USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Seit Wochen richtet sich die Aufmerksamkeit der Welt auf Minneapolis. Eine der größten Städte des Mittleren Westens ist nicht wiederzuerkennen, seit die Anti-Immigrations-Behörde ICE der Trump-Regierung hier täglich Einwanderungsrazzien durchführt. Nach der Erschießung der beiden US-Bürger Renee Good und Alex Pretti hat die öffentliche Empörung in den gesamten USA einen Höhepunkt erreicht.

Seit den ersten tödlichen Schüssen findet der demokratische Bürgermeister der Stadt, Jacob Frey, starke Worte gegen ICE, die illegale, aber auch legale Einwanderer aufspürt und festnimmt. »Get the fuck out of Minneapolis« – verschwindet verdammt nochmal aus Minneapolis, rief er in die Fernsehkameras. Eine »Invasion« nannte es der 44-Jährige in der »New York Times«. Das müsse aufhören.

Minneapolis und auch die Schwesterstadt St. Paul auf der östlichen Seite des Mississippi sind »Sanctuary Cities«. Die städtische Polizei arbeitet nicht mit Bundesbehörden zusammen, um Immigranten auszuliefern, auch keine illegalen und keine Straftäter. Das ist nicht ungewöhnlich für demokratisch regierte Großstädte. Doch mittlerweile ermittelt das Justizministerium gegen Frey und auch den demokratischen Gouverneur Minnesotas, Tim Walz, wegen »Verschwörung«. Ihre öffentlichen Auftritte würden die ICE-Ermittlungen behindern, heißt es. »Das ist ein offensichtlicher Versuch, mich einzuschüchtern, weil ich für Minneapolis eintrete«, sagte Frey der New York Times.

Politischer Trashtalk perlt bisher an ihm ab

Nicht nur sein entschiedenes Eintreten gegen ICE bringt ihm Anfeindungen ein. Weil ein Verein somalischer Immigranten betrügerisch staatliche Gelder für Kindertagesstätten abgezweigt haben soll und die Stadt dem nicht schnell genug ein Ende bereitet habe, hat der erzkonservative Kommentator Matt Walsh Frey als »widerlichen Parasiten« beschimpft und dessen Frau gleich mitbeleidigt, indem er ihr vorwarf, sich persönlich bereichert zu haben. Milliardär Elon Musk nannte ihn einen »lächerlichen Esel«. Dieser politische Trashtalk perlt bisher an ihm ab.

Frey ist energisch, durchsetzungsstark und relativ jung. Mit 44 hat er schon eine längere Karriere hinter sich. Er will in der Sache fest bleiben, aber mauert nicht. Nach den zwei Toten von Minneapolis – eine 37-jährige Mutter von drei Kindern und ein ebenfalls 37-jähriger Krankenpfleger, beide US-Amerikaner – telefonierte Frey auf dessen Wunsch mit Präsident Donald Trump und bat ihn erneut, die ICE-Truppen abzuziehen. Das ist bisher nicht passiert, aber Einsatzleiter Gregory Bovino wurde abgelöst.

Dass Frey einmal Bürgermeister werden würde, war nicht Teil seines Karriereplans, schon gar nicht in Minnesota, dem lutheranisch-ländlichen »Heartland«, das einst von Immigranten aus Skandinavien und Deutschland »ersiedelt« wurde. Die Stadt gilt heute als linke Enklave. Al Franken, der frühere Komiker und spätere Senator aus Minneapolis, hat den Bundesstaat in Washington vertreten, desgleichen der liberale Senator Paul Wellstone, wie Franken jüdischer Herkunft.

Bagels mit Lachs am Sonntag

Frey wurde in Virginia geboren und wuchs in einem Vorort von Washington, D.C. auf. Seine Eltern waren professionelle Balletttänzer und seien nicht sonderlich religiös. »Aber meine Mutter nahm jüdische Tradition wie Bagels mit Lachs am Sonntag sehr ernst«, sagte Frey einmal der Wochenzeitschrift »Forward«. Er machte zunächst einen Bachelor-Abschluss in Geisteswissenschaften, wollte dann aber professioneller Marathonläufer werden.

Schließlich studierte er doch Jura und zog nach einem »summa cum laude«-Abschluss nach Minneapolis, wo er als Anwalt mit dem Fachgebiet Diskriminierung am Arbeitsplatz und Bürgerrechte praktizierte. Sein erstes politisches Amt übernahm er im Stadtrat von Minneapolis auf dem Ticket der Democratic-Farmer-Labor Party, die es nur in Minnesota gibt. In den 40er-Jahren gegründet, um Bauern gegen Agrarkonzerne zu unterstützen, ist die Farmer-Labor Party nun eine liberale Alternative zu den Demokraten.

2017 gewann Frey die Bürgermeisterwahlen. Seine Themen waren vor allem bezahlbarer Wohnraum und die Verbesserung der Beziehungen zwischen Polizei und Bevölkerung. Er wurde seitdem zweimal wiedergewählt. Frey will nochmals antreten, allerdings zum letzten Mal.

Er gilt als Progressiver, was in den USA mit Linker gleichzusetzen ist. Die Rechte von Minderheiten und – nach der Aufhebung von Roe vs. Wade – das Recht auf Abtreibung sind Kampfthemen in einer Zeit, da die Republikaner in der Bundesregierung und im Verfassungsgericht dabei sind, diese auszuhebeln. Frey hat dafür gesorgt, dass Minneapolis ein sicherer Hafen für reproduktive Rechte und Gesundheitsversorgung ist. Auch warnt er vor dem Klimawandel, was in einem Staat, wo die Temperaturen im Winter regelmäßig auf bis zu minus 30 Grad sinken, nicht einfach ist. In Bernie Sanders, dem langjährigen Senator aus Vermont, sieht er einen Verbündeten.

Bürgermeister zu werden, war nicht Teil von Jacob Freys Karriereplan.

Ein anderes Thema ist die Suburbanisierung, der er entgegenwirken will, weil die Landflucht der Bessergestellten, meist Weißen, die ethnische Segregation zementiere, so der Bürgermeister. Wie in vielen Großstädten der USA kommt es auch in Minneapolis zu Rassenunruhen. Frey war 2020 Bürgermeister, als ein weißer Polizist den Afroamerikaner George Floyd tötete. Er entließ die vier beteiligten Polizisten, widersetzte sich aber weitergehenden Forderungen, die Polizei ganz aufzulösen. Das brachte ihm Demonstrationen empörter Linker vor der eigenen Haustür ein.

Mehr als die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen spaltet derzeit der Nahostkonflikt die Politik in Minneapolis. Auch hier gab es an der Universität Proteste. Frey sprach sich gegen eine vom Stadtrat geforderte Amnestie für protestierende Studenten aus, die Sachschäden verursacht hatten. Auch als der Stadtrat beschloss, einen Waffenstillstand in Gaza zu fordern, legte er sein Veto ein. Er sei nicht gegen einen Waffenstillstand, aber der Stadtratsbeschluss sei einseitig und ignoriere die Existenz Israels, erklärte er. Das würde in einer ohnehin aufgeladenen Situation noch mehr Streit verursachen. Frey fühlt sich der jüdischen Tradition von »Tikkun Olam« verpflichtet, der Heilung der Welt.

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Mit seiner zweiten Ehefrau Sarah Clarke, ebenfalls Juristin und eine Lobbyistin für Bürgervereine und gemeinnützige Organisationen, gehört er einer Reformsynagoge an. Das Paar hat zwei Kinder, das jüngere ist erst sechs Monate alt und der Grund, warum Frey sich manchmal doch Sorgen macht, wenn er persönlich angegriffen wird oder Bürger vor seinem Haus aufziehen.

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