Polen

Geschichte vor Gericht

Der polnisch‐kanadische Historiker Jan Grabowski Foto: dpa

Der Prozess wird weltweit Schlagzeilen machen. Denn der Fall könnte auch in Absurdistan spielen. Doch wir sind in Polen, in Warschau, der Hauptstadt dieses schönen Landes. Hier taten sich 2013 einige wackere Herren zusammen und gründeten die Stiftung »Reduta. Festung des guten Namens – Liga gegen Verleumdung«.

Da die selbst ernannten Verteidiger des Rufes Polens vor allem im Ausland aktiv werden wollten, knüpften sie mit der englischsprachigen Bezeichnung »Polish League Against Defamation« an das amerikanische Vorbild an, die Anti-Defamation League (ADL) mit Sitz in New York. Seit nunmehr fünf Jahren suchen die Warschauer Reduta-Recken weltweit nach »Verleumdern des polnischen Volkes«, prangern diese lautstark an und zerren sie mitunter auch vor den Kadi. Doch nun schlägt einer der Verfolgten zurück.

Der renommierte polnisch-kanadische Holocaustforscher Jan Grabowski, selbst Sohn eines Schoa-Überlebenden, wirft Re­duta und 135 Unterzeichnern eines offenen Briefes gegen ihn genau das vor, was diese ihm vorwarfen: Verleumdung.

RUF »Natürlich nimmt niemand in den sogenannten gut informierten Kreisen Reduta ernst«, erklärt Grabowski in einem Interview mit dem polnischen Rechercheportal Oko.Press. »Doch diese Leute haben ihre Attacke auf meinen guten Ruf als Wissenschaftler nicht nur unter jenen verbreitet, die genau wissen, wer Maciej Swirski von der Reduta ist oder der stellvertretende Premierminister Piotr Glinski.« In Kanada und den USA entstehe der Eindruck, dass eine polnische Organisation sehr konkrete und ernst zu nehmende Vorwürfe gegen ihn erhebe.

»Reduta verschickt Briefe an Leute, mit denen ich beruflich eng verbunden bin, die aber nicht unbedingt Historiker sind oder sich gar mit der Geschichte des Holocaust beschäftigen«, erläutert Grabowski. So habe der Rektor seiner Universität in Ottawa zunächst wohl kaum etwas über polnische Nationalisten und ihre Methoden gewusst. Inzwischen seien der kanadische Uni-Rektor, fast alle Schoa-Forscher weltweit sowie zahlreiche Journalisten und interessierte Zeitgenossen darüber im Bilde.

Die Klage, die Grabowski nun beim Bezirksgericht in Warschau eingereicht hat, richte sich zum einen gegen Reduta selbst, zum anderen aber auch gegen jeden einzelnen der 135 Polen, die den offenen Reduta-Brief unterzeichnet haben. Die Wissenschaftler werfen dem Historikerkollegen aus Kanada das »Verbreiten von Lügen« und die »Rufschädigung des polnischen Staates« vor.

Während die Stiftung Reduta per Gerichtsurteil dazu gezwungen werden soll, sich öffentlich bei Grabowski in Presse, Radio und Fernsehen zu entschuldigen, sollen alle Unterzeichner des Briefes jeweils ein Exemplar des zweibändigen Werkes Und noch immer ist Nacht kaufen und der Bibliothek einer Mittelschule nach Wahl übereignen.

MORD Dieses Buch, in dem Grabowski und andere Mitglieder des Warschauer Zentrums für Schoa-Forschung die Ergebnisse ihrer mehrjährigen Archivarbeiten vorstellen, schildert vor allem Verrat, Raub und Mord von christlichen Polen an polnischen Juden. Ihr erschreckendes Ergebnis: Zwei von drei Juden, denen die Flucht 1942 oder 1943 gelang und die auf der Suche nach Hilfe und einem Versteck waren, kamen noch vor Kriegsende ums Leben – durch Verrat zumeist katholischer Polen an die Nazis oder durch direkten Mord. Organisationen wie die Dunkelblaue Polizei oder die Freiwillige Feuerwehr kollaborierten eng mit den deutschen Tätern. Aber auch polnische Partisanen erschossen immer wieder Juden auf der Flucht vor den Nazis.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass es im Krieg zwar katholische Polen gab, die unter Einsatz ihres Lebens Juden retteten, aber noch mehr Polen beim Judenmord gemeinsame Sache mit den Deutschen machten.

Diese bislang weitgehend unbekannten Fakten machen es unmöglich, weiterhin am Mythos der Polen als »Opfer und Helden des Zweiten Weltkriegs« festzuhalten. Zum Verleumdungsprozess gegen Reduta werden mit Sicherheit Beobachter aus aller Welt anreisen. Noch steht der Termin nicht fest.

Adam Edelman und Menachem Chen traten am Montag im Zweierbob für Israel an den Olympischen Winterspielen an.

Meinung

Eklat im Schweizer öffentlich-rechtlichen: Das RTS und der Israelhass

Der eigentliche Skandal ist die Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Senders. Eine Rundfunkanstalt sollte ihre publizistischen Leitlinien immer einhalten und auch bei Israel keine Ausnahme machen.

von Nicole Dreyfus  17.02.2026

Antisemitismus

In Andorra wird zum Karneval eine Israel-Puppe hingerichtet

In dem kleinen Fürstentum in den Pyrenäen wurde beim Karneval einer Puppe mit Davidstern der Prozess gemacht - die jüdische Gemeinschaft ist empört

 17.02.2026

Der israelische Bobfahrer Adam Edelman nimmt die Hasstiraden gegen seine Person gelassen und will sich auf den Wettkampf konzentieren.

Olympische Winterspiele

Sender verteidigt »Genozid«-Kommentar, nimmt ihn aber offline

Die politischen Einordnungen eines Schweizer TV-Kommentators bei der Abfahrt des israelischen Bobfahrers Adam Edelman sorgen für Debatten. Der Sender verteidigt sich, der Sportler sieht es gelassen

 17.02.2026

Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

In mehreren X-Posts griff Bill White die belgische Regierung scharf an, die wiederum sich die Einmischung verbat. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Boston

Dokumentarfilm-Pionier Frederick Wiseman gestorben

»Dokumentarfilme sind wie Theaterstücke, Romane oder Gedichte – sie haben keine messbare soziale Nützlichkeit«, sagte der Verstorbene einst. Er wurde 96 Jahre alt

 17.02.2026

Österreich

Wiener Oberrabbiner wandert nach Israel aus

Sechs Jahre leitete der gebürtige Schweizer Engelmayer mit einer internationalen Berufsbiografie die jüdische Gemeinde in Wien. Jetzt siedelt er mit seiner Familie nach Israel über

von Burkhard Jürgens  16.02.2026 Aktualisiert

Trauer

»Teheran«-Produzentin Dana Eden stirbt mit 52 Jahren

Sie wurde tot in ihrem Hotelzimmer in Athen aufgefunden

 16.02.2026

Bosnien-Herzegowina

Jüdischer Protest gegen rechtsextrexmen Sänger Thompson

Vergangenes Jahr hatte der kroatische Sänger Thompson mit einem Megakonzert in Zagreb einen Zuschauerrekord gebrochen. Bekannt ist er für rechtsnationalistische Auftritte. Jetzt provoziert er erneut

von Markus Schönherr  16.02.2026

»Imanuels Interpreten« (18)

Clive Davis: Der Produzent

Ohne die lebende Legende wäre die Welt um viele umwerfende Songs ärmer. Von Chicago über Whitney Houston bis hin zu Santana: Alle arbeiteten mit ihm

von Imanuel Marcus  16.02.2026