Russland

Gewissensfrage

Mehr als 12.000 russische Juden haben seit Anfang März Alija gemacht. Foto: Flash90

Mindestens 300.000 Menschen haben Russland seit dem Angriff auf die Ukraine Ende Februar verlassen. Welches Ziel sie wählen, hängt nicht zuletzt von den individuellen finanziellen Ressourcen und den lokalen Einreisebestimmungen ab. Viele finden in der Türkei Zuflucht, meist jedoch in einer der ehemaligen Sowjetrepubliken wie Armenien, Georgien oder Usbekistan.

Wer jüdische Wurzeln nachweisen kann und eine Perspektive für einen gesicherten langfristigen Aufenthalt sucht, dem stehen alle Türen offen, sich in Israel niederzulassen. Mehr als 12.000 Menschen haben in den vergangenen zwei Monaten von dieser Option Gebrauch gemacht.

UMFRAGEN Bereits im vergangenen Jahr war die Bereitschaft auszuwandern in Russland sprunghaft angestiegen, wie das Moskauer Levada-Zentrum in Umfragen herausgefunden hat. Im Vordergrund standen überwiegend wirtschaftliche Beweggründe, während besonders gefährdete Personen, die aufgrund ihrer politischen Haltung das Land verließen oder verlassen mussten, eine Minderheit darstellten.

Bereits im vergangenen Jahr war die Bereitschaft auszuwandern in Russland sprunghaft angestiegen.

Diese allgemeine Tendenz machte sich auch in Israel bemerkbar, wo sich allein im Zeitraum zwischen 2017 und 2019 die Zahl der Neuankömmlinge aus Russland von 7260 auf rund 15.000 mehr als verdoppelt hat. Erfasst werden allerdings nur jene, die sich auf ihr Rückkehrrecht berufen und die israelische Staatsbürgerschaft annehmen. Und längst nicht alle, die ankamen, sind auch im Land geblieben.

Mit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine ist eine völlig neue Situation entstanden. Viele russische Juden sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem sie einen weiteren Verbleib in Russland als existenzielle Gewissensfrage betrachten. Da sich unter den neuen Emigranten auffallend viele Akademiker befinden, wird gern der Vergleich mit der Aktion »Philosophenschiff« bemüht, bei der die bolschewistischen Machthaber 1922 zahlreiche missliebige Intellektuelle des Landes verwiesen.

Heute darf jeder die Entscheidung zu gehen nach eigenem Ermessen treffen, wenngleich nicht ganz ohne Zwang. Denn wer der sogenannten militärischen Sonder­operation von Russlands Präsident Wladimir Putin kritisch gegenübersteht und mit seiner Denkweise nicht zurückhält, muss mit der Entlassung rechnen, schlimmstenfalls sogar mit einem Strafverfahren wegen Verunglimpfung der russischen Streitkräfte. Viel braucht es dafür nicht – es reicht ein unvorsichtig formulierter Beitrag in einem der sozialen Netzwerke.

KONSULAT Die israelischen Behörden haben auf diese Entwicklungen mit erheblichen Erleichterungen bei der Einreise reagiert. Was zunächst lediglich für aus der Ukraine Geflüchtete gedacht war, wurde kürzlich auch auf Juden mit russischem Pass ausgeweitet. Nach der Anmeldung beim zuständigen Konsulat muss online ein Formular ausgefüllt werden.

Fällt die Prüfung der Angaben positiv aus, steht der Ausreise nichts mehr im Weg. Wer ankommt, erhält eine kostenlose Unterkunft und hat Anspruch auf medizinische Versorgung, noch bevor das Einbürgerungsverfahren abgeschlossen ist. Wartezeiten von mehreren Monaten im Heimatland wollen und können jedoch nicht alle in Kauf nehmen. Deshalb darf die Übersiedlung ins Gelobte Land auch als Tourist mit einem One-Way-Ticket erfolgen.

Unter den Neueinwanderern sind auch Fernsehstars wie die legendäre Schlagersängerin Alla Pugatschowa und ihr Mann Maxim Galkin.

Unter den Neueinwanderern sind auch Fernsehstars wie die legendäre Schlagersängerin Alla Pugatschowa und ihr Mann Maxim Galkin. Der aus einer jüdischen Offiziersfamilie stammende Unterhaltungskünstler wirbt mit Anzeigen für eine Reihe von Auftritten in Israel ab Juni, was die russischsprachige Community mit einer reißenden Nachfrage nach Eintrittskarten honoriert.

Auf eine begeisterte Zuhörerschaft in Israel trifft auch der für seine provokativen Auftritte bekannte Publizist, Politikberater und Kriegsgegner Stanislaw Belkowskij. Er begleitete das Team der früheren Präsidentschaftskandidatin Ksenija Sobtschak, die bei den Wahlen 2018 gegen Amtsinhaber Putin antrat. Auch sie habe inzwischen einen israelischen Pass bekommen, berichtet die Zeitung »Haaretz«. Sobtschak ließ diese Nachricht unkommentiert. Sie habe in Israel lediglich ihren Urlaub verbracht und lebe weiterhin in ihrem Haus vor den Toren Moskaus.

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