Frankreich

Fakten statt Framing

»Gegen alle Arten von Rassismus«: Gelbwesten am 19. Februar in Toulouse wenden sich gegen Hass in den eigenen Reihen. Foto: imago/ZUMA Press

»Es lebe das vereinte, von allen Ängsten befreite Frankreich«, schallt es aus der Menge. Wieder einmal versammeln sich auf der Place de la République Franzosen aller Couleur, um den Gegnern der Republik den Kampf anzusagen.

Auslöser waren die antisemitischen Attacken gegen Alain Finkielkraut. Als »dreckiger Scheißzionist« war der französische Philosoph von einem Demonstranten der »Gelbwesten« beschimpft worden, einem Salafisten mit Palästinensertuch. Ein Indiz für die Verrohung einer Bewegung, die in ihrer Zerfallsphase zum Spielball radikaler Gruppen wird.

Es lebe das vereinte, von allen Ängsten befreite Frankreich? Die Parole klingt so unglaubwürdig wie »Der König ist tot. Es lebe der König«. Wie lange kann eine Republik von der Guillotine verschont werden, wenn sie die Augen vor der Wahrheit verschließt? Ohne über den Niedergang eines Systems orakeln zu wollen, sollte doch der Blick geschärft werden für die Bruchstellen eines Landes. Frankreichs öffentliche Solidaritätsbekundungen scheinen leerzulaufen.

Wunschdenken »Antisemitismus, das ist nicht Frankreich« – dieser ad nauseam wiederholte Kampfruf ist ein letzter Versuch, die Wirklichkeit dem republikanischen Wunschdenken passend zu machen. Es ist, als hätte die französische Regierung ähnlich wie die ARD Framing‐Spezialisten beauftragt, um dem verängstigten und verärgerten Volk verbale Rettungsringe – samt rosaroten Brillen – zuzuwerfen.

Finkielkraut warnt schon lange vor einer blinden Migrationspolitik, die den radikalen Islam ignoriert.

Finkielkraut sieht in sprachpolitischen Strategien schon lange eine Gefahr. Allein der Begriff »Migrant« sei irreführend, da er eine neutrale Haltung zur Republik suggeriere, ohne den religiösen oder politischen Hintergrund zu berücksichtigen. Immigration sei das letzte Refugium eines »ideologischen Antirassismus«.

ISLAM Grund genug für viele, Finkielkraut in die rechte Ecke zu stellen. Seit Jahren steht er im Visier einer islamfreundlichen Linken, die sich nach der Attacke erdreistete, dem Betroffenen selbst die Schuld für das Geschehen zuzuweisen. Aude Lancelin, Journalistin und Kandidatin der ultralinken Bewegung »La France Insoumise«, sprach gar von »Fake News«; Antisemitismus sei erfunden und werde instrumentalisiert, um politische Gegner schachmatt zu setzen.

Was wie ein infamer Einzelfall wirkt, hat in der Tat eine lange Tradition in der französischen Politik. Die »Islamo‐Gauchistes«, islamfreundliche Linke, versuchen sich seit Jahren an einer Neudefinition der Täter‐Opfer‐Verhältnisse, indem sie Muslime zu den neuen Juden machen. Das »Framing« der Muslime als benachteiligt im Vergleich zur inzwischen doch wohl akzeptierten jüdischen Gemeinde greift in weiten Teilen einer sich als links begreifenden Bevölkerungsschicht.

Ein Beispiel dafür ist der Fall »Charlie Hebdo«. Als die Drohungen von islamistischer Seite wegen der satirischen Mohammed‐Zeichnungen des Satire‐Blattes zunahmen, distanzierten sich die meisten Zeitungen aus Angst davor, die muslimische Leserschaft zu verprellen. Charb (Stéphane Charbonnier), einer der bei dem Attentat auf das Magazin ermordeten Journalisten, hatte sich scharf gegen die abstruse Analogie von Juden und Muslimen ausgesprochen: »Gab es 1931 etwa einen internationalen Terrorismus, der sich vom orthodoxen Judentum herleitete?«

CHARLIE »Je suis Charlie« war die Antwort. Solidarität erschöpfte sich in einem Slogan, der von seinen Apologeten ins­trumentalisiert wurde. »Charlie Hebdo« ätzte mit Humor gegen die islamistische Gefahr, ganz im Gegensatz zu den »Je suis Charlie«-Fans, die schnell das Blatt wendeten und auf ihr Sujet, die Unterdrückung durch »die Herrschenden«, abhoben. Das kultur‐ und religionspolitische Problem wurde vereinnahmt von der althergebrachten Klassenpolitik.

Alain Finkielkraut ist einer der wenigen Intellektuellen, die sich mit beiden Problemen auseinandersetzen. Am Anfang stand er klar zu den Gelbwesten, da er sich als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit sieht. Er blendete aber nicht die Risiken aus, die mit einer unkontrollierten Einwanderung und mangelnder Integration verbunden sind. Die Verweigerung eines Schwarz‐Weiß‐Denkens und eines vorgegebenen »Frame« machen ihn zur Zielscheibe von Linken, die ihn zum Rassisten und Rechten abstempeln, aber auch von Rechten, die eine zionistische Verschwörung mit Macron an der Spitze wittern.

ALIJA Was aber bedeutet es für die französischen Juden, wenn sich Oben und Unten, Rechts und Links zu einem unheiligen antisemitischen Amalgam verquicken? 2018 ist die Anzahl der antisemitischen Vorfälle um 71 Prozent gestiegen. Alija scheint der Rettungsanker für die jüdische Gemeinde zu sein. Den Plänen, in Israel eine Heimat zu finden, tun auch die Erzählungen der Rückkehrer keinen Abbruch. Kurzfristig sinkende Auswanderungszahlen, enttäuschte Berichte von einigen wenigen Olim schmälern nicht die Hoffnung. Allerdings hieße es, die Ängste und den Realitätssinn der französischen Juden zu verkennen, wenn man glaubt, sie mit Träumen und Slogans locken zu können.

Deborah L. lebt seit 15 Jahren in einem Vorort von Tel Aviv. Ihr Ehemann ist Informatiker, sie selbst unterrichtet Französisch. Mit vier Kindern sind sie aus Paris nach Nizza aufgebrochen, dann nach Amerika und schließlich Israel. »Es braucht Zeit, sich einzugewöhnen«, sagt sie. »Zurück aber will ich um keinen Preis.« Sie und ihr Mann hätten das Glück gehabt, einen Job zu finden und schnell integriert zu sein. Das sei die Voraussetzung für eine geglückte Alija.

Der Philosoph sympathisierte anfangs mit den Gelbwesten und ihren sozialen Anliegen.

Die israelische Regierung hat das erkannt und Ende 2018 einen Plan präsentiert, der französische Juden zur Alija ermutigen soll. 200.000 von 550.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Frankreichs sollen ausreisewillig sein. Aus den Erfahrungen von 2015 hat Israel gelernt: Damals waren weit weniger Franzosen als gedacht der Einladung nach Israel gefolgt. Ein angsterfüllter Mensch ohne Perspektive bricht selten auf. David C., ein Student der Betriebswirtschaft, sagt dazu: »Wenn die Baseline stimmt, packe ich die Koffer.«

Der Fall Finkielkraut beweist: Mit Slogans und Framings ist es nicht getan. Eine Alija wird vom Traum zur Wirklichkeit, wenn die Fakten es diktieren.

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