bevor man überhaupt weiß, was genau vorgefallen ist – wo bleibt da der Respekt vor der Unschuldsvermutung? Das ist eine mutwillige Zerstörung, das ist unwürdig und hat nichts mit der amerikanischen Justiz zu tun.«

Auch Jack Lang, früherer Kultur- sowie Bildungsminister, der seinen Vornamen der Anglophilie des Vaters verdankt, geht mit dem amerikanischen Rechtssystem hart ins Gericht: »Es ist nicht undenkbar, dass auf Seiten der Staatsanwaltschaft oder der Richterin der Wille besteht, sich an einem Franzosen, dem bekanntesten Franzosen, zu rächen. Diese Verbissenheit von Medien und Rechtsbehörden erinnert an Lynchjustiz.« Bezüglich der letzte Woche noch abgelehnten Freilassung auf Kaution äußerte er den umstrittenen Satz: »Jemanden nicht frei zu lassen, der eine hohe Kaution zu zahlen bereit ist, wo es doch keinen Toten gab, das kommt praktisch nie vor.«

Seit 25 Jahren mit Strauss-Kahn befreundet ist der Journalist Bernard Henri-Lévy. Auch er kritisiert die Inszenierung der Verhaftung durch Medien und Justiz: »Ich bin über den amerikanischen Richter zornig, der so getan hat, als wäre Strauss-Kahn ein Mann wie jeder andere und ihn der Meute von Bilder-Jägern vor dem Kommissariat in Harlem auslieferte. Ich bin zornig auf die New Yorker Boulevard-Presse, die Schande über ihren Berufsstand gebracht hat und ohne jede Rücksicht, noch vor jeder Klärung der Tatsachen, Dominique Strauss-Kahn als einen Kranken, einen Perversen, fast einen Serienkiller beschrieben hat. Über die westlichen Gesellschaften ist der puritanische Irrsinn gekommen.«

Die Feministin Gisèle Halimi ist über eine solche »Inschutznahme durch die Freunde Strauss-Kahns in der Linken« enttäuscht. Sie bewundert die Verhaftung als ein »Beispiel der Integrität und der Unabhängigkeit der amerikanischen Justiz. Ich bin sicher, dass diese Affäre, hätte sie sich in Frankreich abgespielt, unter Verschluss gehalten worden wäre. Man wird bald anfangen, das Privatleben des Opfers zu durchwühlen und ihre Aussagen infrage zu stellen, um sie zum Schweigen zu bringen. Der Respekt vor den Frauen muss wichtiger sein als die Kumpanei und der Geist des Clans.«

Auch der umstrittene konservative Fernsehkommentator Éric Zemmour greift die selbstgerechte Attitüde der sozialistischen Freunde Strauss-Kahns an: »Wir werden jetzt Zeuge der radikalen Gleichheit in den USA. Die Linken drehen die Moral, wie sie ihnen passt: Man müsste sich nur mal vorstellen, die Affäre beträfe Nicolas Sarkozy, was für einen Aufstand hätte es gegeben, wenn er – von allen als Präsident der Reichen beschimpft – sich an einem einfachen Zimmermädchen vergriffen hätte.« Oder, noch lustiger, Jean-Marie Le Pen: »Das Opfer war eine Schwarze, hätte man noch einen weiteren Beweis für seinen Rassismus gebraucht? Früher haben wir durch den Erfolg des French Lover unser Ego streicheln lassen, jetzt fühlen wir uns in unserem Patriotismus gekränkt.«

Daniel Cohn-Bendit, Fraktionsvorsitzender der Grünen im EU-Parlament und französische 68er-Ikone, zieht aus dem Skandal politische Schlüsse: »Ich habe Strauss-Kahn unterstützt, mit ihm verknüpfte sich die Hoffnung, Sarkozy schlagen zu können. Dabei habe ich aber alle Aspekte beiseite gelassen, die seine Persönlichkeit betrafen. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Die Linke hat einen guten Kandidaten verloren, aber es war eben nur abstrakt gesehen ein guter Kandidat. Politisch muss nun ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Strauss-Kahn wird nicht der Kandidat für die Präsidentschaftswahl sein.«

Der Menschrechtsanwalt Patrick Klugmann äußert sich betrübt über die möglichen Effekte für die Einstellung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Frankreich: »Auch wenn die Affäre sich nicht negativ auf uns ausgewirkt hat, gibt sie doch jenen unter uns Futter, die glauben, es wäre besser, sich aus der Politik herauszuhalten, weil Juden am Ende doch immer den Preis dafür zu zahlen haben. Das ist einfach traurig.«

Die offizielle Dachorganisation der französischen Juden in Frankreich, der Conseil Représentatif des Institutions juives de France (CRIF), verneinte in einer Stellungnahme jede antisemitische Färbung der Kommentare über die Affäre. »Weder in der Presse noch im Internet ließ sich im Rahmen der Verhaftung Strauss-Kahns irgendeine bemerkenswerte Erwähnung seiner Religion finden.« Ganz im Gegenteil: CRIF-Präsident Richard Prasquier blickt mit Stolz auf die bisherige Popularität Strauss-Kahns zurück und zieht daraus Rückschlüsse für das gesellschaftliche Klima: »Jeder wusste, dass er jüdisch war, was nichts daran geändert hat, dass er der beliebteste Kandidat war. Und das sagt etwas über Frankreich aus? Heute ist es vollkommen normal, dass ein Jude Präsident werden kann.«

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