Frau Ederberg, Sie sind gerade zur Präsidentin der »Rabbinical Assembly« gewählt worden. Was macht dieses Gremium?
Die »International Rabbinical Assembly of Conservative Judaism« ist ein Dachverband von mehr als 1600 Masorti-Rabbinern und -Rabbinerinnen weltweit. Wir arbeiten über die ganze Welt verteilt, eine Mehrheit jedoch in den USA, wo ungefähr 1300 unserer Mitglieder tätig sind. Wir sind quasi ein Berufsverband konservativer Rabbiner. Das heißt: Wir schauen, was gemeinsame Themen sind, organisieren Seminare und Fortbildungen. Es geht auch um praktische Dinge wie Modellarbeitsverträge oder die Schlichtung von Konflikten.
Sie sind die erste Europäerin an der Spitze des Gremiums …
Und auch die Erste, die nicht aus Nordamerika oder Israel kommt! Auch die Kolleginnen und Kollegen aus Südamerika, wo ich selbst gelebt habe und die Mehrheit der Gemeinden Masorti sind, haben sich über meine Wahl gefreut. In den europäischen Gemeinden ist die Masorti-Bewegung hingegen für viele noch etwas Neues, wir sind erst dabei, Strukturen aufzubauen, und begegnen vielen Menschen, die ihr Judentum neu entdecken und sich bewusst damit auseinandersetzen wollen. Sie möchten verstehen, warum sie etwas tun – nicht nur gesagt bekommen, dass sie es tun sollen. Masorti bringt diese Offenheit mit sich.
Und das ist in den USA anders?
Dort sind die Masorti-Gemeinden etabliert, oft groß, mit hervorragender Infrastruktur – aber auch mit umfangreichen Verwaltungsstrukturen, die Veränderungen manchmal schwerer machen. Für jüngere Menschen ist es nicht immer attraktiv, in eine Synagoge zu gehen, die noch genauso funktioniert wie zu Großelterns Zeiten. Die US-Rabbiner können also einiges von dem Elan lernen, den wir mitbringen. Ich will ihnen zeigen, wie spannend und lebendig unser Ansatz ist. Es geht nicht nur darum, Bestehendes zu verwalten, sondern darum, neue Wege zu gehen. Für die nächsten zwei Jahre habe ich mir vorgenommen, dass wir uns globaler und auch diverser aufstellen.
Woran wollen Sie konkret arbeiten?
Etwa 40 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen arbeiten nicht als klassische Gemeinderabbiner, sondern zum Beispiel in Schulen, jüdischen Organisationen oder als Krankenhausseelsorger. Ich will dieses vielfältige Rabbinat unterstützen.
Was bedeutet der Vorsitz für Deutschland?
Viele meiner internationalen Kollegen kennen Deutschland als den Ort, an dem das moderne Judentum seinen Anfang genommen hat … und sein bitteres Ende fand. Die Präsidentschaft gibt mir die Chance, zu zeigen: Es gibt uns hier wieder, wir sind lebendig, und wir sind ein ganz normaler Teil der weltweiten jüdischen Gemeinschaft. Gleichzeitig können wir vorsichtig an die deutsche jüdische Tradition anknüpfen – und feststellen, dass viele der damaligen Debatten erstaunlich aktuell sind.
Mit der Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Berlin sprach Mascha Malburg.