Polen

Geschichte auf Rädern

Der gelbe Doppeldeckerbus biegt in die Jerusalemer Allee ein, eine der Hauptverkehrsstraßen Warschaus. Die Sonne strahlt vom Himmel, Staubpartikel flirren in der Luft. Die Touristen im Bus zücken ihre Kameras, denn vor ihnen taucht wie eine Fata Morgana eine große Palme mit grünen Wedeln auf. Doch ehe sie sich versehen, sind sie selbst auch schon zum Fotomotiv geworden. Denn auf der Straße drücken die Passanten auf den Auslöser. Sie fotografieren den »Jerusalem‐Warschau‐Express«, wie sie die neueste Attraktion auf den Straßen der polnischen Hauptstadt nennen.

Auch Postkartenproduzenten bauen sich gern am Rondo de Gaulle mit der großen Kunstpalme auf. Wenn dann der gelbe Doppeldeckerbus mit der aufgemalten Menora an der Palme vorbeifährt, ist das für viele der Schnappschuss des Tages.

Bei der »Warsaw City Tour« handelt es sich um ein Joint Venture zweier Unternehmen aus Israel: die »Jerusalem City‐Tour«, eine Firma, die sich auf satellitengestützte Audio‐Leitsysteme spezialisiert, und Egged, Israels größtes Busunternehmen. Sie wollen künftig Touristen aus Israel und aller Welt vor allem Warschaus jüdische Seite zeigen.

aufspringen Anderthalb bis zwei Stunden dauert die Tour. Sie ist nach dem Hop‐on‐Hop‐off‐Prinzip konzipiert, sodass Touristen beispielsweise am Denkmal für die Helden des Ghettoaufstands 1943 aussteigen und sich auch gegenüber von den Baufortschritten für das Geschichtsmuseum der Juden Polens überzeugen können. Selbst das ehemalige jüdische Stadtviertel Muranow lässt sich noch erkunden. Zwei Stunden später geht es dann mit dem Bus weiter.

Ob es in Zukunft auch eine jüdische City‐Tour in Krakau, Lublin oder Lodz geben wird oder vielleicht in Breslau und Danzig, ist noch völlig offen. »Wir stehen ganz am Anfang«, sagt Maciej Lewandowski, der Marketingchef der Warsaw City Tour. »Wir müssen erst Erfahrungen sammeln, ob das Angebot in dieser Form angenommen wird, ob die Strecke den Erwartungen entspricht und ob wir vielleicht noch den Stadtteil Praga auf der anderen Weichselseite mit einbinden sollten.«

Audioguide Mit umgerechnet 20 Euro kostet die Sightseeing‐Tour genauso viel wie in anderen europäischen Städten. Die Touristen können zwischen zwölf Sprachen wählen. Nachdem jeder seinen Kopfhörer an der Decke über dem Sitz eingestöpselt hat, geht es los. Startpunkt ist Polens Nationalgalerie Zacheta, zu deren Gründungsmitgliedern der polnisch‐jüdische Maler Aleksander Lesser gehörte.

Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Warschauer Juden und ein paar Takten Musik kommt der Bus am Plac Bankowy an, dem Bankplatz. Das Band springt automatisch an: »Auf der rechten Seite können wir ein modernes Bürogebäude sehen – den Blauen Turm. Dies ist der Ort, wo sich die im 19. Jahrhundert errichtete Große Warschauer Synagoge befand. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg bis 1943, als der deutsche SS‐General Jürgen Stroop befahl, sie nach der Niederwerfung des Aufstands im Warschauer Ghetto in die Luft zu sprengen. Danach berichtete er nach Berlin: ›Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr.‹«

Wienerisch Da der Bus lange an der Ampel stehen muss, ist genug Zeit für weitere Informationen. Das Band springt wieder an. Eine weibliche Stimme mit Wiener Akzent erzählt: »Hinter dem heutigen Blauen Turm steht das Gebäude einer jüdischen Bibliothek aus der Vorkriegszeit. Diese beherbergte auch das Institut für jüdische Studien, dessen Sammlung von den Deutschen geplündert wurde. Nach dem Krieg wurde hier das Jüdische Historische Institut (Zydowski Instytut Historyczny) gegründet. Dort befindet sich unter anderem das konspirative Ringelblum‐Archiv des Warschauer Ghettos, vergraben in drei großen Milchkannen, von denen zwei nach dem Krieg gerettet werden konnten. Im Institut sind Ausstellungen zur jüdischen Kunst, zum Warschauer Ghetto und historische Filme zu sehen.«

Eugeniusz Szymonik, der Chef des Busunternehmens Mobilis, erklärt: »Die Warsaw City Tour soll zur neuen Visitenkarte Warschaus werden.« Mobilis investiert aber vor allem in den Ausbau städtischer Buslinien. Der Moment ist gut gewählt, da die polnische Regierung das Staatsunternehmen PKS in den nächsten ein bis zwei Jahren vollständig privatisieren will. Zu den Großeinkäufern gehören nicht nur französische und deutsche Busunternehmen wie Veolia und Arriva, sondern auch Egged aus Israel, dessen polnische Tochter Mobilis bereits über eine Busflotte von über 3.000 Fahrzeugen verfügt.

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